Bauaustellung im Fürst-Pückler-Land Im Land des rostigen Nagels

Braunkohlegruben wurden zu Badeseen, Industrieruinen zu Touristenattraktionen: In der Lausitz geht ein gewaltiger Landschaftswandel zu Ende, nach zehn Jahren findet der Schlussakt der Internationalen Bauausstellung statt - die Bilanz eines Millionenprojekts.

Von Rainer Müller

IBA/ Gerhard Kassner

"Am Samstag beginnt die neue Zeit", da ist sich Jürg Montalta sicher. Dann soll im Süden Brandenburgs das "Paradies 2" bezugsfertig sein. So nennt der Schweizer Regisseur eine Veranstaltungsreihe, mit der in der Lausitz symbolisch ein gewaltiger Struktur- und Landschaftswandel zu Ende geht: Zwischen Berlin und Dresden ist in den vergangenen Jahren Europas größte künstliche Seenkette entstanden, ein "Paradies 2", mit schiffbaren Kanälen, schwimmenden Häusern und beeindruckender Industriekultur.

Zehn Jahre lang, von 2000 bis 2010, hat die Internationale Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land versucht, der geschundenen Bergbaulandschaft im Lausitzer Revier ein neues Gesicht und neue Perspektiven zu geben. Dabei ist die IBA keine "Bauausstellung", die etwa neue Trends des Eigenheimbaus präsentiert, sondern ein Instrument der Stadt- und Regionalplanung. IBAs finden seit über 100 Jahren in unregelmäßigen Abständen in deutschen Städten und Regionen statt. Zurzeit gibt es drei Bauausstellungen gleichzeitig: Neben der Brandenburger IBA präsentiert in diesem Jahr auch die IBA Stadtumbau Sachsen-Anhalt ihre Endergebnisse, und in Hamburg zeigt eine weitere IBA gerade ihre Halbzeitergebnisse.

Bekannteste IBA war die Internationale Bauausstellung Emscher Park, die in den neunziger Jahren im Ruhrgebiet stattfand. Deren Projekte, darunter die Zeche Zollverein, bilden heute das Rückgrat für das laufende Kulturhauptstadtjahr Ruhr2010. Einen ähnlichen Struktur- und Imagewandel erhoffen sich die IBA-Macher nun in der Lausitz.

"Als wir vor zehn Jahren unsere Pläne vorgestellt haben, waren viele Lausitzer skeptisch. Das hat sich völlig gewandelt", sagt Rolf Kuhn, Geschäftsführer der IBA Fürst-Pückler-Land. "Keiner wollte glauben, dass ausrangierte Förderbrücken oder alte Kraftwerke erhaltenswert wären - heute sind sie die Besuchermagnete der Region." Rund eine Million Besucher hatte etwa der "liegende Eiffelturm der Lausitz" bisher, eine gewaltige Förderbrücke namens F60 aus DDR-Produktion.

Wenn nichts mehr zu retten ist, wird eine IBA veranstaltet

Die DDR war kurz vor ihrem Kollaps zum größten Braunkohleproduzenten der Welt aufgestiegen - mit verheerenden Folgen für Menschen und Umwelt in der Lausitz. 130 Dörfer und Siedlungen wurden abgebaggert, 25.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, Flüsse wurden umgeleitet und die Böden durch Kokereien vergiftet. Die Region war die industrielle Herzkammer der DDR. Arbeiten und Geld verdienen konnte man hier - leben eher nicht. Als mit der DDR auch der Bergbau zu Ende war, begann das Desaster. Ein Viertel der Bevölkerung wurde arbeitslos, ein weiteres Viertel wanderte ab.

Wenn nichts mehr zu retten ist, wird eine IBA veranstaltet. So war das schon öfter. In der Lausitz taten sich vier Landkreise und die Stadt Cottbus zusammen und gründeten die IBA GmbH. Als Gesellschafter geben sie das Geld für das aus 15 Mitarbeitern bestehende Team und für die Eigenmittel. Das Geld für die 30 Projekte der IBA kommt hingegen von der Landesregierung, von der EU und vor allem aus Mitteln der ohnehin stattfindenden Sanierung der DDR-Braunkohlegruben - die wiederum der Bund durch seinen Sanierungsträger LMBV übernimmt. Zusammen hat die IBA so in zehn Jahren rund 46 Millionen Euro gekostet - eine bescheidene Summe, wenn man sie etwa mit den 1,5 Milliarden Euro vergleicht, mit denen in der Dekade zuvor die IBA Emscher Park bezuschusst wurde.

Dennoch haben auch deren Nachfolger in der Lausitz zum Ende ihrer Laufzeit einiges vorzuweisen: Zeugnisse der Industriekultur wie die F60 konnten erhalten und umgewidmet werden. Heute verbindet eine "Route der Industriekultur" die F60 mit den Biotürmen in Lauchhammer, dem Dieselkraftwerk in Cottbus und sieben weiteren Industriedenkmälern. "Genau wie man mit den Industrieruinen nichts mehr zu tun haben wollte, hätten es viele Leute gerne gesehen, wenn aus den alten Braunkohlegruben eine Art zweitbeste Mecklenburger Seenplatte geworden wäre", resümiert Rolf Kuhn. "Wir haben aber von Anfang an darauf hingewirkt, dass man die industrielle Vergangenheit, das Künstliche, nicht verleugnet sondern als Chance begreift."

Symbolisch dafür steht die Landmarke Lausitzer Seenland, ein mit Architekturpreisen überhäufter Aussichtsturm im Zentrum der Seenlandschaft. Aus 30 Metern Höhe bietet er einen Blick auf vier der 30 künstlichen Gewässer. Der Stahl, aus dem die Landmarke errichtet wurde, rostet an der Oberfläche besonders schnell und erinnert bewusst an die industrielle Entstehungsgeschichte der Landschaft. Die Einheimischen nennen den Turm daher "rostiger Nagel".

"Der Hafen wird auch ohne uns gebaut!"

Auch das größte Bauwerk der IBA ist so ein Statement: Die IBA-Terrassen, das Besucherzentrum in Großräschen, verzichtet auf den üblichen Rotklinker der Region. Stattdessen markieren die 270 Meter lange Terrasse aus Sichtbeton und die drei darauf verteilten Hauswürfel einen Neuanfang an der Abbaugrenze einer früheren Kohlegrube. Von hier beobachten Besucher, wie Zentimeter für Zentimeter ein neuer See entsteht: Seit 2007 wird der Ilse-See geflutet. Wenn er 2015 seinen endgültigen Wasserspiegel erreicht hat, ist der letzte See im Lausitzer Seenland gefüllt.

"Es war uns immer wichtig, dass der Wandel sichtbar und erlebbar wird. Die Leute sollten sehen: Hier passiert etwas", erklärt Rolf Kuhn sein Konzept. Wie eine Brücke in die Zukunft ragt heute bereits eine Seebrücke vom Besucherzentrum in die halbtrockene Grube - es ist ein recyceltes Bergbaugerät.

Bereits fertig geflutet ist der Senftenberger See. Schon seit den siebziger Jahren lockt er Badegäste aus der Region. Mit den Jahren kamen auch Segler, Taucher, Angler, Hotels und Restaurants dazu. So ein Angebot hätten alle Bürgermeister gerne, deren Dorf an einem der entstehenden Seen liegt. "Das kann aber nicht funktionieren", ist Kuhn überzeugt und setzte mit der IBA auf unterschiedliche Offerten.

So rang die IBA der LMBV schiffbare Kanäle zwischen den Seen ab, um so auch als überregionales Segelrevier auf die touristische Landkarte zu kommen. Zum Markenzeichen des Lausitzer Seenlandes sind aber schwimmende Häuser geworden - von der schwimmenden Tauchschule am Gräbendorfer See bis zu preisgekrönten Wohnhäusern im "Wohnhafen Scado" am Geierswalder See. "Wir wollen als IBA auch innovative Wohnformen in der neuen Seenlandschaft zeigen, um die Region wieder für junge Menschen interessanter zu machen", erklärt Brigitte Scholz, Projektleiterin der IBA, die Grundidee.

Dazu gehört auch eine geplante ökologische Mustersiedlung am Sedlitzer See - von der allerdings zum Ende der IBA-Laufzeit nur schöne Computerbilder existieren. Auch andere Projekte existieren bislang nur auf dem Papier. "Eine IBA ist immer auch ein Experimentierlabor. Da kann es auch mal länger dauern, bis eine Idee umgesetzt wird - und sie kann auch scheitern", gibt Rolf Kuhn zu.

Viel Zeit bleibt nicht mehr, mit dem Bau der Öko-Siedlung "Lagunendorf" oder des Seehafens in Senftenberg zu beginnen. Ende des Jahres schließt die IBA ihre Pforten. Danach müssen lokale Projektpartner die angestoßenen Projekte fertigstellen. "Da mache ich mir keine großen Sorgen", so Kuhn, "die Liegeplätze in Senftenberg zum Beispiel sind bereits alle vergeben. Der Hafen wird auch ohne uns gebaut."

Eine Aussage, die auch Jürg Montalta gefällt. Der Schweizer Regisseur des Kulturprogramms im IBA-Abschlussjahr macht Eigeninitiative zum künstlerischen Konzept: Wenn am 18. September Ministerpräsident Matthias Platzeck in der Neuen Bühne Senftenberg den Schlussakt von zehn Jahren IBA einläutet, will Montalta "mit 7000 Lausitzern, Taschenlampen und Fanfarenzügen den Sedlitzer See in ein Licht-Klang-Kunstwerk verwandeln." Es gibt kein Feuerwerk und kein Sinfonieorchester. "Es kann keine Kultur konsumiert werden. Die Menschen müssen selbst Verantwortung übernehmen." Um Punkt halb zehn Abends sollen die Lichter angehen und die Musiker von alten Bergarbeiterliedern auf Sambarhythmen umstellen - der Beginn einer neuen Zeit für die Lausitz.

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kaitou1412 18.09.2010
1.
Schöner Artikel. Ich komme aus der Region und die Landschaft und ihr wandel sind Atem beraubend. :) Mitten zwischen Kulturregionen wie dem Dresdner Gebiet, der Oberlausitz und des Spreewaldes setzt sich eine verbindende Region, wo man entspannt leben und trotzdem die Sau rauslassen kann. Idyllische Döfer sind verbunden mit Fahrradwegen und Seen und Strassen für Fahrradtouren, Bade-, Segel, und Motorwassersportaction sowie Fahrten auf dem Motorrad oder im Oldtimer zu all den verschiedenen Ausflugszielen. Ich freue mich, dass eine solch spannende Freizeitregion mit ihrer eigenen Kultur entsteht. Man darf nur nicht den Fehler machen, zu wenige spannende Projekte durchzuführen, denn ohne lockt man keine Menschen an. Und irgendwie, wenn ich mir die Landschaft auf Karten ansehe, hätten noch deutlich mehr Seen angelegt werden können, vor allem Richtung Osten und Nordosten. Aber dennoch schön für Senftenberg. :) Ich freu mich weiterhin.
weltbetrachter 18.09.2010
2. Ist doch süß ...
... was alles mit unseren SOLI-Geldern so gemacht worden ist. Jetzt sollte man aber diesen langsam abschaffen und an Rückzahlung an den Westen denken, teilweise jedenfalls, denn im Osten der Republik wurder der auch gezahlt.
bithunter_99 19.09.2010
3. der Weste
Tja, wir wurden 40 Jahre lang vom Westen ignoriert und nun hat uns der Westen kaputt gemacht. Sämtliche Industrie "abgekauft" für nen Appel und Ei.. und anschließend dicht gemacht. Jetzt hat er unsere Region ausgeblutet, da es hier keine Arbeitsplätze mehr gibt.
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