Obamas Twitterfoto: Glaube, Liebe, Berechnung

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Scheinbar abgewandt von der Welt schließt der Präsident die Augen, die First Lady schmiegt sich an ihn: Barack Obamas Siegesfoto, verbreitet per Twitter, wirkt wie ein Moment der Ruhe - und ist doch berechnet: ein Feuerwerk der Symbole, ein Zeichen unerschütterlichen Selbstbewusstseins.

Präsidentenpaar bei Twitter: Vielsagende Geste Zur Großansicht

Präsidentenpaar bei Twitter: Vielsagende Geste

Der US-Präsident, frisch wiedergewählt, umarmt seine Frau. Nicht gerade eine Nachricht, um sie per Twitter um die Welt zu senden, könnte man meinen - Barack Obamas per Kurznachricht verbreitete Siegesmeldung hätte keinen neuen Twitterrekord aufgestellt, wäre sie nicht auch auf der Bildebene perfekt inszeniert.

Das Bild der Obamas hat nichts gemein mit der herkömmlichen Victory-Pose von Politikern, wie man sie aus Deutschland kennt oder in Frankreich zuletzt bei François Hollande sah. Hat sich deren Bedeutung in den USA doch seit Richard Nixons schmählichem Rücktritt vom Präsidentenamt im August 1974 in ihr Gegenteil verkehrt: Der Republikaner riss beim Einsteigen in den Helikopter, der ihn nach der Watergate-Affäre zu seinem letzten Flug als Amtsinhaber abholte, noch einmal die Arme nach oben und machte mit beiden Händen das Victory-Zeichen. Festgehalten im Foto, hat diese Szene die kollektive Erinnerung der Amerikaner ebenso geprägt wie die Aufnahmen von Kennedys letzter Fahrt in Dallas.

Barack Obamas Pose bei Twitter dagegen hat auf den ersten Blick nichts Triumphales oder gar Heroisches. Nach geschlagener Wahlschlacht scheinen Präsident und First Lady für einen Moment sich selbst genug. Scheinbar abgewandt von der Welt schließt er die Augen, sie schmiegt sich an ihn. Und beide gemeinsam feuern ein Feuerwerk von Symbolen ab.

Drohende Niederschläge

Da ist, als offensichtlichstes Zeichen, die Beschwörung ihrer Liebe, ohne die kein US-Politiker auskommt. Mit einem stürmisch inszenierten Kuss seiner Frau Tipper auf offener Parteitagsbühne inszenierte Al Gore diesen Moment derart offensiv, dass seine Umfragewerte stiegen - zeigte er sich im Nachhall der Lewinsky-Affäre doch als ebenso treuer wie feuriger Ehemann. Obama hat derartig aufgesetzt wirkende Bekenntnisse nicht mehr nötig.

Schließlich hat er - im Gegensatz zu Al Gore 2000 - gerade eine Wahl gewonnen. Er kann es sich erlauben, sein Bekenntnis zum Nukleus amerikanischer Werte, der Familie, auf einer symbolisch dezenteren, in der Aussage dabei aber um so stärkeren Ebene stattfinden zu lassen.

Der Himmel auf Obamas Twitter-Foto ist grau, hier drohen offenbar Niederschläge - wer denkt da nicht an die Weltlage, an die angeschlagene Ökonomie der USA, an die innenpolitische Zerrissenheit des Landes. Der Präsident signalisiert, wie so viele Politiker vor ihm, angesichts dräuender Probleme hemdsärmelig Tatkraft auf die althergebrachte Weise. Aber er wird nicht nass.

Siegesgeste gegenüber Ann Romney

Dieser Politiker braucht keinen Rettungsschirm. Er ist schließlich Amerikaner - womöglich meint er es sogar ernst mit der auf europäische Zuschauer floskelhaft wirkenden Beschwörung US-amerikanischer Zukunftshoffnungen, die er soeben bei seiner Siegesrede in Chicago äußerte: "The best is yet to come", das Beste liegt noch vor uns.

Viele Beobachter hatten Obamas Auftreten während seines ersten Präsidentschaftswahlkampfs 2008 als allzu messianisch empfunden - die Pose, mit der er sich im Moment seiner Wiederwahl zeigt, mag weniger als damals an einen Propheten erinnern; die stille Gewissheit, die sie ausstrahlt, ist allerdings noch viel transzendentaler: Angesichts der widrigen Realität bleibt diesem Präsidenten nur der Glaube. Und sei es der an sich selbst.

Man könnte diese stoische Selbstsicherheit fast schon für größenwahnsinnig halten - aber da ist die Aufmerksamkeit des Betrachters schon abgeschweift, abgelenkt vom einzigen, nur vordergründig oberflächlichen Farbkontrast dieses Fotos: dem Kleid Michelle Obamas.

Eine durchaus bitchy wirkende Siegesgeste gegenüber Ann Romney, die sich in einem auffälligen Kleid von Oscar de la Renta auf dem Parteitag der Republikaner gezeigt hatte - ausgerechnet jenem klassischen Ausstatter US-amerikanischer First Ladys, dessen Entwürfe Michelle Obama lange verschmäht hatte. Und das, obwohl sie demonstrativ auf heimische Modemacher setzt.

Ann Romneys Parteitagskleid war feuerrot, rötlich ist nun auch das von Michelle Obama. Die First Lady, die Frau, die mit Kleidern Statements setzt, bin immer noch ich, signalisiert sie damit, aber auch: Das Rot, Signalfarbe der Republikaner, wird von einer Demokratin getragen. Schließlich hat Barack Obama bei seiner Siegesrede in Chicago auch angekündigt, auf die Republikaner zugehen zu wollen - will er den Gegner umarmen?

Die Geste bei Twitter spricht dafür. Arm in Arm ergeben Präsident und First Lady einen Dreiklang aus Rot, Weiß und Blau - den Farben der USA.

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1. Auf Kitsch...
euroberliner 07.11.2012
...fahren die Amerikaner voll ab. Deshalb erscheint das Twitterfoto. Was aber hat das mit Politik zu tun? Nichts aber auch garnichts. Das ist so wie Wowi (Berliner Oberhäuptling) sagt, arm aber sexy. Dafür kann sich kein normaler Bürger was kaufen.
2. Zuviel Interpretiererei!
SilverTi 07.11.2012
Also mal ehrlich - "scheinbar" ... "es scheint" ... "als wäre" ... "offensichtliches Zeichen" ... "man könnte (...) halten"... Ist das hier der Kunstkurs der Oberstufe, wo Bilder/Fotos analysiert/interpretiert werden müssen? Da wird so ein Foto in tausend Einzelteile auseinandergelegt und jedes Fitzelchen analysiert - vom grauen Himmel zu Frau Obamas Kleid... also wirklich! Hatte der Autor nichts Besseres zu tun?
3.
DrWimmer 07.11.2012
Zitat von SilverTiAlso mal ehrlich - "scheinbar" ... "es scheint" ... "als wäre" ... "offensichtliches Zeichen" ... "man könnte (...) halten"... Ist das hier der Kunstkurs der Oberstufe, wo Bilder/Fotos analysiert/interpretiert werden müssen? Da wird so ein Foto in tausend Einzelteile auseinandergelegt und jedes Fitzelchen analysiert - vom grauen Himmel zu Frau Obamas Kleid... also wirklich! Hatte der Autor nichts Besseres zu tun?
Scheinbar hat die freie Presse in Deutschland keine wichtigeren Themen zu beackern. Es scheint als sei die Welt in Ordnung, als wäre der Himmel über Europa, den USA und der Welt wolkenslos blau. Man könnte sogar meinen er hinge derart voller Geigen, dass die Interpretation eines einzigen Twitter-Fotos das einzige Ding sei, das die Welt in Atem hält. Nein, diese Erklärbär-Artikel fangen an zu nerven.
4. .
frubi 07.11.2012
Zitat von sysopScheinbar abgewandt von der Welt schließt der Präsident die Augen, die First Lady schmiegt sich an ihn: Barack Obamas Siegesfoto, verbreitet per Twitter, wirkt wie ein Moment der Ruhe - und ist doch berechnet: ein Feuerwerk der Symbole, ein Zeichen unerschütterlichen Selbstbewusstseins. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/barack-obama-four-more-years-foto-bei-twitter-a-865840.html
Solche Fotos sind vor allem eines: wiederliche Propaganda, welche die Menschen auf den untersten Ebenen des Bewusstseins ansprechen will. Ein gewisser Hinkefuß hätte es in den 40er Jahren nicht besser machen können. Alles in allem war dieser 6 Milliarden Dollar (natürlich kann jeder Amerikaner Präsident werden, wenn er/sie in Dagoberts Tresor einbricht) die reinste Demokratie-Verarschung. Die Präsidentschaftskandidaten wurden durch Spenden massiv bestochen, Wähler wurden stellenweise am wählen gehindert, alternative Präsidentschaftskandidaten wurden nicht einmal erwähnt und mussten eine TV Debatte beim russischen Sender RT senden und natürlich haben sich die Medien mit sachlicher Kritik zurück gehalten. Bei den Analysen der TV Debatten ging es nur um die Außendarstellung und kein bisschen um den Inhalt. Wo bitte ist dies einer Demokratie würdig? (keinen Amerika-Bashing Vorwurft, bitte - ich halte den Zustand in Deutschland für kaum besser).
5. bild
gregor69 07.11.2012
Ich finde das Foto einfach schoen anzusehn,ohne jetzt da zuviel reinzuinterpretieren.Es ist angenehm es anzuschauen,die Obamas scheinen jedenfalls mit sich im reinen zu sein,das erklaert auch das vermeintlich uebertriebene Selbstbewusstsein Obamas.Die Familie gibt im Staerke.Hoffe nur das es hinter den Kulissen auch so harmonisch ist,wenigstens meistens.Aber ich glaub und hoffe schon.
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