Bauhaus-Ausstellung: Bloß kein formaler Schwindel

Von Birgit Stallmann

Mit Quadraten, Glas, Stahl, rasenden Autos und festen Prinzipien brachten die Bauhäusler die Moderne nach Amerika. Das zeigt die Ausstellung "Bauhaus: Dessau - Chicago - New York" im Essener Folkwang-Museum mit rund 360 Werken vom Stahlrohrsessel bis zum Wolkenkratzermodell.

Bauhaus-Kunst von Gyorgy Kepes: "Untitled (Photographer's wife)", zirka 1938
Hochtief

Bauhaus-Kunst von Gyorgy Kepes: "Untitled (Photographer's wife)", zirka 1938

Der amerikanische Maler Robert Rauschenberg fürchtete das Urteil seines strengen Bauhaus-Lehrers Josef Albers und drehte seine "Schwarzen Bilder" schnell um, wenn er nahte. Grete Tugendhat, der Mies van der Rohe um 1930 ein super-exklusives Wohnhaus gebaut hatte, wagte kaum, ihn hereinzubitten, weil sie ein altes Klavier in das perfekt durchgestylte Wohnzimmer gestellt hatte. Mies van der Rohe wurde später in Chicago einer der gefeiertesten Stararchitekten, der Einfluss auf Größen wie Myron Goldsmith oder Hilde Reiss nahm.

Albers war Professor und van der Rohe Direktor des 1919 in Weimar gegründeten Bauhauses, das 1933 unter dem Druck der Nazis geschlossen wurde. In Dessau hat das Bauhaus ab 1925 seine folgenreiche Wendung zum Industriedesign und zur Architektur vollzogen. Klarheit, Sachlichkeit und Zweckmäßigkeit waren unanfechtbare Prinzipien, und der "Verzicht auf allen formalen Schwindel" war oberstes Gebot. Logisch, dass ein schrottreifes Klavier zwischen eleganten Stahlrohrschwingern, viel Glas und blitzendem Chrom einer Todsünde gleichkam.

Andreas Feininger: "Between Clifflike Walls On Nassau Street", zirka 1940
Hochtief

Andreas Feininger: "Between Clifflike Walls On Nassau Street", zirka 1940

Ihre Ideen trugen die emigrierten Bauhäusler von Dessau auch nach Amerika. Vor allem in Chicago und New York begrüßte man mit ihnen begeistert die Ankunft der Moderne und gab ihnen Lehraufträge. Der Urvater der seriellen Kunst, Josef Albers, liebte nichts so sehr wie Quadrate. Über tausend "Hommages to the square" malte er in der neuen Heimat, auch wenn schon 1923 ein Besucher im Bauhaus gestöhnt hatte: "Drei Tage in Weimar, und man kann auf Lebzeiten kein Quadrat mehr sehen". Das fand auch ein weiterer berühmter Schüler Albers' am Black Mountain College in North Carolina. Kenneth Noland muckte gegen den Übervater auf - und malte trotzig Diagonalen.

Dem FBI war der Bauhausgründer und spätere Harvard-Professor Walter Gropius suspekt. Er wurde verdächtigt, Spion zu sein und Waffen in seinem Keller zu horten. Zudem wohne er in einem "ultra-modernen" Haus mit Glasbausteinen, Spiegelwänden und Alarmschaltern neben dem Bett. Der Verdacht des FBI erwies sich als unbegründet, und Gropius bildete unbehelligt Architekten von Weltrang aus, so etwa I.M. Pei oder Philip Johnson. Und sein Haus, das er zusammen mit Marcel Breuer gebaut hatte, wurde Vorbild für ganze Vorstädte in Amerika.

Herbert Bayer: "Our Allies Need Eggs", 1945
VG Bild-Kunst, Bonn 2000

Herbert Bayer: "Our Allies Need Eggs", 1945

Diesen und vielen anderen Einflüssen des Bauhauses in Amerika geht die Essener Ausstellung engagiert nach, verstrickt sich dabei aber auch manchmal. 1953 etwa fuhren Robert Rauschenberg und John Cage in New York einen Wagen über eine meterlange Papierbahn, während von den Hinterreifen Tinte tropfte. Erst sechs Jahre später ließ der Ex-Bauhaus-Lehrer Xanti Schawinsky einen Wagen in wilder Fahrt über farbdurchtränkte Stoffbahnen rasen. Ein Zusammenhang zwischen beiden Aktionen wird postuliert, ist aber fraglich.

Einen negativen Beigeschmack erhält die Ausstellung durch das Auftreten des alleinigen Finanziers, der Essener Hochtief AG. Das Bauunternehmen schmückt sich, pünktlich zum 125-jährigen Jubiläum, lautstark mit der Essener Schau.

"Wie das Bauhaus damals neue Wege ging, so setzt Hochtief heute neue Maßstäbe", lautet nur eine der peinlichen Zwangsverbrüderungen, mit denen der Ruhrkonzern die legendäre Kunsthochschule vereinnahmt. Selbst die Emigration der Künstler in die Vereinigten Staaten soll ein festes Band zwischen dem Essener Konzern und dem Bauhaus schweißen. "Auch Hochtief hat den Brückenschlag mit den USA vollzogen", brüstet sich der Konzern ungeniert im Vergleich mit dem Bauhaus und protzt mit einer kürzlich vollzogenen Expansion in den amerikanischen Markt.

"Bauhaus: Dessau - Chicago - New York"; Museum Folkwang, Essen; 12. August bis 12. November 2000

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