Baselitz-Ausstellungen: Nicht Nee Nee Nee Nicht No

Von Ingeborg Wiensowski

Über Georg Baselitz scheint alles geschrieben und gesagt. Wozu braucht man noch zwei Ausstellungen seiner Gemälde und Skulpturen? Weil der Künstler in den Katalogen selbst einen Blick auf sein Werk wirft - und amüsant beschreibt, was er alles nicht darstellen will.

Eigentlich, denkt man, ist gerade in den vergangenen Jahren alles ausgestellt worden, was Georg Baselitz, 71, jemals gemalt, gezeichnet, gedruckt oder in Holz gehauen und gesägt hat. Und alles scheint über ihn geschrieben zu sein, besonders, seit er in letzter Zeit gern Auskunft über sich und seine Arbeit gibt - in vielen Magazinen, Zeitungen und auch schon mal in bunten Blättern. Warum also soll man jetzt gleich zwei Kataloge ansehen und lesen - einen zum malerischen, einen zum bildhauerischen Werk?

Weil es zwei Bücher sind, die sich konzentrieren und gleichzeitig das Werk zusammenfassen, mit jeweils zwei, drei guten, nicht zu langen und verständlichen Texten, mit den Bildern der Ausstellungen und im Kunsthallen-Katalog außerdem noch mit genau beschriebenen Abbildungen aller Skulpturen. In beiden Katalogen gibt es eine Biografie, eine Bibliografie und die Liste der Ausstellungen.

Und weil - ungewöhnlich für Kataloge - der Künstler selbst zu Wort kommt. In Gesprächen und Interviews oder mit seinem längeren Text "Wenn Maler nicht rechtzeitig aus dem Fenster springen, werden sie einfach alt...", in dem Baselitz über sein Alterswerk "Remix" spricht. Weil er eben nicht aus dem Fenster gesprungen sei, müsse er nun sehen, wie er "den Rest der Zeit füllt". Er wolle nicht die damalige Zeit wieder heraufbeschwören, sondern er wolle "dieses Bild, das leidet oder gelitten hat, verbessern und beschleunigen". "Die große Nacht im Eimer" habe arbeitsmäßig zwei Monate gedauert, das neue Remix-Bild davon hingegen zwei Stunden.

Wunderbar sind aus den kleinen Texten Selbstüberschätzung und Ehrlichkeit, Hochmut und Bescheidenheit, Arrogantes und Nachdenkliches herauszulesen, und man hat das Gefühl, sich am Ende ein Bild von Baselitz machen zu können und dem, was ihn um- und antreibt.

In der Kunsthalle: 30 Jahre Skulptur

Viele Texte machen einfach Spaß, wie der von 2009 im "Skulpturen"-Buch. Baselitz schreibt, dass er Rodins Denker gar nicht mag, "zu viel Michelangelo", und er weiß genau, wie Rodin es hätte besser machen können: "Mit einem Schritt in die französische Romantik wäre er weiter gekommen". "Großpathetisches" von Serra, Long oder de Maria mag er übrigens nicht. Amüsant sein dichterischer Text "Nicht Nee Nee Nee Nicht No" darüber, was seine Skulpturen alles nicht sind - ... "nicht Natur no, nicht Schein no, nichts scheint nichts no ... nicht Sex no, nicht zwischen da nicht no...".

Karola Kraus, Direktorin der Kunsthalle, hat in ihrer Schau zu einigen Figuren und Köpfen Gemälde im Dialog gehängt, weil beide das Sujet menschliche Figur auf völlig verschiedene Art bearbeiten. Hier haut er mit Kettensäge, Beil und Stecheisen gegen Harmonie und Symmetrie an, dort lotet er sorgsam Pinselstrich und Farbe aus und stellt sein Motiv im Konflikt um Figur und Abstraktion auf dem Kopf.

Im Museum Frieder Burda: 50 Jahre Malerei

Es macht Spaß zu lesen, wie der Kunsthistoriker Adriani im Katalog "Baselitz - 50 Jahre Malerei" das "typisch Deutsche" am Künstler Hans-Georg Kern beschreibt, der allerdings "für sein Pseudonym aus dem Namen seines Geburtsorts Deutschbaselitz das Wort Deutsch herausgestrichen hatte".

Der Text wird jeweils auf einem Drittel jeder Seite von Notizen und Anmerkungen aus Texten und Interviews von Baselitz aus der Zeit von 1963 bis 2008 begleitet und kommentiert. So spricht also auch Baselitz auf der gleichen Seite über Deutschland und die "Tradition der hässlichen Bilder in der deutschen Malerei", über Figuration, Handwerk, über Tradition.

Renitenz und Pubertät

Es finden sich Texte über Vorbilder und familiäre Bindungen, den Kunstmarkt und Preise, die politische Unterdrückung in der DDR und seinen Rausschmiss aus der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Ost-Berlin wegen "gesellschaftspolitischer Unreife" und seine Renitenz, die er bis heute beibehalten haben will.

Und es gibt Texte, die mehr über ihn aussagen, als ihm wahrscheinlich lieb ist. Wie z.B. der von 1979, in der er sich über sein wütendes "Pandämonisches Manifest", das er 1962 in Berlin zusammen mit Eugen Schönebeck verfasst hat, mild-weise wie über eine Jugendsünde äußert: "... wenn man es heute liest, ist es mit seiner schwülstigen Sprache weitgehend unverständlich geworden, es war einfach pubertär...". Waren etwa die großartigen wilden Bilder aus derselben Zeit auch nur "pubertär"? Schließlich war es derselbe Kopf, dieselbe malende und schreibende Hand.

Da stimmt was nicht mit dem Künstler-Genie-Bild, das Baselitz gern von sich geben will - mit ein paar sympathischen Irrungen und Wirrungen durchsetzt. Plötzlich scheint das Genie auf Otto-Normal-Verbraucher-Niveau heruntergebrochen.


Ausstellungen:
Baselitz Retrospektive:
Baden-Baden. Museum Frieder Burda und Staatliche Kunsthalle. Bis 13.3.2010.

Kataloge:
Götz Adriani (Hg.): "Baselitz - 50 Jahre Malerei". Hatje Cantz; 212 Seiten; 29,80 Euro.
Karola Kraus, Georg Baselitz: "Skulpturen / Sculptures". Distanz; 240 Seiten; 49,90 Euro.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Fehlend
sam clemens 15.12.2009
Ich vermisse bei dem Artikel Stringenz und Klarheit. Was denn nun - Genie oder was? Was stimmt denn nun bei dem allgemein verbreiteten Baselitz-Bild nicht? Am Ende ein kritischer Nebensatz, der nur irritiert, nicht aufklärt. Meiner Meinung nach ist Baselitz selbstverständlich ein guter Maler, trägt aber den Ruf als Malerfürst, als Genie zu Unrecht (vor sich her). Wenn man genau hinsieht - massenkompatibler Kokoschka für Leute, die den Kopfstand für eine kreative Heldentat halten.
2. Kein Kopfstand
hajoschneider 15.12.2009
Zitat von sam clemensIch vermisse bei dem Artikel Stringenz und Klarheit. Was denn nun - Genie oder was? Was stimmt denn nun bei dem allgemein verbreiteten Baselitz-Bild nicht? Am Ende ein kritischer Nebensatz, der nur irritiert, nicht aufklärt.
Nun ich denke, das ist einfach typisch für Künstler: Sie sind schwer einzuordnen, weil sie sich einfach jeder Kategorisierung entziehen. Nichtsdestotrotz teile ich Ihre Auffassung, dass Baselitz, wie so viele andere hochdotierte Künstler unserer Zeit auch, überbewertet ist.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare