Baudesaster Elbphilharmonie "Da hätte man andere Saiten aufziehen müssen"

Die Elbphilharmonie soll das neue Wahrzeichen Hamburgs werden - derzeit steht sie vor allem für exorbitante Kostensteigerungen. Der Projektmanagement-Experte Franz-Josef Schlapka erklärt die Forderungen der Baufirma im SPIEGEL-ONLINE-Interview für unplausibel - und warnt vor einem Millionengrab.

DDP

SPIEGEL ONLINE: Herr Schlapka, die Elbphilharmonie sollte die Stadt mal 114 Millionen Euro kosten - mittlerweile ist man bei 323 Millionen, und es liegen schon die nächsten Nachforderungen von der Baufirma Hochtief auf dem Tisch. Woran liegt das?

Schlapka: Die Methode, die die Bauindustrie anwendet, ist immer die gleiche: Um den Zuschlag zu erhalten, gibt man ein bewusst niedriges Angebot ab. Wenn dann der Auftrag vergeben ist, generiert man die Gewinne auf dem Wege der Nachforderungen. Claim-Management heißt das. Dieses Prinzip ist nicht unüblich.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn es dazu führt, dass das Gebäude dreimal teurer als geplant wird? Sind die Nachforderungen des Generalunternehmers Hochtief branchenüblich?

Schlapka: Ich wäre mit diesen Beträgen an Stelle von Hochtief nicht ins Rennen gegangen. Die Forderungen sprengen jeden Rahmen und sind völlig unüblich.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, es gibt keine sachliche Grundlage für die Kostensteigerungen?

Schlapka: Das will ich nicht sagen. Aber sie sind in der Höhe völlig unplausibel. Nehmen Sie zum Beispiel die Mehrkosten, die Hochtief der Stadt für die Verlängerung der Bauzeit in Rechnung gestellt hat. Dort haben sie 1,44 Millionen Euro pro Monat für die Einrichtung und den Betrieb der Baustelle gefordert. Da stehen Kräne, die Container und dann gibt's noch die örtliche Bauleitung. Das soll fast anderthalb Millionen Euro im Monat kosten? Oder die über fünf Millionen Euro, die angeblich anfallen, weil es wegen technischer Schwierigkeiten zu Störungen im Bauablauf kommt. Wenn Sie das auf das durchschnittliche Gehalt eines Ingenieurs umrechnen, kommen Sie auf 13 Ingenieure, die sich zweieinhalb Jahre lang ausschließlich mit diesem Thema befassen. Ebenfalls völliger Unsinn.

SPIEGEL ONLINE: Aber diese Forderungen hat die Stadt Hamburg ja nicht vollständig bezahlt.

Schlapka: Richtig, doch nicht mal der reduzierte Betrag, dem die Stadt Hamburg schließlich zugestimmt hat, hält meines Erachtens einer Plausibilitätsüberprüfung stand. Ganz abgesehen davon, dass Hamburg noch 30 Millionen als "Einigungssumme" gezahlt hat, um Hochtief zufriedenzustellen. So was darf man nicht machen.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Schlapka: Das war ein völlig falsches Signal. Wenn der Generalunternehmer schon vorher so zugelangt hat, mit Forderungen, die überhaupt nicht plausibel sind, und dann noch 30 Millionen ohne Gegenleistungen bekommt - das ist eine Einladung zu weiteren Forderungen. Und so war es ja auch: Mitte Januar hat Hochtief tatsächlich nachgelegt.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt soll die Elbphilharmonie noch einmal bis zu 44 Millionen mehr kosten und ein Jahr später fertig werden.

Schlapka: Das war auch absehbar. Wenn Sie so ein Unikat bauen, dann kommen auf dem Wege Probleme, die Sie vorher nicht haben erkennen können. Der Teufel steckt im Detail. Die Fassade, das Dach, der Innenausbau des Konzertsaals - natürlich führt das zu weiteren Steigerungen zunächst auf der Ebene der General- und Nachunternehmer. Der Reigen ist also noch lange nicht vorbei. Deshalb ist es auch völlig verfehlt gewesen, zu einem so frühen Zeitpunkt den Geldbeutel aufzumachen. Zumal man einen Nachtrag wegen Bauzeitverlängerung üblicherweise nach der Fertigstellung stellt. Auf Grundlage einer Prognose kann man da nichts vereinbaren.

SPIEGEL ONLINE: Gilt nicht am Bau die Regel: Je unverschämter die Forderung, desto mehr bleibt hängen?

Schlapka: Ein bisschen schon. Aber man kann auch mal an den Falschen geraten, und dann gibt's fürchterlichen Ärger. Die Elbphilharmonie-Baustelle ist eigentlich so ein Fall, wo man ganz andere Saiten hätte aufziehen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Und warum geschieht das nicht? Gibt es auf Seiten der Stadt Hamburg keine ausreichend qualifizierten Berater?

Schlapka: Da fängt bei mir das Stirnrunzeln an. Ich weiß, dass Hamburg beim Elbphilharmonie-Bau mittlerweile von einem ausgezeichneten Kollegen beraten wird. Der wird diese überzogenen Forderungen nie und nimmer akzeptiert haben. Also muss es eine politische Motivation dafür gegeben haben, das so zu akzeptieren. Offensichtlich hat man geglaubt, man könne das Problem auf anderem Wege lösen. Außerdem hat Bürgermeister Ole von Beust den damaligen Chef-Koordinator der Projektleitungsgesellschaft ReGe auch noch gefeuert, womöglich auch, weil er eine zu kantige Position gegenüber Hochtief eingenommen hat. Das ist natürlich genau das falsche Signal: Da widersetzt sich mal jemand, und den nimmt man raus.

SPIEGEL ONLINE: Projektleitung macht bei der Elbphilharmonie die ReGe Hamburg Projekt-Realisierungsgesellschaft - eine städtische GmbH. Will heißen: Die Stadt muss hier ihre eigene Firma kontrollieren. Liegt da nicht der Fehler in der Grundkonstruktion?

Schlapka: Auf jeden Fall muss man gegenüber dem Generalunternehmer eine Mannschaft aufstellen, die das Projekt ab dem ersten Tag im Griff hat. Wenn man da spart, spart man am falsche Ende. Genau das ist aber in Hamburg geschehen: Die Baustelle war in der ersten Bauphase seitens der Projektleitung mit gerade mal fünf Leuten besetzt. Die Begründung war: Man habe Verwaltungskosten sparen wollen. Das kann nicht funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann der Hamburger Senat diesen Konflikt lösen?

Schlapka: Indem er ihn annimmt. Man muss sich nachhaltig mit der Gegenseite auseinandersetzen. Wenn man das nicht tut, geht man unter. In der Baubranche ist es doch üblich, auf den Bauherrn Druck auszuüben. Etwa dadurch, dass man das Tempo auf der Baustelle verlangsamt, um damit zu winken, dass alles auch Jahre länger dauern kann, wenn die Auftraggeber nicht einen Nachtrag bewilligen. Dagegen kann man sich als Bauherr zur Wehr setzen, aber man muss es dann auch mit der nötigen Härte machen. Das ist das, was ich im Fall Elbphilharmonie vermisse.

SPIEGEL ONLINE: Bei privaten Bauvorhaben sind exorbitante Kostensteigerungen unüblich. Beim Unilever-Gebäude etwa, ebenfalls in der Hafencity gebaut, ist Hochtief im Zeitplan und im Budget geblieben. Ist die öffentliche Hand als Bauherr besonders ausnutzbar oder erpressbar?

Schlapka: Der private Investor hat es natürlich einfacher: Wenn mir der Generalunternehmer quer kommt, dann stelle ich ihm die Kündigung in Aussicht und eine Schadensersatzklage für den Fall, dass er die Kündigung zu verantworten hat. Im Fall der öffentlichen Hand ist der Auftrag Ergebnis einer europaweiten Ausschreibung. Das heißt, man kann die Baufirma nicht ohne weiteres herauswerfen, man bräuchte erhebliche Zeit, um eine neue zu finden. Und eine halbfertige Baustelle zu übernehmen, ist nicht unkompliziert. Trotzdem: Man muss dem Tod auch mal ins Auge sehen, wenn man die Schlacht gewinnen will. Das ist eben ein Pokerspiel. Wer zuckt, verliert. So wie es bei der Elbphilharmonie läuft, wird es ein Millionengrab.

SPIEGEL ONLINE: Eine Vermutung der Opposition in Hamburg ist, dass die Vorplanungen für die Elbphilharmonie nicht ausgereift genug waren, als man den Auftrag vergeben hat. Sehen Sie dafür Anhaltspunkte?

Schlapka: Wir haben ja leider keinen Einblick in die Originalverträge. Aber es sieht ganz danach aus. Offensichtlich ist hier das geschehen, was bei vielen sogenannten "Leuchtturm-Projekten" auf der Welt das Problem ist: Städtische oder staatliche Auftraggeber wollen ein besonders spektakuläres Architektur-Wunderwerk auf den Weg bringen, machen aber vor lauter Ehrgeiz ihre Hausaufgaben nicht sorgfältig genug. Das rächt sich immer.

Das Interview führte Christoph Twickel



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
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Mo2 22.03.2010
1. Und alle hätten es wissen können
Da hat der Herr Schlapka völlig Recht. Das Problem ist nur, dass die Mehrheit der Hamburger beratungsresistent ist. Die Schwarz-Grün-Wähler haben sich wissentlich für dieses Desaster entschieden. Dass es genau so kommen würde, war schon lange vor der Wahl klar. Dass Tragische ist, dass letzlich vor allem diejenigen die Zeche für unser tolles Bürgermeisterdenkmal zahlen werden, die am wenigsten dafür verantwortlich sind und die es sich am wenigsten leisten können. Aber in absehbarer Zeit wird der ganze Klumpatsch mangels tragfähigem Fundament eh in der Elbe versinken ;-)
ben-hh 22.03.2010
2. Hauptfehler liegt bei der Stadt Hamburg
Ich gebe Herrn Schlapka im großen und ganzen Recht. Jedoch sehe ich die Hauptursache für die Kosten- und Zeitexplosion in folgenden Punkten und somit in der Verantwortlichkeit der Stadt Hamburg: 1. Politisch motivierte Auftragsvergabe BEVOR der Entwurf und die Ausführungsplanung abgeschlossen war. Ein baubegleitender Entwurf, insbesondere bei einem solch komplexen Bau und der Tatsache, dass es sich hier um viele einmalige Details handelt birgt immer ein sehr großes Risiko, dass Kosten sich verändern. Und es ist nicht überraschend, dass sie sich nach oben entwickeln. 2. Mit der ReGe ein städtisches Team mit behördlichen Strukturen zu haben, das fachlich/personell nicht in der Lage ist, ein solches Bauvorhaben abzuwickeln. Zur Erinnerung, dass letzte abgeschlossene Projekt der ReGe war die Verlängerung der Airbus Start- und Landebahn! 3. Innerhalb der ReGe keine Entscheidungsträger zu haben, die auf Augenhöhe mit dem Bauunternehmer verhandeln können. Der ReGe fehlt jeglicher Verhandlungsspielraum und es ist eher hinderlich, dass für jeden Euro der ausgegeben werden soll, eine Genehmigung eingeholt werden muss. Von Anfang an hätte die Stadt Hamburg professionelle, mit dieser Art von Bauvorhaben erfahrene, externe Hilfe konsultieren müssen und zwar BEVOR der Öffentlichkeit/dem Steuerzahler ein Festpreis suggeriert wurde. Ich finde die gesamte Vorgehensweise grob fahrlässig und dilletantisch. In der privaten Wirtschaft würde ein Bauvorhaben mit diesem Volumen und dieser Komplexität niemals in dieser Weise abgewickelt werden. Viel zu groß wäre das Risiko. Es bleibt nur zu hoffen, dass die von Herrn Schlapka erwähnte externe Hilfe das Projekt in richtige Bahnen lenkt, auch wenn dies für die Stadt und/oder Hochtief schmerzhafte Veränderungen nach sich zieht. Noch beträgt die verbleibende Zeit min. 2 Jahre und es sind noch Millionen auszugeben also genug Zeit für Veränderungen. Aber klar muss auch sein, dass hier keine Wunder mehr vollbracht werden können. Hier kann es nur noch darum gehen, den Schaden zu begrenzen.
baumanagement 22.03.2010
3. Nur die halbe Wahrheit...
Das beschriebene ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Die öffentliche Hand ist der schlechteste Zahler bei Bauleistungen: meistens in Verzug, entgegen gesetzlichen Vorschriften meist nicht angemessen (der vom Gesetzgeber in der Honorarordnung für Architekten & Ingenieure (HOAI) vorgesehene Regelsatz ist der Mittelsatz, die öffentl. Hand zahlt aber nur Mindestsatz) und übt jegliche Form von Druck auf die Auftragnehmer aus. Jeder AN nicht vom Kaliber Hochtief wird sich nie - auch wenn er gerichtlich Recht bekäme - mit der öffentl. Hand anlegen. Aufträge gibt es sonst ein Leben lang nichtmehr. Umgekehrt versuchen es Bauunternehmen, nur diese haben eine Möglichkeit den Spieß gelegentlich umzudrehen, sich schadfrei zu halten und betreiben Claim-Management. Es sind also immer zwei bei einem Problem. Am längeren Hebel sitzt, sofern davon Gebauch gemacht wird, aber immer die öffentl. Hand. Zudem betrügen die öffentl. Hände die Bürger durch verschleierte Gesamtkosten bzw. zu niedrig angesetzte Kosten - wie auch bei der Elbphilharmonie. Die hundert-irgendwas-Millionen waren jederzeit zu niedrig. Andererseits wären wir jetzt noch in der Steinzeit, wenn man die Öffentlichkeit immer auf Basis der tatsächlichen Kosten entscheiden lassen würde.
hiro_protagonist 22.03.2010
4. Ausschreibung entscheidet
Entscheidend für die Nachtrags- und Terminsicherheit ist die Ausschreibung der jeweiligen Leistungen. Nur wenn die Ausschreibung nicht exakt beschreibt, was gebaut bzw. verarbeitet werden soll sind Nachträge in großem Stil notwendig und vom Bauunternehmen durchsetzbar. Der Auftragnehmer ist übrigens verpflichtet, Mehrkosten vor beginn der jeweiligen Arbeiten anzuzeigen und mit dem Bauherrn zu vereinbaren,. Insofern kann ich den Satz von Herrn Schlapka: "Zumal man einen Nachtrag wegen Bauzeitverlängerung üblicherweise nach der Fertigstellung stellt" nicht nachvollziehen.
hiro_protagonist 22.03.2010
5. Ausschreibung entscheidet
Entscheidend für die Nachtrags- und Terminsicherheit ist die Ausschreibung der jeweiligen Leistungen. Nur wenn die Ausschreibung nicht exakt beschreibt, was gebaut bzw. verarbeitet werden soll sind Nachträge in großem Stil notwendig und vom Bauunternehmen durchsetzbar. Der Auftragnehmer ist übrigens verpflichtet, Mehrkosten vor beginn der jeweiligen Arbeiten anzuzeigen und mit dem Bauherrn zu vereinbaren,. Insofern kann ich den Satz von Herrn Schlapka: "Zumal man einen Nachtrag wegen Bauzeitverlängerung üblicherweise nach der Fertigstellung stellt" nicht nachvollziehen.
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