Bandenkriege in L.A. Dealen, schießen, rappen

Die blutigen Bandenkriege in den Slums der amerikanischen Metropolen sind außer Kontrolle. Immer mehr Jugendliche geraten in den Sog der zahlreichen Gangs, deren gewalttätiges Image auch von den ruhmreichen Rappern der milliardenschweren HipHop-Industrie glorifiziert wird.

Von Helmut Sorge, Los Angeles


Crack rauchendes Gang-Mitglied in L.A.: Raub, Totschlag, Dealen - Alltag in Amerika
Volker Corell

Crack rauchendes Gang-Mitglied in L.A.: Raub, Totschlag, Dealen - Alltag in Amerika

Sein Gesicht scheint wie von Pocken gezeichnet. Unter dem linken Auge ist eine halbmondförmige Narbe erkennbar. Seine Finger sind von Nikotin gelb gefärbt, sein ergrautes, ärmelloses T-Shirt war wohl einmal weiß. Die Tätowierungen an beiden Armen sind kunterbunt - Herzen, ein Adler, ein Kreuz. Der Mann sitzt auf einer Treppe; vor der Tür liegen zerbrochene Fensterscheiben. "Wie lange warst Du diesmal weg", will der Polizist wissen, einer der Bandenexperten der Polizei von L.A. "On the job?", fragt der Tätowierte zurück: Zuchthaus ist für Knastveteranen eben "Arbeit", eine Baustelle des Lebens. "Neun", sagt er schließlich. Jahre, nicht Monate.

Manùel heißt er. So zumindest stellt er sich vor. Vielleicht ist er aber auch Hector. Oder Juan. Namen sind Nebensache in Boyle Heights, einem Viertel im östlichen L.A.. Namen stehen auf Fahndungslisten, im Vorstrafenregister, auf dem Totenschein.

Rapper Eminem (mit Brittany Murphy) in "8 Mile": Optimistische Trash-Romantik
Reuters

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Der Fahnder kennt Manùel, Juan oder Hector. Vor einiger Zeit hat er dessen Sohn gesehen. Tot. Unter einem weißen Laken. Natürlich war er zufällig vor der Tür, morgens um eins. Den Jungen haben sie ohne seinen Vater begraben müssen, der insgesamt mehr als 20 Jahre seines Lebens hinter Gittern abgesessen hat - wegen seiner Bandenzugehörigkeit und allem, was dazu gehört: Raub, Totschlag, Dealen. Alltag in Amerika. Normalität in Boyle Heights, wo sechzig Banden gezählt werden, geschätzte 8000 Mitglieder. Gangs, die sich "The Mob Crew" nennen, die "Al Capone Rascals", oder "Clarence Street Locos". Nicht Marx, nicht Jesus, sondern Maschinenpistolen oder Revolver bestimmen ihre Existenz. Sie schießen, weil sie dealen wollen, ungestört von Rivalen.

Seit Jahrhunderten sind Gangs in den USA aktiv, irische, deutsche, Einwandererkids, die Identität suchen, überdies die von der Mafia beschworene "famiglia". Nun ist wieder Krieg in den Gettos von L.A., in South Central, in Watts oder in Boyle Heights. Mehr Menschen fallen in den Straßen der US-Metropolen, als die US-Streitkräfte im Golfkrieg und bei ihrem Afghanistaneinsatz verloren. Der globale Terrorismus irritiert Politiker, FBI und CIA, während nur ein Dutzend Kilometer von den Villen von Beverly Hills und Bel Air entfernt die Armen ihre Kinder begraben, jene, die zufällig in das Kreuzfeuer geraten sind - im Schatten der Freiheitsstatue.

Ermordeter Rapper Tupac Shakur: 13 Millionen posthum verkaufte Alben
REUTERS

Ermordeter Rapper Tupac Shakur: 13 Millionen posthum verkaufte Alben

Washington bewilligt derzeit Milliarden, um die vom Koran beseelten Terroristen zu bekämpfen, aber allein im vergangenen Jahrzehnt, so Schätzungen, fielen mehr US-Bürger oder Einwanderer in den heimatlichen Bandenkriegen, als die al-Qaida in den USA je töteten, das World Trade Center eingeschlossen. Die Budgets der Städte reichen weder zur Rekrutierung von mehr Polizisten, noch zur Einstellung von Lehrern. Stattdessen verordnen Richter Ausgangssperren für Gettokids, wagen sich Kinder nicht mehr zu Fuß auf den Schulweg.

Soeben hat Curtis Hanson, einer der nachdenklicheren Regisseure Hollywoods ("L.A. Confidential") mit "8 Mile" die Entwurzelung der amerikanischen Gettojugend aufgezeichnet, die Verelendung von Städten wie Detroit. Mit seinem Hauptdarsteller, dem weißen Rapper Eminem (bürgerlich: Marshall Mathers III) ist er in den Wochen vor den Dreharbeiten durch die Avenues seiner Heimatstadt gewandelt, vorbei an ausgebrannten, geplünderten und vernagelten Ruinen, deprimierenden Denkmälern jener Epoche, als die Automobilwerke von Ford und General Motors noch industriellen Grandeur symbolisierten, das scheinbar grenzenlose Amerika, selbstbewusst, noch nicht gedemütigt in Vietnam, noch nicht provoziert vom internationalen Terrorismus.

Gang-Mitglieder: "Perverse Mischung aus Ruhm und Gewalt"
Volker Corell

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"8 Mile", das war in Detroit die imaginäre Trennungslinie zwischen Schwarz und Weiß. Tatsächlich, auch das dokumentiert Hanson eindringlich, sind die Rassen vereint, sind gemeinsam Vergessene des amerikanischen Traums. Im Film lassen sich die Kids treiben, folgen allein ihrer Faszination für HipHop und Rap. Die Sprache, die sie verstehen, sichert ihre Identität.

In seinem Kino-Drama bleibt Hanson, selbst Jazzfan, allerdings optimistisch: Die Kids ziehen zwar ihre Waffen, aber sie töten nicht. Der Hauptdarsteller Jimmy Smith (Eminem) beeindruckt seine schwarzen Kumpel mit Rap-Lyrik und entschwindet bei Einbruch der Nacht in einer Fabrik zum Arbeiten. Wie im wahren Leben muss sich Eminem auch im Film mit einer Mutter auseinander setzen, die für ihren "Trailer" in der Wohnwagen-Siedlung die Miete nicht mehr bezahlen kann, eine verblasste Schönheit (gespielt von Kim Basinger), die trinkt und flucht und - unfreiwillig - ihren Sohn mit verbalem Trash versorgt, den er später für seinen Rap gebraucht: gegen Schwule, gegen Frauen, fuck, fuck, fuck - mindestens 150-mal kommt das Schimpfwort in Hansons Film vor.

Manch einer der Rapper, deren Worte auf dem Soundtrack von "8 Mile" zu hören sind, starb inzwischen im Bandenkrieg: 1996 hatte Tupac Shakur (2Pac) gemeinsam mit dem Rap-Mogul Marion "Suge" Knight und vier Mitgliedern der "Bloods"-Bande einen Rivalen namens Orlando Anderson in einem Hotel von Las Vegas zusammengeschlagen. Einige Stunden später rollte plötzlich ein weißer Cadillac neben dem von Knight gesteuerten BMW, Schüsse fielen - sechs Tage später starb Shakur an seinen Verletzungen.

Weibliche Gang-Mitglieder bei einer Verhaftung in L.A.: Nicht alle sind kriminell
Volker Corell

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Das Töten nahm fortan kein Ende mehr: Zwei der "Bloods", die im Hotel mitgeprügelt hatten - tot. Der einzige Zeuge, der aussagen wollte: erschossen. Orlando Anderson: ermordet. Sechs Monate nach dem Tod Tupacs fiel sein Erz-Rivale The Notorious B.I.G., 1998 stirbt der Rapper Big L, neun Schüsse trafen ihn. Vor einem Hotel im New Yorker Stadtteil Queens wird Freaky Tah, Mitglied der Rappergruppe Lost Boyz hingerichtet. Vor wenigen Wochen schließlich ermordete ein Unbekannter DJ Jam Master Jay von Run DMC.

HipHop ist in Amerika ein Multimilliardengeschäft, Rap sichert derzeit 13 Prozent der Umsätze der Musikindustrie, und selbst Tote schaffen mit HipHop immer wieder den Aufstieg in die Hitparaden. Die Shakur-Erben bringen dieser Tage sein achtes Album auf den Markt: "Better Dayz". Nur wenige davon wurden zu seinen Lebzeiten veröffentlicht. Der CD-Absatz des verblichenen Rappers nimmt dennoch ständig zu - 13 Millionen Alben wurden seit seiner Ermordung verkauft. Mit Rap identifizieren sich nicht mehr allein schwarze Gettokids - die Mode, die Sprache der Rapper, der introvertierte Protest, der verbalisierte Frust, der rülpsende Rhythmus, die Provokation ist längst ein globales Phänomen.

Street-Gang "Los Compadres": Einwanderer auf der Suche nach Identität
Volker Corell

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Rap schreckt die braven Bürger nicht allein, weil Tätowierungen und Piercings, grünes oder gelbes Haar, en vogue ist oder Trash-Talk von Kindern als Kunstform zelebriert wird, sondern sich in der HipHop-Welt, wie die "L.A. Times" glaubt, eine "perverse Mischung aus Ruhm und Gewalt" entwickelt hat. Einige Rapper, etwa Sean "Puffy" Combs oder Eminem selbst, sind wegen Waffen-Vergehen angeklagt worden. Tupac Shakur hat im Knast gesessen, sein Kollege Jay-Z, der es inzwischen auf sieben Platin-Auszeichnungen brachte und einen Bekleidungskonzern besitzt, der in diesem Jahr 300 Millionen Dollar Umsatz machen soll, hat in frühen Jahren in einer Sozialsiedlung in Brooklyn mit Crack gedealt und später einen Musikmanager niedergestochen.

In Spike Lees Film "Clockers" (1995) sitzen die "Homies", die Bandenmitglieder, auf einer Bank, wie's so üblich ist in ihrer Welt, und denken darüber nach, welcher Star der Rap-Welt die kriminelle Energie konstruktiv umsetzt: Chuck D etwa? "Nein, der hat nie jemanden erschossen". Andere Rap-Kollegen? "Die haben nie wegen Mordes gesessen". 14 Prozent der US-Bevölkerung ist zwischen 12 und 19 Jahre alt, und 18 Prozent der Gewaltverbrechen werden den Heranwachsenden angelastet, darunter 15 Prozent aller Morde in den USA.

Die Verherrlichung der Rapper und die Verdrängung ihrer kriminellen Taten, machen Polizisten mitverantwortlich für die Kriminalisierung der Gettokids, die in Los Angeles in Sozialsiedlungen wie Jordan Downs, Nickerson Gardens oder Aliso Pico existieren, 17 "housing projects" sind es insgesamt, in denen die Banden rekrutieren, dealen und herrschen.

Getöteter DJ Jam Master Jay: Das Morden nimmt kein Ende
REUTERS

Getöteter DJ Jam Master Jay: Das Morden nimmt kein Ende

Über Jahrzehnte haben Universitätsprofessoren das Bandenwesen analysiert, hat die Polizei "gang units" etabliert und Sozialhelfer eingesetzt, ist die Geschichte jenes Stanley Williams erzählt worden, der vor 30 Jahren einer der Mitbegründer der "Crips"-Bande war und nun wegen vierfachen Mordes in der Todeszelle von San Quentin auf seine Hinrichtung wartet. Sein Gnadengesuch wurde kürzlich abgelehnt, obgleich der Todeskandidat heute gegen Gewalt predigt und schreibt, und die Kids davor bewahren will, ihn als Vorbild zu sehen. Dennoch sind, so Schätzungen, heute rund 150.000 Bandenmitglieder in und um L.A. aktiv. Nicht alle sind kriminell, sondern Straßenkids, die gemeinsam herumgammeln und nach einer Identität suchen. Viele sind Latinos, Einwandererkids, die in der Isolation der Armut leben, nie Englisch lernten. "Wenn junge Leute zunehmend ihre Beerdigung und nicht die Zukunft planen", hat ein Jesuiten-Priester einmal gesagt, der in Boyle Heights die Straßenkrieger beerdigte, "dann sollte uns das alarmieren".

Vor wenigen Tagen rückten am Wilshire Boulevard in Beverly Hills Sondereinheiten der Polizei in Kampfanzügen an, sie trugen Helme und kugelsichere Westen. Al-Qaida-Alarm? Nein, nur Rap und Crime. Die Ordnungshüter zertrümmerten morgens um Fünf die Glastüren im Bürohaus der Plattenfirma Tha Row Records von Marion "Suge" Knight. Drei Männer wurden - vorübergehend - festgenommen. Verdacht auf eine Verschwörung zum Mord. Knight, behaupteten sie, werde nicht verdächtigt. Gleichwohl drangen sie in das Anwesen des Rappers in Malibu ein und legten seiner Ehefrau vor der Durchsuchung Handschellen an - "als Vorsichtsmaßnahme". Der im harten L.A.-Viertel Compton aufgewachsene Sohn eines Hausmeisters war erst im August letzten Jahres, nach vier Jahren im Knast, entlassen worden.

Rap-Mogul Knight: Mit den "Bloods" verbandelt
REUTERS

Rap-Mogul Knight: Mit den "Bloods" verbandelt

Der Mega-Produzent (ehemals Entdecker von 2Pac und Gründer von Death Row Records), den Stars wie Dr. Dre längst verlassen haben, gerät immer wieder unter Verdacht, weil er sich seit Jahren mit den Brutalos der "Bloods" umgeben hat. Die haben sich unterdessen zerstritten und sind in die "Mot Pirus" und die "Flirt Town Pirus" zerfallen. Die Folge: Mord um Mord, Rache nach dem Ur-Prinzip. "Wir haben es nicht mit einem Bandenkrieg zu tun", analysiert Captain James Miller, "sondern mit mehreren". In dem ihm unterstehenden Polizeirevier zählte er in diesem Jahr bereits 77 Banden-Totschläge. Nur in welchen der 46 aktiven Banden in Millers Verantwortungsbereich sind die Täter zu finden? "Das", bestätigt der Polizist, "ist ein echtes Problem".



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