Chinesische Sonderverwaltungszone "Das unabhängige Verlagswesen in Hongkong ist tot"

Chinas Einfluss auf Hongkong wächst: Peking hat das Verlagswesen der ehemaligen britischen Kronkolonie unterwandert. Ein Gespräch mit dem Verleger Bao Pu über publizistische Tabus, verschwundene Buchhändler und Hongkongs düstere Zukunft.

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Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Bao, Ende November hat die US-Autorin Mei Fong bekanntgegeben, dass es ihr nicht gelungen ist, einen Hongkonger Verlag für ihr Buch "One Child" zu finden. Das Buch behandelt Chinas Ein-Kind-Politik und hat den Pulitzer-Preis gewonnen. Warum wird es nicht in Hongkong verlegt?

Zur Person
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    Bao Pu, 50, leitet den Verlag "New Century Press", der auf politische Literatur spezialisiert ist, die in China der Zensur zum Opfer fallen würde. Einer der größten publizistischen Erfolge von Bao war die Veröffentlichung der Memoiren des Ex-Chefs der Kommunistischen Partei (KP), Zhao Ziyang. Bao ist der Sohn eines hochrangigen KP-Kaders, der später wegen "konterrevolutionärer Propaganda" im Gefängnis saß. Er lebt in Hongkong.

Bao: Ich habe mit Mei Fong über das Buch gesprochen. "One Child" ist großartig, ich hätte es gerne verlegt. Aber es ging nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Die Ein-Kind-Politik ist abgeschafft.

Bao: Es ist aber nach wie vor hochsensibel, die Auswirkungen dieser Politik zu beschreiben. Die Druckereien hätten das Buch nicht gedruckt. Und mehr als 90 Prozent der Buchläden hätten es nicht ins Sortiment genommen. Das unabhängige Verlagswesen in Hongkong ist tot, ohne die Druckereien und Buchläden steht es auf verlorenem Posten. China hat fast alles unter seiner Kontrolle.

SPIEGEL ONLINE: Wie übt China Kontrolle aus?

Bao: Viele Druckereien haben Untergesellschaften in China, weil sie Maschinen benötigen, die dort gefertigt werden. Zudem gehören viele Buchläden chinesischen Investoren. Deswegen nehmen sowohl Druckereien als auch Buchläden Rücksicht auf politische Befindlichkeiten. Das nächste Problem ist, dass Hongkongs Buchketten Zugeständnisse machen, um Zugang zum chinesischen Markt zu gewinnen. Und nicht zuletzt filzt der Zoll immer strenger. Früher konnten chinesische Touristen in Hongkong ziemlich bedenkenlos Bücher kaufen und mit nach Hause nehmen. Das geht kaum mehr. Seit 2012 konfisziert alleine der Zoll in Peking bis zu 700.000 chinesische Bücher und Zeitschriften pro Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr sind fünf Buchhändler aus Hongkong verschwunden. Einer der Männer sagte nach seiner Rückkehr, er sei von einem chinesischen Spezialkommando entführt worden. Welche Auswirkungen hat der Fall auf die Presse- und Meinungsfreiheit in Hongkong?

Bao: Die Welt hat erst vor Kurzem angefangen zu merken, dass Hongkongs Freiheiten erodieren. Das Verschwinden der Buchhändler ist aber kein isolierter Fall. Wir haben es hier mit einer Kampagne zu tun, die in China von höchster Stelle organisiert wird. Ziel ist es, Veröffentlichungen zu unterbinden, die das Narrativ der Kommunistischen Partei (KP) in Frage stellen. Im vergangenen Jahr hat zum Beispiel ein KP-freundlicher Verlag, der in Hongkong 51 Läden besitzt, alle Bücher aus den Regalen genommen, die die "Regenschirm-Revolution" von 2014 behandeln.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Hongkong für den chinesischen Buchmarkt?

Bao: Hongkong ist der wichtigste Ort der chinesischen Verlagslandschaft. Ein Beispiel: In den Siebzigerjahren veröffentlichte Zhang Guotao seine Memoiren in Hongkong. Zhang war ein Gründungsmitglied der KP und ein Rivale von Mao Zedong. Seine Memoiren werfen Licht auf Mao, die Kulturrevolution und die Geschichte der KP. Sie sind bis heute von unschätzbarem Wert. In Hongkong sind seit dem Ende des chinesischen Bürgerkriegs 1949 mehrere Hunderttausend solcher Memoiren veröffentlicht worden. In China wären diese Bücher nie erschienen.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr haben Sie ein Buch verlegt, in dem die Autorin die These aufstellt, dass Chinas erster Premierminister, Zhou Enlai, schwul gewesen sei. Wie kam es zu dieser Veröffentlichung?

Bao: Ich erfuhr von einer Quelle, dass es in bestimmten Kreisen ein offenes Geheimnis sei, dass Zhou Enlai schwul gewesen sei. Ich setzte zwei meiner Autoren darauf an und ließ sie recherchieren. Eine Autorin fand schließlich Tagebucheinträge und Briefe, die diesen Schluss nahelegen.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Veröffentlichung des Buchs in China zur Kenntnis genommen worden?

Bao: Aber ja, das Buch hat heftige Reaktionen ausgelöst. Chinesische Behörden warfen mir vor, Zhou Enlai zu verunglimpfen. Sie protestierten gegen Medien, die über das Buch berichteten.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es relevant, ob Zhou Enlai schwul war?

Bao: Zhou Enlai ist einer der bedeutendsten chinesischen Politiker des 20. Jahrhunderts. Aber jenseits der kommunistischen Verklärung wissen wir wenig über ihn. Das Buch behandelt Zhou als Menschen aus Fleisch und Blut. Nach der Lektüre hat man das Gefühl, einen Mann kennengelernt zu haben, der begabt ist, etwas für sein Land tun will und im Privaten versucht herauszufinden, was Liebe ist. Das ist tief berührend. Unglücklicherweise wurde Zhou dann zum Architekten eines politischen Systems, das Homosexualität kriminalisierte.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sicher, dass das, was Sie veröffentlichen, stimmt?

Bao: Die Regel, auf die ich mich verlasse, lautet: Klarname. Ich bestehe darauf, dass jeder Autor unter seinem richtigen Namen veröffentlicht. Das ist sehr effektiv. Dadurch steht jeder für das, was er schreibt, gerade. Ich bekomme oft Angebote von Autoren, die sagen: Du, ich hab' da was sehr Interessantes, aber ich kann das nur unter Pseudonym veröffentlichen. Dann sage ich: Sorry, nicht bei mir.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
discprojekt 02.01.2017
1. Also,
das mit der Unabhängigkeit der Medien ist aber nicht nur in Hongkong/ China so, oder?
PiotrTrebisz 02.01.2017
2. Ja da haben Sie recht
Zitat von discprojektdas mit der Unabhängigkeit der Medien ist aber nicht nur in Hongkong/ China so, oder?
Das ist in Russland und der Türkei auch ein Problem.
mariomeyer 02.01.2017
3. Tja...
Es scheint, es wird langsam Stück für Stück Realität, was einige "Schwarzmaler" schon vor der Übergabe Hongkongs 1997 als worst case scenarios vorausgesehen hatten. Das macht traurig, auch weil es für die gesellschaftliche Entwicklung Rotchinas in der Zukunft wenig Hoffnung macht.
oil-peak-fan 02.01.2017
4. Eine nicht-unabhängige Verlagslandschaft...
...trifft man auch in Deutschland an, Beispiel Randomhouse (Bertelsmann). Richtig Kritisches veröffentlichen i.d.R. Klein- und Kleinstverlage. Und ob Zhou Enlai schwul war, ist nicht bewiesen. Bewiesen ist, dass er verheiratet war (was Ersteres natürlich nicht ausschließt).
dbrown 02.01.2017
5. Schade um die Stadt,
aber China schafft uns alle!
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