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Frauenmagazin mit Schöneberger: Barbara kann sogar Brigitte - nur besser

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Barbara Schöneberger: No Riots, no Diets Fotos

Barbara drauf, Barbara drin: Gruner+Jahr bringt eine Frauenzeitschrift von und mit dem Medienphänomen Schöneberger auf den Markt. Erstaunlich okay.

Barbara Schöneberger ist die Frau, die jeder kennt, obwohl sie nie "Wetten, dass..?" moderiert hat. Mit der nicht alle etwas anfangen können, die aber kaum einer schlimm findet. Vielleicht, weil sie eben schlau genug war abzulehnen, als ihr 2011 die Moderation von "Wetten, dass..?" angeboten wurde. Aber vor allem, weil sie in ihrer NDR-Talkshow genauso wie in einer Kartoffelsalat-Werbung fast immer die gutgelaunte Gewissheit ausstrahlt, immer am richtigen Platz zu sein.

Jetzt auch am Kiosk um die Ecke: Ab Donnerstag liegt "Barbara" dort zum Kauf aus, eine neue Frauenzeitschrift von Gruner+Jahr, die Barbara Schöneberger zum Markenkern macht, was ein bisschen wirkt wie die letzte Trutzburg in der Printkrise. Die Druckauflage für die erste Ausgabe liegt bei 380.000. Die 202 Seiten sind für werbeschwache Zeiten wie heute mit extrem vielen Anzeigen belegt.

Inhaltlich ist "Barbara" kein offensives Fanzine, sondern ein lifestyliges Monatsheft, entwickelt für Frauen zwischen 30 und 55 Jahren. Über Schöneberger und mit ihr, im Impressum steht sie als Editor at Large. Was heißt, dass Schöneberger in die Produktion jedes Heftes eingebunden ist. Und auch, dass sich "ihre positive Lebenshaltung - mutig, selbstironisch, unverkrampft und absolut natürlich" im Magazin spiegele, so der Verlag. So weit, so phrasenhaft. Konkret pappt auf dem Cover der ersten Ausgabe das Siegel: "ohne Diät, Workout und To-do-Listen". Und der Hinweis: "Kein normales Frauenmagazin."

Barbara, die Krankenschwester

Wer weiterblättert, merkt: Irgendwas läuft hier tatsächlich anders. Das liegt nicht daran, dass sich alles um diese eine Frau dreht. Schöneberger wird zwar stets auf dem Cover prangen und präsentiert sich auf der ersten Ausgabe mit angemessen erwartungsvoll aufgesperrtem Mund - im Heft kommt Schöneberger, die hier nur noch Barbara heißt, aber eher kumpelig und selbstironisch rüber: als Autorin in einem Kurztext über chaotische Familienfrühstücke etwa oder als tief dekolletiertes Krankenschwestermodel mit gigantischer Spritze neben einem Text über Sexfantasien.

Was "Barbara" anders macht: Das Magazin unter Chefredakteurin Brigitte Huber verzichtet tatsachlich auf coachigen Optimierungssprech. Das angeblich ewig zu verbessernde Ich wird hier also nicht zu wichtig genommen. Stattdessen zieht sich durch das Magazin ein lebendiges, aber bodenständiges Weltinteresse. Im Selbstversuch schildert eine Frau zum Beispiel, wie es ist, wenn man als kinderloser Single ohne Erziehungserfahrung vier Kinder babysitten muss (strunzlangweilig, weil zumindest diese Kinder viel zu gut gebrieft und erzogen sind).

Auch andere Geschichten führen die Leserinnen nicht in spektakuläre, aber eben andere Lebenswelten - ohne dass im Unterton ständig die Mahnung mitschwingt, dass man es beim Leben/Sex/Arbeiten besser machen könnte. Eine Fotostrecke über Menschen, die geliebte Angehörige verloren haben etwa, oder die Schilderung einer Frau, die entdeckt, dass ihr Mann fremdgeht, sind im Kern empathisch, nicht narzisstisch.

Klar, "Barbara" hat auch Schwächen: Zwar hängen die Accessoires für eine Fotostrecke über das erste Date nicht an untergewichtigen Models, sondern liegen eher so rum. Dass der Konsum vermutlich genau deshalb noch süßer schmecken soll, ist ein eher hohler Trost.

Auch wird klar, dass Schöneberger als Unterhalterin vor allem funktioniert, weil sie mittelmäßige Pointen einfach wegreden kann. Was im Talk originell wirkt, läuft aufgeschrieben aber ins Leere. So verfängt sich ein Gespräch zwischen Schöneberger und Sarah Connor über erste Male in einer gagaesken Atemlosigkeit, weil es gelesen, nicht gesprochen wird. Schönebergers Satz über ihren ersten Sex soll vermutlich irgendwie amüsant sein, bleibt aber ziemlich schief hängen: "Es war ein schöner und würdiger Einstieg in das Geschäft."

Trotzdem: "Barbara" ist im Vergleich zu der Bigotterie vieler Frauenmagazine - einerseits Selbstakzeptanz predigen, andererseits zwei Seiten später eine 48-Stunden-Diät anraten - ziemlich okay. Weil sie Frauen im besten Sinne keine Probleme macht, und zwar noch nicht mal das, dass sie nicht so "mutig, selbstironisch, unverkrampft und absolut natürlich" sind wie Barbara Schöneberger.

Dass das dann wiederum reicht, um kein "normales Frauenmagazin" zu sein - in dieser Erkenntnis liegt der eigentliche Grusel.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Die kaum einer schlimm findet?
klaremeinung 14.10.2015
Reden wir von der gleichen schrillen Nervensäge? Die Frau, die meint, auf ihre Jazz und Swing Adaptionen hätte die Welt nur gewartet? Sorry, aber da bekomme ich ganz schlimmes Kribbeln, wenn ich sowas lese.
2.
Da fehlt doch noch was 14.10.2015
oder muss Werbung nicht mehr gekennzeichnet werden? "Zu Gruner + Jahr gehören Zeitschriften wie "Stern", "Brigitte", "Geo" und "Gala". Auch am SPIEGEL-Verlag ist das Haus mit rund 25 Prozent beteiligt."
3. Oder doch ein Männermagazin?
lollicruncher 14.10.2015
"ohne Diät, Workout und To-do-Listen" klingt eher nach einem ordentlichen Männerblatt.
4. wo bleiben ihre kinder?
jidka 14.10.2015
alles recht und schön aber wenn man zwei kleine kinder hat und fast täglich im tv zu sehen ist und jetzt auch noch eine zeitschrift macht, wer bleibt da auf der strecke? ach ja, einen ehemann hat sie ja auch noch. mir tut die FAMILIE leid.
5. Fleischsalat
huettenfreak 14.10.2015
Immer wenn ich Frau Schöneberger sehe muss ich an Fleischsalat einer bestimmten Marke denken. Sie hat sich damit keinen Gefallen getan;-)
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