Barbara Eligmann "Ich muss in meiner Freizeit nicht auch noch Autohäuser eröffnen!"

Barbara Eligmann hat mit ihrem täglichen TV-Magazin "Explosiv" Pionierarbeit in der Boulevardisierung des Fernsehens geleistet, was nicht nur Beifall hervorruft. Anlässlich ihrer 2000. Sendung sprach die 36-jährige Moderatorin mit SPIEGEL ONLINE über die TV-gerechte Vermarktung des Elends, "Big Brother" und neue Projekte.


"Kühle" TV-Pionierin: die 36-jährige Barbara Eligmann
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"Kühle" TV-Pionierin: die 36-jährige Barbara Eligmann

SPIEGEL ONLINE:

Frau Eligmann, bis zur Geburt Ihres Sohnes hatten Sie den Ruf einer unterkühlten, unnahbaren Nachrichtenlady. War das ein bewusst gewähltes Image, weil es zu einem knallharten Boulevardmagazin wie "Explosiv", passte oder war der Mensch Barbara Eligmann tatsächlich so unnahbar?

Barbara Eligmann: Der Mensch Barbara Eligmann war zu keiner Zeit seines Lebens unterkühlt. Ein Format wie "Explosiv" kann aber keine Moderatorin gebrauchen, die alle Gefühlswelten, die angesprochen werden, selbst auch durchlebt. Wenn ich jedes Mal, wenn etwas Lustiges kommt, über alle Backen strahle, oder wenn etwas Tragisches zu sehen ist, ein paar Tränchen verdrücke, dann erinnert mich das an das Laienschauspiel Köln-Junkersdorf, hat aber nur wenig mit Journalismus zu tun, ist also kaum souverän.

SPIEGEL ONLINE: ...also handelt es sich um ein Image...

Barbara Eligmann: Ich glaube, dass die Menschen sich damit ein bisschen schwer getan haben, weil es zuvor eine solche Sendung nicht gab. Frauen im Fernsehen waren bis zu diesem Zeitpunkt weich und kamen stets sinnlich daher. Erinnern Sie sich, zu dieser Zeit war auch Schreinemakers auf Sendung, die beinahe in jeder Sendung Tränen vergoss.

SPIEGEL ONLINE: Elend und Verzweiflung nehmen bei "Explosiv" viel Platz ein. Hatten Sie nie Bedenken, die Betroffenen durch die Boulevardisierung ihres Unglücks auch noch ihrer Würde zu berauben?

Barbara Eligmann: Es wird niemand gezwungen, mitzumachen. Das ist bei uns nicht anders, als bei den Talk-Shows. Für mich ist es wichtig, dass ich den Leuten hinterher noch in die Augen sehen kann. Diesbezüglich habe ich mir keine Vorwürfe zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist die Grenze?

Barbara Eligmann: Das ist eine schwierige Frage, weil sich Moralbegriffe rasend schnell verändern. Wer hätte sich vor zwei, drei Jahren vorstellen können, dass wir zehn Leute, die in einem Container eingeschlossen sind, beim Duschen beobachten. Plötzlich aber ist die Zeit reif und es kommt dann darauf an, wie man diese Dinge präsentiert.

SPIEGEL ONLINE: Hat es Situationen gegeben, in denen Sie gegen besseres Wissen und Gewissen diese Grenze der Quote zuliebe überschritten haben?

Barbara Eligmann: Ich kann mich an keinen Fall erinnern. Ich glaube, dass ich über die Jahre hinweg einen ganz guten Instinkt dafür entwickelt habe, was man machen kann und was nicht, beziehungsweise dafür, ob Geschichten beim Zuschauer ankommen. Auch der Zuschauer hat sich schließlich mit der Sendung weiterentwickelt: Was vor acht Jahren vielleicht noch überrascht hat, sorgt heute kaum noch für Aufregung.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie 2.000 Sendungen Revue passieren lassen: Gibt es etwas, von dem Sie besser die Finger gelassen hätten?

Barbara Eligmann: Eine Geschichte hat mich furchtbar geärgert; das war das vermeintliche "Diana und ihr Rittmeister"-Video, wo eine Diana täuschend ähnliche Person "Hoppe, Hoppe Reiter" spielte. Dieses Video wurde RTL aus England angeboten und man griff sofort zu. Nachdem es den ganzen Tag über in allen Sendungen gezeigt wurde, stellte sich aber am Abend heraus, dass es sich um einen Fake handelte. In einem solchen Moment denkt man schon: "Scheiße, wie konnte das passieren!".

SPIEGEL ONLINE: Wenn man tagtäglich mit Elend, Leid und Verbrechen konfrontiert wird, wie bewahrt man sich vor der Gefahr, abzustumpfen?

Barbara Eligmann: Indem man sich neben seinem Job ein "normales" Leben erhält mit einer Familie und mit Menschen, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen und nichts mit diesem Metier zu tun haben. Ich bin jedenfalls nicht abgestumpft und erlebe noch immer Dinge, bei denen ich denke "Himmel, das kann doch nicht wahr sein!" Manchmal habe ich dann Mühe, mich auf die nächste Anmoderation zu konzentrieren; das sind übrigens die Momente, in denen ich mich verspreche.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben für das Boulevardfernsehen zweifelsohne Pionierarbeit geleistet, mussten sich diesen Status aber auch mit viel Kritik erkaufen. Gab es Momente in acht Jahren "Explosiv", in denen Sie an diesem Format gezweifelt haben?

Barbara Eligmann: Nein, denn ich habe bewusst den größten Teil der Veröffentlichungen über "Explosiv" nicht gelesen. Das heißt nicht, dass ich mich vor Kritik verschließe, viel wichtiger als das, was die Zeitungen schreiben, ist mir aber, was die Menschen empfinden, die diese Sendung sehen. Jeder, der mit "Explosiv" beruflich zu tun hat, hat sein eigenes Umfeld, hat Familie und Freunde. Wenn dann zum Beispiel eine Mutter sagt, dass sie nicht unbedingt beim Abendessen erklären möchte, was eine Prostituierte ist, dann stimmt mich das selbstverständlich nachdenklich.

SPIEGEL ONLINE: Welche Themen bereiten Ihnen das größte Kopfzerbrechen?

Barbara Eligmann: Gerade Sex ist sicherlich ein zweischneidiges Thema. Einerseits ist das etwas, was die Leute sehen wollen, andererseits aber möchten sie Sex nicht unbedingt abends um sieben. Ähnliches gilt auch für harte Geschichten. Es gibt Informationen, bei denen ist es gut, wenn man sie hat. Nicht gut ist es aber, diese Informationen weiterzugeben, weil sie einfach das, was ein Mensch ertragen kann, übersteigen. Das bezieht sich nicht nur auf Bilder. Viel unerträglicher kann sein, wenn zum Beispiel ein Staatsanwalt in allen Details erzählt, was mit einem Kind geschehen ist, bevor es getötet wurde. Hier ist weniger mehr.

SPIEGEL ONLINE: Mit "weniger" macht man aber nicht mehr Quote. Die wiederum erzielt nicht nur "Explosiv" mit einer ständig zunehmenden Zahl an Boulevard-Themen...

Barbara Eligmann: Das ist eine Entwicklung, die ich mit großem Staunen verfolge. "Explosiv" hat in dieser Hinsicht vieles ermöglicht, hat viele Nachrichtensendungen beeinflusst. Wenn man heute noch einmal sieben, acht Jahre alte News ansehen könnte, dann würde man wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: "Vorfahrt Bundeskanzleramt, Abfahrt Bundeskanzleramt", nur nicht das, was die Leute tatsächlich interessierte. Heute dagegen zeigt man solche Themen, die Emotionen ansprechen, nicht mehr unter ferner liefen, sondern durchaus auch weiter vorne, selbst bei den öffentlich-rechtlichen Sendern...

SPIEGEL ONLINE: ...so dass "Big Brother" heute bisweilen wichtiger erscheint als beispielsweise die Wahlen in Israel...

Barbara Eligmann: Das stimmt schon, aber offensichtlich gibt es doch ein großes Interesse, mitzuerleben, wie ganz normale Menschen, wie du und ich, Öffentlichkeit erlangen oder sogar berühmt werden. Im Grunde hat mich die Euphorie, ja Hysterie um "Big Brother" an die Aufregung um Guildo Horn oder um das Stück Maschendrahtzaun erinnert. Eine simple Geschichte, bei der jeder mitreden kann, wenn er hier ein bisschen liest und dort ein bisschen fernsieht....

SPIEGEL ONLINE: ...also die endgültige Banalisierung des Lebens durch die Medien...

Barbara Eligmann: Wie ich schon sagte, es gibt eine große Nachfrage und ein großes Interesse, nicht nur daran, am Leben anderer teilzuhaben, sondern auch selbst Öffentlichkeit zu erlangen. Ich habe mich z. B. gewundert, wenn Zlatko oder Jürgen im Container ständig gesungen haben, bis mir schließlich klar geworden ist: Wer sich traut 24 Stunden am Tag unter Beobachtung zu stehen, der singt auch, wenn er es gar nicht kann. Genauso verhält es sich mit Menschen, die darauf brennen in einer Talkshow endlich über ihre intimsten Krankheiten erzählen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Wird es demnächst die Talk-Moderatorin Barbara Eligmann geben?

Barbara Eligmann: Es ist noch zu früh, über meine neue Sendung zu sprechen. Zum einen, weil noch daran gearbeitet wird, zum anderen, weil ich natürlich weiß, dass auch die Konkurrenz gerne schaut, was andere Sender in petto haben, um dann schnell reagieren zu können. Es wird aber definitiv keinen Genre-Wechsel geben, keine Talk- und auch keine Game-Show, ich verstehe mich in erster Linie noch immer als Journalistin und nicht als Moderatorin. Denn ich bin niemand, der in seiner Freizeit noch schnell ein Autohaus eröffnen oder eine Modenshow moderieren muss.



Das Interview führte Andreas Kötter



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