Gentrifizierung Die Stadt ist kein Ort für Egoisten

Die legendäre Bar Babette in Berlin soll schließen - ihr Ende steht exemplarisch dafür, wie die gedankenlos vor sich hin malmende Maschine des Kaputt-Mach-Kapitalismus eine Stadt zerstört.

Bar Babette in Berlin
Gordon Welters/ laif

Bar Babette in Berlin

Eine Kolumne von


Die Bar Babette in Berlin soll schließen, Ende September schon, weil es der Besitzer, der Milliardär Nicolas Berggruen so will - und das ist mehr als schade, es ist ein Beispiel für den Verlust von öffentlichem Raum, es ist damit ein Politikum, exemplarisch dafür, wie Stadt kaputt gemacht wird, durch die gedankenlos und geschichtslos vor sich hin malmende Maschine des Kaputt-Mach-Kapitalismus.

Es ist exemplarisch auch für die Widersprüche von Figuren wie Berggruen, der einerseits rabiat wirtschaftet und andererseits ein weltrettender Philanthrop sein will, der viele intelligente Menschen um sich schart und damit beschäftigt, dass sie sich über die Zukunft etwa der Zivilgesellschaft Gedanken machen, die er dann am Beispiel der Bar Babette ziemlich lieblos und unnötig beschädigt.

Wenn Sie nun die Bar Babette nicht kennen, weil Sie zum Beispiel nicht in Berlin leben, dann stellen Sie sich eine große, breite Straße vor, die einmal die Stad-Utopie der DDR war, was nur für einen kurzen Moment schrecklich klingt, denn tatsächlich sind die Raumproportionen der Karl-Marx-Allee eine der gelungensten urbanen Erfindungen der Nachkriegszeit - und an dieser Allee nun, versteckt hinter Bäumen, steht ein Glaskasten, der bei Dunkelheit sehnsuchtsstiftend in die Nacht strahlt.

Künstler treffen sich hier und die Verlorenen und Flaneure, die den Boulevard entlang laufen, mal sind es Literaten, die hier ihre Bücher feiern, mal sind es die Regisseure und Schauspieler, die gegenüber im Kino International eine Premiere hatten, mal tanzen hier die Gäste einer Hochzeit, mal schauen sie Fußball, wenn gerade WM ist, oder sie grillen oder sie sitzen einfach nur und warten darauf, dass der Abend beginnt oder der Morgen kommt - es ist ein Ort wie diese Stadt in ihren besten Momenten, ein bisschen verloren und alles in allem ziemlich wunderbar.

Eine Leere, die der Stadt die Energie absaugt

Diese Stadt nun, Berlin, verändert sich, so wie sich alle Städte auf der Welt verändern, weil sie zentrale Orte für die Konflikte und Verteilungskämpfe unserer Zeit geworden sind - es geht um bezahlbares Wohnen, eigentlich ein Menschenrecht, es geht um ein gutes Nebeneinander oder Miteinander, weil Städte immer Labore von Kultur und Zukunft waren, es geht um Nachbarschaft und Wachsein und Achtsamkeit und symbolische Orte, an denen Öffentlichkeit entsteht oder eben nicht.

Deshalb ist auch der Fall der Bar Babette, einer unter vielen, so exemplarisch: Nicolas Berggruen hat bereits das legendäre Café Moskau, direkt daneben gelegen, der Stadt und den Menschen entzogen, er hat sein Versprechen, den Ort für die Öffentlichkeit zu erhalten, gebrochen, statt urbanen Leben gibt es dort nun Kaffeetischherumsteher, Konferenz- und Kongressödnis - eine Leere, die der Stadt regelrecht die Energie abgesaugt, weil die euphorisch modernistische Architektur jedem Gebrauch entzogen ist, Zitat der eigenen Zukunft.

Gleiches droht bei der Bar Babette, abgesaugtes Leben. Die Stadt verwandelt sich in die Kulisse für eine Form von Leben, die dem Einfluss des Einzelnen entzogen ist, entworfen von Investoren, deren Interessen andere sind als die der Menschen, mit deren Leben sie allzu oft spekulieren - der Zweck von Politik wäre es nun, diese Interessen in ein gutes, gerechtes, demokratisches Verhältnis zu setzen. Und wenn das nicht stattfindet, wenn es zu viele Babettes gibt, entsteht ein Eindruck von demokratischem Verfall und von Ohnmacht, die zu Wut wird.

Es geht um mehr als um Gentrifizierung

In anderen Städten gibt es bereits Bewegungen, die diese Wut in Politik verwandeln, und es wird solche Parteien auch in deutschen Städten geben - zu krass sind die Konflikte, zu groß ist andererseits auch das radikal demokratische und emanzipatorische Potenzial von Städten, die immer Orte des Neuen waren, wo Formen von Gerechtigkeit und Gemeinschaft ausprobiert werden und ein ökologischer, lokaler, technologischer Kapitalismus entstehen kann, der anders funktioniert als der bestehende.

Denn es geht um mehr als um Gentrifizierung, die nur ein Teil des Problems der gegenwärtigen Städte darstellt - es geht beim Kampf um die Stadt um die grundsätzliche Frage, wie Demokratie funktionieren soll, was Eigentum bedeutet, welche Verantwortung an Eigentum geknüpft werden soll, wie Wirtschaft, Energie, Gemeinschaft, Technologie anders gedacht werden können, es um das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft, "a sense of belonging", wie es George Monbiot nennt, die Frage also, wie aus einer gemeinsamen Gegenwart das Gefühl für eine gemeinsame Zukunft erwachsen kann.

Entscheidend ist dabei der Begriff der Öffentlichkeit. Politik ist Öffentlichkeit, ohne Öffentlichkeit keine Gesellschaft oder Gemeinschaft, ohne Öffentlichkeit keine Demokratie - die Privatisierung von Öffentlichkeit, wie sie in Städten weltweit geschieht, Beispiel Bar Babette, ist deshalb ein manifestes politisches Problem, ein Beispiel dafür, wie der Kapitalismus der Demokratie schadet, sie schwächt und aushöhlt.

Stadt als Ursprungsort der Demokratie

Die Stadt ist der Ursprungsort der Demokratie, sie ist auch eine Möglichkeit, deren Veränderung, Verfall, Verschwinden zu beschreiben. Die Stadt ist ein Utopien-Ort, sie ist Experiment, Veränderung, Erneuerung. Die Stadt entsteht aus einem Gefühl von Gemeinsamkeit, die verloren geht, wenn Öffentlichkeit zu Privatbesitz wird. Gemeinsamkeit ist der Anfang von Veränderungen.

Wenn Nicolas Berggruen es halbwegs ernst meint mit den großen Fragen, die er sich und seinen Welt-Intellektuellen stellt, dann sollte er sich überlegen, wie es mit seinem Sinn für Verantwortung steht, denn Eigentum verpflichtet, nirgends mehr als in der Stadt, deren Zivilität aus dem Gefühl jedes Einzelnen für die eigene Verantwortung den anderen gegenüber entsteht. Will der Philanthrop nun, als privatisiertes öffentliches Gewissen, vor allem seinen Narzissmus spazieren führen? Ist ihm die Welt der Gegenstand? Oder ist es die konkrete Frage, wie Stadt, wie Öffentlichkeit, wie Demokratie vor Ort funktioniert?

Die Bar Babette, wie jede Bar auch ein Ort für Einsame, zeigt jedenfalls Abend für Abend eins: Die Stadt ist kein Ort für Egoisten.

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insgesamt 130 Beiträge
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ms_sche 26.08.2018
1. Sorry...,
aber wenn öffentliche Räume von Investoren zerstört werden, ist das ein untrügliches Zeichen für schlechte Stadtplanung. Berlin hat nach den Baugesetzbuch Instrumente. Die muss es nur zum Nutzen der Stadt schärfen und anwenden. Offensichtlich geschieht das nicht hinreichend. Politik kann, wenn sie will...
schlago 26.08.2018
2. Ausprägung Verpflichtung
Eigentum verpflichtet. Es steht aber nirgends rechtsverbindlich niedergeschrieben, was genau man darunter versteht. Somit kann sich jeder diese Verpflichtung auslegen wie es gerade passt. Dadurch kann man diese Verpflichtung auch nicht einklagen.
mcflue 26.08.2018
3. Freiraum
Leider sind das aber zwei Seiten der selben Medaille, ob nun Kapitalismus oder Marktwirtschaft genannt: Clubs in Berlin oder Orte wie die Bar Babette, spannende Orte entstehen in privater Initiative, in temporären Freiräumen, sie sind von unterschiedlicher Dauer. Staatlich geplanten, gar verordneten Räumen zur "freien" Entfaltung oder amtlich und stadtplanerisch festgelegten Nutzungen gebricht es an Attraktivität und an Dynamik...
unky 26.08.2018
4. Traurig, traurig
Wer Berlin kennt, kann Diez nur zustimmen: Ich saß dieser Tage nach einem Besuch des Kinos International - schräg gegenüber von der Bar Babette und dem Cafè Moskau - und konnte wieder nur bedauern, das Letzteres schon so lange nicht mehr öffentlich ist, war doch gerade dessen Rosengarten im Sommer ein zauberhafter kleiner Ort, der zum längeren Verweilen einlud. Aber auch die Restaurants im Innern des Cafè Moskau waren schön und gern besucht. Ebenso fehlen mir heute die Restaurants im Operncafè unter den Linden - auch nur noch privater Besitz - und die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen. Und das mitten in der Stadt. Und wo nicht Clubs, Bars oder Restaurants weichen müssen, werden Eigentumswohnungen so dicht neben öffentliche Bauten gesetzt - siehe die Friedrichswerdersche Kirche in Berlin-Mitte, dass deren Substanz auf immer zerstört wird. Der "Geldadel" dieser Welt eignet sich die Städte an, privatisiert öffentlichen Raum - und die Bewohner und ihre Besucher werden an den Rand gedrängt
neutron76 26.08.2018
5. Beschwert euch bei eurer politischen Führung
Eine Großstadt ist ein lebender Organismus. Wenn in einem Stadtteil die schönen Ecken weggeplant bzw. planiert werden, zieht es die Menschen eben woanders hin.
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