Barbie-Ausstellung in Paris Ein bisschen dünn

Kinder verehren sie, erst der Blick des Erwachsenen offenbart das fragwürdige Frauenbild der Barbiepuppe. Eine Ausstellung in Paris widmet sich dem wohl umstrittensten Plastikspielzeug der Welt - in unschöner Einseitigkeit.

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Im altherrschaftlichen Palais du Louvre in Paris leuchtet es seit einigen Tagen grellpink. Eine Wand des Renaissancepalastes mitsamt ihrer Flügeltür musste dran glauben: Sie wurde in der Kleine-Mädchen-Lieblingsfarbe dekoriert, darüber leuchtet ein großer weißer Schriftzug: Barbie.

Gleich neben dem Tuileriengarten und der Mona Lisa ist das Plastikpüppchen mit seiner Entourage in den Nordflügel des Palais eingezogen. Das Museum Les Arts Décoratifs widmet Barbie eine große Ausstellung rund um deren Geschichte und Rezeption, erzählt entlang 700 ausgestellter Puppen auf 1500 Quadratmetern.

Millionen von Mädchen spielen seit mehr als 50 Jahren mit dieser Puppe. Alle drei Sekunden werde weltweit eine Barbie verkauft, sagt Hersteller Mattel. Wurde sie in den Sechzigerjahren zunächst nach einer emanzipatorischen Idee entwickelt - die Mädchen sollten nicht mit Babypuppen die Mutterrolle nachahmen, sondern mit der erwachsenen Frauenpuppe eigene Lebensentwürfe anvisieren und Stereotype infrage stellen - wandelte sich das Barbie-Bild über die Jahrzehnte. Heute hat Barbie ein Leben zwischen Kosmetik, Ken und Cupcakes, stets lächelnd und übersexy dank anatomisch unmöglichem Fantasiekörper.

Mit der Frisur von Hillary Clinton

Doch in ihren ersten Jahrzehnten hatte Barbie tatsächlich wenig mit rosa Kitsch und Prinzessinnenträumen zu tun. Die erste Figur mit dem Namen Barbara Millicent Roberts trug 1959 einen schwarz-weiß-gestreiften Badeanzug. Ihre Körpermaße waren noch unwirklicher dimensioniert als heute, weil sich die Puppe an einen Pin-up-Comic aus der "Bild"-Zeitung anlehnte: "Lilli". In den Fünfzigern hatte die "Bild"-Redaktion beschlossen, Lilli als Puppe auf den Markt zu bringen; eine Mitbegründerin der Firma Mattel entdeckte die Puppe bei einem Besuch in Europa - und nutzte sie als Vorlage für Barbie.

In den folgenden Jahren passte sich Barbie den modischen und gesellschaftlichen Entwicklungen an: 1961 wurde sie als Flugbegleiterin und Ballerina verkauft, 1965 kam bereits eine Barbie-Astronautin heraus. 1973 erschien sie als Chirurgin, 1984 als Aerobic-Trainerin. 1996 gab es "Star Trek"-Barbies, im Jahr 2000 eine US-Präsidentschaftskandidatin-Barbie, die die Frisur von Hillary Clinton trug.

Auch die limitierten Sammlerobjekte zeigt die Pariser Ausstellung. Die Sammler-Barbies werden oft von Designern eingekleidet: Es gibt Sonia-Rykiel-Barbies, Escada-Barbies und solche mit Louboutin-Schuhen. Einige tragen Haute Couture, andere schauen aus wie Marie Antoinette oder Queen Elizabeth.

Die meisten Barbies sind vom Hungertod bedroht

Heute bemüht sich Mattel, Diversität abzubilden, was nicht als gesellschaftliche Mission, sondern als Marketingkonzept verstanden werden sollte. Barbie wird mit 14 verschiedenen Gesichtsformen, acht Haut-, 18 Augen- und 23 Haarfarben verkauft. "Jedes Kind soll für seine Lebenswelt die passende Barbie haben", erklärt Chefdesigner Robert Brest, "deshalb reagieren wir immer wieder auf aktuelle Trends. Zum Beispiel mit der Yoga-Barbie, die wir mit vielen Gelenken entworfen haben, damit sie im Lotussitz meditieren kann."

Brest deutet auf eine Vitrine, in der Verwandtschaft und Freundeskreis von Barbie ausgestellt sind. Dort hängt ihr Freund Ken und ihre Freundinnen PJ, Teresa, Summer und Raquelle, ihre Geschwister Skipper, Todd und Stacie, ihre Cousins und Cousinen, Großeltern, Haustiere und Pferde.

Die Kontroverse rund um Barbies Figur berührt die Ausstellung nicht. "Sie war als Anziehpüppchen für Miniaturmode konzipiert, ihre Silhouette wurde entworfen, um das Umziehen zu erleichtern", erklärt Puppendesigner Brest schlicht. Dass Mattel im Jahr 2003 kurzzeitig mit einem natürlicheren Modell mit kürzeren Beinen und breiteren Hüften experimentierte, widerspricht dieser Erklärung. Doch nach wie vor wären die meisten Barbies, würden sie leben, vom Hungertod bedroht.

Barbie: Makellosigkeit in Puppenform
Barbiestyles/ Les Arts Décoratifs

Barbie: Makellosigkeit in Puppenform

Transportieren sie deshalb ein Frauenbild, das Essstörungen fördert? In Deutschland soll sich laut einer Studie der WHO jedes zweite 15-jährige Mädchen zu dick fühlen. Im Durchschnitt soll jede von ihnen sieben Barbies besitzen. Setzt das Spielzeug den Anreiz, alle Energie aufs Äußere zu richten, der Makellosigkeit der Puppe nachzueifern?

Es ist bedauernswert, dass man sich im Les Arts Décoratifs im Rahmen der künstlerischen Rezeption mit diesen Fragen nicht beschäftigt hat. Als Schönheitsideal und Konsumikone ist Barbie spätestens seit den Neunzigern auch zum Vehikel und Symbol von Gesellschaftskritik geworden.

Doch in diesem Punkt bleibt die Schau dürftig. Sie zeigt Pop-Art von Andy Warhol sowie Fotografien von Laurie Simmons, die in ihrer Reihe "How We See" junge Frauen fotografiert hat, die sich bemühen, wie Puppen auszusehen.

Barbie als Maria, Ken als Christus am Kreuz

Interessanter wäre es gewesen, von der Künstlergruppe The Yes Men zu erzählen, die 1993 die Barbie-Befreiungsorganisation gründete und heimlich in Spielzeugläden die Elektronik der Sprachpuppen von Barbies und Spielzeugsoldaten austauschte: Barbie sagte plötzlich Sätze wie "Die Rache gehört mir".

Man hätte sich mit "Barbie. Die Plastikreligion. Heilige und Sünder" auseinandersetzen können, einer Inszenierung der argentinischen Künstlerin Marianela Perelli, die Barbie als Jungfrau Maria und Ken als Christus am Kreuz gezeigt hat.

Man hätte auf Jocelyne Grivaud hinweisen können, die mit Barbie Kunst nachstellt, auf Annette Thas' Skulptur "Wave 2" mit 5000 Barbiepuppen am Strand von Sydney und auf das "Barbie Slave Ship", das Tom Sachs auf der Biennale in Lyon präsentierte. Und während Darby Cisneros visuelle Klischees mit der Socality-Barbie auf Instagram verhöhnt, wird im Les Arts Decoratifs nur auf Mattel-Promotion im Barbie-Twitter-Kanal verwiesen.

So erzählt die Schau lediglich die Geschichte eines extrem erfolgreichen Spielzeugs und gibt einen recht interessanten Einblick in die Verquickung von Zeitgeist, Mode- und Puppenwelt. Damit bleibt sie aber weit hinter ihren Möglichkeiten.


Barbie, bis zum 18. September im Musée des Arts Décoratifs, Paris www.lesartsdecoratifs.fr



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insgesamt 11 Beiträge
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kasam 12.03.2016
1. Barbie,
eine Ikone der Dummheit, Einseitigkeit und Oberflächlichkeit. Und fast alle lieben sie.--Was sagt das über die Menschheit aus----
throatwobblermangrovejr. 12.03.2016
2.
Sollte das Original "Revenge is mine" lauten, wäre "Mein ist die Rache" ja doch ein wenig passender.
lügenPresse!lügenPresse! 12.03.2016
3.
Ich hatte als Junge mehrere Superhelden-actionfiguren. Unter anderem Superman, Spiderman und Captain America. Ich hatte deshalb nie das Bedürfnis nach einem Sixpack. Ich frage mich jetzt warum es bei 8 jährigen Mädchen anders sein sollte, wenn sie mit Barbies spielen.
felisconcolor 12.03.2016
4. Oh jetzt
breche ich aber echt in Tränen aus. Nur weil bestimmte Frauen nie Chirurgin oder Stewardess oder oder oder werden konnten ist Barbie schuld. Hat sich mal jemand mit dem Männerbild beschäftigt, welches Jungen vermittelt bekommen wenn sie mit Actionfiguren spielen? Nö geht ja auch nur um Jungs und Jungs sind ja eh blöde. Mädels ihr habt ein Problem aber das ist gewiss nicht Barbie
joG 12.03.2016
5. Laut einem kürzlichen Artikel....
....nimmt die Zahl der "dicken" 15 jährigen Mädchen dramatisch zu: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/gesundheitsstudie-zahl-der-dicken-maedchen-in-deutschland-steigt-rasant-a-665951.html
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