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Banker-Soap in der ARD: Einen Cognac auf die Krise!

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Ist die ARD noch zu retten? Nachdem das Erste mit allzu realitätsnahen Serien Schiffbruch erlitten hat, singt es jetzt in der Protzserie "Geld.Macht.Liebe" ein Hohelied auf die gute alte Hochfinanz. Hier werden Top-Banker und Geldadel noch einmal wie Popstars gefeiert.

"Was macht der Nikkei?" So eine kleine Börseninfo am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen - jedenfalls beim Banker Markus von Rheinberg (Roland Koch), der lässig aus dem Cabrio der Gattin springt, um sich von seinem Berater die neuesten Entwicklungen des Index zuraunen zu lassen. Da lächelt der Finanzspezialist lustvoll, als sei ihm eine süße kleine Schweinerei ins Ohr geflüstert worden.

Nein, von Krisenstimmung kann bei der ARD nicht die Rede sein. Nach einer Reihe eigenproduzierter Flops hat man zwar gerade auch noch wegen katastrophaler Quoten die ambitionierte Vorabendserie "Eine für alle" beerdigt, doch die Finanzseifenoper "Geld.Macht.Liebe" wird nun nach Ansicht der Programmgewaltigen die ARD-Aktie wieder nach oben treiben.

Diesen Glauben an deutsche Kredithäuser darf man tatsächlich gesamtgesellschaftlich lesen: Ging es in der frisch gescheiterten Mittelstands-Soap "Eine für alle" darum zu zeigen, wie das Handwerk in der deutschen Provinz verzweifelt gegen internationale Heuschrecken in den Kampf zieht, sorgt in der neuen Serie nun der gute alte Banker für Top-Rendite und eine tolle Figur auf dem Weltfinanzmarkt.

Die Parallelen zu existierenden Bankerpersönlichkeiten liegen, gewollt oder ungewollt, auf der Hand. Während der reale Hochfinanz-Manager beim Volke derzeit nicht sehr hoch im Kurs steht, erfreut sich der fiktive Kredithauspatriarch in "Geld.Macht.Liebe" höchster Sympathiewerte bei den Frankfurter Bürgern und Medien. In der Pilotfolge, die am Montag gesendet wird, feiert sein Familienunternehmen 150-jähriges Jubiläum; Rheinberg und sein Clan laufen vor der Party einen roten Teppich runter und sonnen sich in Blitzlichtgewitter und Fan-Chören. Der Banker als Popstar - unfassbar, zu was sich die ARD-Gewaltigen in ihrer Verzweiflung doch hinreißen lassen!

International steht das Erste mit diesem Hochfinanzfiebertraum allerdings nicht alleine da. Ausgerechnet in der Weltwirtschaftskrise kommt es nämlich gerade zu einer Renaissance alter serieller Glamour-Konzepte. Dass in den USA die Rich-Kids-Kolportage "Beverly Hills 90210" neu aufgelegt wurde (läuft zurzeit auf ProSieben), ist lediglich ein Randindiz.

Wichtiger für die Verantwortlichen der ARD bei ihrer Entscheidung für "Geld.Macht.Liebe" war wohl, dass renommierte öffentliche Fernsehanbieter überall auf der Welt gerade Traumquoten mit ähnlich altbackenen Kapitalismusmärchen einfahren - so zum Beispiel in Kanada die CBC mit der Großgrundbesitzer-Endlosschmonzette "Wild Roses" oder in England die BBC mit "Hotel Babylon", einem Geld-und-Tränen-Dramolett aus der Welt der Fünf-Sterne-Hotels.

Offensichtlich schätzt es der Zuschauer in Zeiten der Krise, darüber informiert zu werden, dass auch die Oberen Zehntausend mit Zahnweh und Psycho-Zipperlein zu kämpfen haben, statt in realitätsnahen Szenarien mit den eigenen Nöten konfrontiert zu werden. Dieser Logik nach müsste "Geld.Macht.Liebe" ein echter Erfolg werden, denn ferner von der Wirklichkeit des Quotenvolks könnte diese Mixtur aus "Guldenburgs" und "Dallas" vor Bad Homburger Pferdegestütskulisse nicht sein.

Das hier gepflegte Frühstücksritual wurde denn auch gleich ganz bei der legendären texanischen Ölbohrer-Saga geklaut. Während Domestikenhände fleißig und leise aus dem Hintergrund frisch gepressten Orangensaft nachgießen, kann man sich einen guten Überblick übers umfangreiche Handlungspersonal verschaffen. Die gütige Mutter (Susanne Schäfer), die verstoßene Schwester (Angela Roy), der geplagte Erbfolger (Johannes Zirner), die intrigante Partymaus-Tochter (Jytte-Merle Böhrnsen) - sie alle kämpfen nach den üblichen Seifenopernvorgaben um ihr Glück. Der eine will mehr Macht, der andere würde sie gerne abgeben. So hat jeder sein Leid zu tragen.

Doch der Schmerz hält sich in Grenzen: Immer wenn es allzu anstrengend wird, reiten die Protagonisten aus oder gehen gemeinsam auf Jagd. Manchmal setzt sich der eine oder andere männliche Vertreter der Rheinbergs auch spät nachts ans Klavier und spielt melancholisch "Summertime"; in solchen Momenten kommt eine wunderschöne splitternackte Geliebte dazu und gießt Cognac nach.

Wird dieser altehrwürdige Geldadel-Alltag denn durch keinerlei zeitaktuelle Einflüsse gestört? Nicht wirklich. Zwar fällt schon mal das Wort "Bad Bank" oder man muss sich mit russischen Energiekonzernen rumschlagen, die Namen wie "Moskau-Prom" tragen, und manchmal stört auch ein amoklaufender Pleitier das Idyll zwischen Frankfurt und Bad Homburg. Im Grunde genommen aber hat man ausreichend Zeit, die immer neuen familieninternen Querelen zu klären.

Bislang sind nur 19 Folgen von der Serie abgedreht, denn ganz so optimistisch ist die ARD nun auch wieder nicht. Sein oder nicht sein - hierüber bestimmt bei den Öffentlich-Rechtlichen wie bei allen anderen Fernsehanbietern immer noch der Markt. Da haben die "Geld.Macht.Liebe"-Produzenten sehr viel schwerer an der Realität zu tragen als ihre von jeglichen kapitalistischen Zumutungen befreiten Hochfinanzhelden: Die saufen sich gepflegt die Hucke voll, als wäre das Leben ein einziger langer Cognac-Spot.


"Geld.Macht.Liebe - Die Rheinbergs", Montags 20.15 Uhr, ARD

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
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1. ah mein Geld
lefulama 06.07.2009
das Geld anderer Mensch ist einfacher ausgegeben als das eigene.
2. Ist doch Ok
newright 06.07.2009
Nicht alle Banker sind schlecht. ARD kann feiern wen sie will, sie feiert auch jeden Tag unsere Politiker. Die in Wahrheit die Schuldigen an der Krise sind nicht die Banker.
3. Keine Rettung
spydergyrl 06.07.2009
Oh. Ich dachte immer, sorgenschwere Mienen in luxuriösem Ambiente seien ein sicheres Indiz dafür, das ZDF eingeschaltet zu haben. Macht nix. Gut zu wissen, daß oben genanntes immer noch zur medialen Grundversorgung des dummen deutschen Michels gehört.
4. Mir (fast) egal
detommy 06.07.2009
Grundsätzlich soll jeder zeigen was er mag. Ich möchte aber für solch ein Müll einfach keine Gebühren mehr zahlen.
5. Grundversorgung
netzbuerger 06.07.2009
Wie schön, daß die öffentlich-rechtlichen Sender ihrem Grundversorgungsauftrag so gewissenhaft und werthaltig nachkommen. Wenn das mal keine Bereicherung für unsere Kultur ist! Grauenvoll, für welchen Mist zwangseingetriebene Gelder verschwendet werden. Die ÖR gehören gründlich zusammengestutzt.
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