Street-Art in Baden-Baden Banksy geht immer

Im Herbst schredderte der Street-Art-Künstler sein Bild nach der Versteigerung - als Kritik am Kunstzirkus. Nun stellt ein deutsches Museum das Werk aus und führt Banksys Aktion ad absurdum. Ein Ortstermin.

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Ist es vielleicht der Mann mit dem gut geölten Dutt, der dauernd am Telefon hängt? Der asiatische Student im schwarzen Trenchcoat, der mit dem betont teilnahmslosen Gesicht? Vielleicht der Typ, der für den Kameramann vom SWR das puschelige Mikro hält und dabei so seltsam grinst? Oder eine der beiden alten Damen mit den weinroten Baskenmützen? Jeder hier im Raum könnte der ominöse Banksy sein. Man weiß es nicht.

Mit Gewissheit lässt sich das nur über das Kunstwerk im abgedunkelten Kabinett des Museum Frieder Burda in Baden-Baden sagen: "Love is in the Bin", steht an der Wand daneben, ein echter Banksy: "Sprayfarbe, Acryl auf Leinwand auf Holzplatte, 142 x 78 x 18 cm, Künstlerrahmen". Dieser auffällig protzige "Künstlerrahmen" hatte es in sich - und zwar einen Schredder.

Kaum war das zu diesem Zeitpunkt noch "Girl with Balloon" betitelte Werk am 5. Oktober 2018 beim Londoner Auktionshaus "Sotheby's" für 1,2 Millionen Euro an eine unbekannte Bieterin versteigert worden, setzte sich in dessen Rahmen ein (vermutlich durch den Künstler selbst per Fernbedienung initiierter) Mechanismus in Gang, der das Bild vor den Augen der Weltöffentlichkeit schredderte.

Die geheimnisvolle Käuferin

Naja, nicht ganz. So richtig geschreddert oder gar "zerstört", wie kolportiert wurde, ist das Bild nicht. Die Beine des Mädchens hängen in genau 29 sauberen Streifen unter dem Rahmen, in dem noch immer der rote, herzförmige Luftballon schwebt. Darüber: nacktes Holz. Entweder versagte der Mechanismus auf halbem Weg. Oder der Künstler hatte es so geplant. Man weiß es nicht.

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Banksys geschreddertes Bild in Baden-Baden:

Wie man auch die anonyme Käuferin nicht kennt, die nach anfänglichem Schrecken begriffen hatte, "dass ich an mein eigenes Stück Kunstgeschichte gekommen bin". Der Umstand, dass sie das Werk von allen denkbaren Orten nun ausgerechnet im bürgerlich-beschaulichen Baden-Baden erstmals temporär und danach dauerhaft in der Staatsgalerie Stuttgart der Öffentlichkeit zugänglich macht, lässt die Vermutung zu, dass es sich um eine Deutsche handelt. Maria Furtwängler? Susanne Klatten? Trixie Dörfel? Man weiß es nicht.

Groß jedenfalls war der Andrang, als sich um zehn Uhr am Dienstagmorgen die Pforten des Museums öffneten. Erwartet werden bis zu 5000 Neugierige pro Woche, auf die das eher kleine Haus sich mit einem flughafenschleusenhaften Besucherleitsystem vorbereitet hat. - Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff und andere Vertreter der expressionistischen "Brücke" werden in den kommenden vier Wochen ein Mauerblümchendasein fristen. Den Banksy im Raum nebenan gibt's kostenlos.

Das Gros der Besucherinnen am ersten Tag kommt aus der Gegend, aus Ettlingen oder Heilbronn, manche sind aber auch eigens für das Ereignis aus den Niederlanden oder dem nahen Frankreich angereist. Zwei Schülerinnen haben ein Referat über Banksy halten müssen und sind seitdem fasziniert, ein älterer Herr glaubt zu wissen, dass der Vorgang der Zerstörung "einmalig ist in der Kunstgeschichte".

Nicht zu subversiv werden

Alle werden sie von Journalisten befragt, als wären sie Kunstexperten, und alle haben sie eine Meinung. Alle machen Selfies vor dem Objekt, das hinter Panzerglas vor Zugriff geschützt ist. Und nicht nur das. "Banksy ist kritisch, subversiv, er ist aber auch sehr intelligent, hat einen besonderen Humor und ist sehr clever", sagte Museumsdirektor Henning Schaper in einem Interview. Damit es nicht allzu subversiv und humorvoll wird, wurde denn auch der verborgene Mechanismus deaktiviert. Damit sich nicht unversehens etwas in Bewegung setzt und rasselnd noch mehr Kunstgeschichte produziert.

Flankiert ist die Ausstellung mit der Single "Good Song" von Blur, dessen Cover das Mädchen mit Ballon erstmals zierte - inzwischen gibt es das Motiv in 800 autorisierten Varianten. Auf einem Bildschirm läuft die Mockumentary "Exit Through The Gift Shop" von Banksy, auf einem anderen des Künstlers eigene Dokumentation der Vorbereitung der Aktion, wie er sie auf seinem Instagram-Account teilte.

Das Werk selbst, ursprünglich Instrument einer kunstkritischen Performance, wirkt wie in actu eingefroren und entschärft. Wenn das Bild etwas Auratisches hat, dann die ins Lächerliche kippelnde Melancholie einer präparierten Jagdtrophäe.

Es sollte in einer Unterführung in London prangen oder, wie in einer seiner politischen Abwandlungen, an der Mauer zwischen Israelis und Palästinensern. Aber im Museum? "Wenn du eine Kunstgalerie besuchst", erklärte Banksy einmal, "bist du nur Tourist im Trophäenkabinett von ein paar wenigen Millionären".

Die eigentliche Kritik der Street-Art ist kassiert, als "interessante" künstlerische Haltung eingepreist, der Impuls selbst musealisiert und zum Bestaunen freigegeben. "Gänsehaut pur", wie eine Besucherin sagt. Was in Baden-Baden wirklich sichtbar ist wie selten sonst, das ist die gespenstische Effizienz eines Marktes, der noch die Kritik an sich selbst zu Geld macht.

Museen sind nachgeordnet in dem Kunstzirkus

Die großen Debatten werden heute eben in den Auktionshäusern gezündet, ihrem Brimborium sind die Museen längst nachgeordnet. In Stuttgart soll "Love is in the Bin" als Dauerleihgabe in die Sammlung "integriert" werden. In angeblicher Anspielung auf die Ungreifbarkeit seines Urhebers soll das Bild mal hier, mal dort aufgehängt werden und so das Publikum noch in die entlegensten Winkel des Hauses führen. Als kurioser Lockvogel. Wo hängt's denn nun? Man weiß es nicht.

Was vom Hype um dieses Bild bleibt, ist deshalb eine deprimierende Lektion über die Wiedereinspeisung des Widerständigen in den Markt. Die Geste der Verweigerung wird zum affirmativen Gimmick, das Artefakt der Verweigerung zu einer besonders kostbaren Ware.

"Man kann dem Markt nicht völlig entkommen", gibt auch der Banksy-Spezialist und Kunsthistoriker Ulrich Blanché zu bedenken. Er weiß es zwar nicht genau, vermutet aber: "Sotheby's würde auch einen Sack voll Asche versteigern, wenn Banksy sich entschlossen hätte, das Werk per Explosion oder Feuer zu vernichten."

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