Bambi 2006: Das Model und der Schwabe

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Das Mercedes-Benz-Museum, Ruhmeshalle schwäbischer Wirtschaftskraft, war der richtige Ort für die Bambi-Verleihung 2006: Statt künstlerischer Qualität wurde unverhohlen das freie Unternehmertum gefeiert. Gegen so viel kühle Zahlenhuberei konnte nicht mal Harald Schmidt bestehen.

So eine Autohauseröffnung ist eine feine Sache. Werben, verkaufen und Kleinkunstdarbietungen gehören bei dieser Art von Veranstaltung zusammen. Das Mercedes-Benz Museum Stuttgart hatte ja erst im Mai dieses Jahres in seinen neuen Räumlichkeiten den Betrieb aufgenommen; dass es gestern als Austragungsort für die 58. Bambi-Vergabe nun im großen Stil der Fernsehöffentlichkeit präsentiert wurde, machte da durchaus Sinn: Der vom Burda-Verlag ausgerichtete Abend war schon immer die Preisverleihung, wo man Produkte feiern und verscheuern kann wie auf keiner zweiten.

Bambi-Moderatoren Padberg, Schmidt: "Stuttgart ist toll, die Läden sind voll"
REUTERS

Bambi-Moderatoren Padberg, Schmidt: "Stuttgart ist toll, die Läden sind voll"

Mit Harald Schmidt hatte man dann auch den richtigen Ranschmeißer für die gut zweieinhalbstündige Verkaufsschau gefunden: Er führte als Mischung aus Alleinunterhalter, Schulterklopfer und Losverkäufer durch das öffentlich-rechtliche Promo-Event. Das Model Eva Padberg, das als Co-Moderatorin eingekauft worden war, musste in der großen Schmidt-Show natürlich untergehen. Zu sehr war der gleichermaßen ironische wie geschäftstüchtige Schwabe hier in seinem Element.

Eröffnet wurde der Abend von ihm dann auch mit einem Standortbekenntnis und einer Selbstanalyse: "Ich bin endlich da, wo ich hingehöre: in einem Autohaus." Dann schwäbelte er sich durch eine ganz eigene Version von "New York, New York", die er fürs örtliche Publikum schmeichelhaft umdichtete. "Stuttgart ist toll, die Läden sind voll" bollerte Schmidt über den Swing der ARD-Showband.

Der baden-württembergische Landesfürst Günther H. Oettinger im Auditorium lächelte wohlwollend. Erst letzte Woche hatte er sich ja noch mal auf dem CDU-Parteitag als Sprachrohr der Wirtschaftslobbyisten hervorgetan, und nun konnte er seinen Kritikern zeigen, was seine Politik zu bewirken vermag: Wohlstand für alle.

Insgesamt geriet der Abend im Mercedes-Benz-Museum zu einer Feier des freien Unternehmertums und der Umsatzsteigerung. So wurden generell weniger die künstlerischen Leistungen der Geehrten gefeiert als die damit einhergehenden kommerziellen Erfolge. Oder formulieren wir es anders: Meist ging es um nackte Zahlen – hilflos bemäntelt in porösem Sonntagsredenschönklang. So wurde der obligatorische Hollywood-Promi Samuel L. Jackson vor allem deshalb geehrt, weil die addierten Einnahmen aller seiner Filme sich angeblich auf drei Milliarden Dollar belaufen. Rechnen können sie, die Schwaben.

Ein bisschen schade war es da, dass die Auszeichnung des wirklich tollen Fernsehfilms "Margarete Steiff" da ebenfalls zur schnöden Lobpreisung mittelständischer Chuzpe geriet. Schließlich gilt die behinderte schwäbische Kuscheltierfabrikantin als Inbegriff einer frühen Selfmade-Frau, was man auch immer wieder in den Reden und Danksagungen hervorhob.

Gleich zweimal wurde das Historiendrama ausgezeichnet: Das Publikum wählte ihn zum besten Film, und die Bambi-Jury kürte Heike Makatsch als beste Hauptdarstellerin. Die schwangere Schauspielerin gehörte an diesem Abend zu den ganz wenigen, denen es gelang, ein bisschen Charme auf die bunt, aber kalt ausgeleuchtete Mercedes-Benz-Bühne zu zaubern.

Veranstaltungen wie die Bambi-Verleihung zeigen ja immer aufs Unterhaltsamste, wer bei wem am Tropf hängt. Und interessanterweise gelang es nicht mal Scherzbold Harald Schmidt, sich mit seiner Ironie von der Leben-und-sterben-lassen-Schose in Stuttgart gänzlich zu distanzieren. Als er den Laudatoren Thomas Gottschalk auf die Bühne lobte und dabei Witze über dessen Löckchen riss, konterte der ebenfalls mit einem Frisurengag. Schmidts Haarschnitt, meinte Gottschalk, erinnere ja inzwischen an den halbkahlen Dr. Hubert Burda - also jenen Verlagshaus-Chef, der unten im Publikum saß und die ganze Preisvergabe spendiert hatte. Zuvor hatte Schmidt noch stolz erklärt, jemand habe ihm vor der Show zugeraunt: "Sie sehen ja gar nicht so aus, als ob sie dazu gehören." So einfach ist das natürlich nicht mal für Schmidt: Machste mit, biste drin, kommste nicht mehr raus.

Wie unauflöslich Industrie und Kultur miteinander verquickt sind, wird beim Bambi immer wieder am augenfälligsten, wenn der Telekommunikationsanbieter O2 sich großflächig in Szene setzen darf: Das Unternehmen sponserte die Wahl des Publikumsfilms und ließ dabei die aus den Werbespots bekannten Wassertropfen über die Bildschirmwand im Hintergrund perlen. Präsentiert wurde dieser Abschnitt des Abends von der Schauspielerin Veronika Ferres, die ja bekanntlich auch 02-Werbeträgerin ist. Und Opernsängerin Anna Netrebko wirkte ebenfalls schon in einer Produktinformation des Handy-Dealers mit; sie wurde gestern mit dem Klassik-Bambi ausgezeichnet.

In der ARD diskutiert man ja zur Zeit viel über Werbeverträge von Mitarbeitern, an Werbeverträge möglicher Bambi-Preisträger sollte man ruhig ebenfalls ein, zwei Gedanken verschwenden.

Auch Franz Beckenbauer hat ja mal für O2 geworben. Gestern Abend verteilte er nun die Sonderpreise zum WM-Engagement. Drei Trophäen wurden an drei Helfer stellvertretend für die über 15.000 Freiwilligen überreicht. Beckenbauers Laudatio geriet – vielleicht angeheizt durch den ökonomischen Grundoptimismus in der Mercedes-Benz-Halle – zu einer Brandrede für unbedingten Unternehmergeist und Deutschland-Engagement. Auf die international gefeierte Präsentation der WM in Deutschland anspielend rief er in seiner Rede: "Einen solchen Traum muss man sich erarbeiten!" Fortschritt, Wohlstand, Gemeinsinn wurden so zu den großen Themen der Bambi-Verleihung, die für alle Beteiligten doch eigentlich eher eine Werbeshow in eigener Sache ist.

Als im Anschluss in den "Tagesthemen" verkündet wurde, dass in Deutschland die Arbeitslosigkeit unter die Vier-Millionen-Marke gefallen ist, war man so aufgeputscht von der geballten schwäbischen Unternehmereuphorie beim Bambi, dass man am liebsten gleich eine eigene Firma gegründet hätte. Danke, Stuttgart!

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Forum - Harald Schmidt - auf dem Weg in die Belanglosigkeit?
insgesamt 136 Beiträge
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1. Erster!!!!!!!!
Daniele 01.12.2006
Also, bis jetzt ist davon noch nichts festzustellen. So krass wie früher ist er nicht mehr, aber ich finde ihn persönlich trotzdem klasse. Die Bambi Verleihung war allerdings ein Quatsch, besser, er kommentiert solche Veranstaltungen im nachhinein.
2.
kaeskopp 01.12.2006
Ich finde Harald Schmidt immer noch spitze! Vielleicht hat er manchmal nicht mehr die Schärfe der alten Sendungen, das mag aber auch am neuen Sender liegen. Dennoch bleibt Schmidt im deutschen Fernsehen die Nr.1, vergleicht man z.B. die Sendungen von TV Total und Stefan Raab, hat die Qualität im Vergleich zu früher und im Vergleich zu Harald Schmidt deutlich abgenommen. Intteligente Late-Night-Komik ist eben unschlagbar!
3.
kurzundknapp 01.12.2006
Kommt man in sein Alter, nimmt man vieles nicht mehr so wichtig. Also.... Lasst ihn in Ruhe!!
4.
H. Krämer 01.12.2006
"Belanglos" finde ich hier einzig den scheinbar aufreisserischen Titel. Eine Bambi-Verleihung ist eben keine Late-Night-Show. Bambi ist ein Weichspül-Programm - Late-Night und Lenor sind ein Widerspruch in sich. Das Late-Publikum sucht und verträgt auch (härtere) Spitzen und legt nicht ganz soviel Wert auf wohlwollendes Schönreden (Lügen) wie die prominenten Sensibelchen einer Bambi-Veranstaltung.
5.
everlast_11 01.12.2006
Zitat von sysopNach eigenem Bekunden will Harald Schmidt künftig weniger polarisieren, auf kontroverse Ansätze und Bosheiten verzichten. Bahnt sich verfrühte Altersmilde an, oder fällt dem einst ätzenden Analytiker schlicht nichts mehr ein? Wie finden Sie den "neuen" Harald Schmidt?
Er ist bei weitem nicht mehr so bissig und vor allem witzig, wie er früher einmal war. Im Vergleich zu den meisten anderen (Late Night) Talkern ist er aber immer noch am erträglichsten.
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