Debatte um Kreuz und Kippa Die Grenzen des Monotheismus

In Bayern sollen Kreuze in Amtsstuben aufgehängt werden. Ein gefährlicher Schritt in Zeiten, da die monotheistischen Glaubensrichtungen wieder überall auf Konfrontationskurs gebracht werden.

Ruinen der antiken Stadt Palmyra (Archiv)
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Ruinen der antiken Stadt Palmyra (Archiv)

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Sie kamen mit Hämmern durch die syrische Wüste und mit der bedingungslosen Wut von Menschen, die ihre Religion auf Angst bauen und die Auslöschung des Anderen, weil es nur einen Gott geben kann, und dieser Gott ist groß und grausam und duldet keine Differenz, keine Abweichung, keine andere Wahrheit als die von der Welt, die sich teilt in Gläubige und Ungläubige, in Freunde und Feinde, in Weiß und in Schwarz.

Es waren Hunderte, die in Palmyra die Tempel angriffen, Statuen zerstörten und die Schönheit des Menschen, der sich selbst zum Maß hat und zum Bild einer humanen Ordnung, wie sie das Erbe war, gegen die sich die Wut richtete, das Erbe einer Welt von verschiedenen Göttern und verschiedenen Wahrheiten, und die Männer vernichteten nicht nur das Erbe von gestern, sondern auch die Erinnerung von morgen, und sie waren schnell, primitiv, effektiv.

Sie waren Fanatiker, so beschreibt es die britische Althistorikerin Catherine Nixey in ihrem faszinierenden Buch "The Darkening Age", sie waren Fundamentalisten, sie waren Christen, die ein Ziel hatten, ein Ziel vor allem, das die Zerstörungsorgien antrieb, die zwischen der Mitte des vierten und der Mitte des sechsten Jahrhunderts und bis weit ins Mittelalter hinein das Gesicht Europas veränderten: Ihr Ziel war die Vernichtung dessen, was einmal das Abendland genannt werden würde, womöglich sogar das jüdisch-christliche.

Dabei waren sie es ja, die den Antisemitismus in die Welt getragen hatten, es waren die frühen Christen, so beschreibt es der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère in seinem Buch "Das Reich Gottes", es war speziell Paulus, der im ersten Jahrhundert nach Christus aus taktischen Gründen den Graben geöffnet hatte, aus dem später die Gräber wurden, in denen die in Pogromen erschlagenen Juden verscharrt wurden, bis die Deutschen auf die Idee kamen, das Vernichtungswerk massenindustriell aufzuziehen.

Die Minimalwahrheit des Monotheismus

Der Feind waren dabei nicht Einzelne, es war, wie schon in der späten Antike, der Kampf gegen eine Form von Zivilisation, eine kosmopolitische Welt, wie sie etwa die Griechen geschaffen hatten, gegen die sich die Wut der frühen Christen richtete: 532 nach Christus schloss die berühmte Akademie in Athen, es war das Ende eines diskursiven Welterklärungsprozesses, wie ihn die Denker angetrieben hatten, die nun verschwanden, vernichtet mit ihren Büchern, es war eine systematische Attacke auf alles, was die Kompliziertheit des Kosmos der Minimalwahrheit des Monotheismus entgegenzusetzen hatte.

Und deshalb ist es heute mal wieder ganz gut, in diesem Klima der Trivialisierung und der Ungenauigkeit, wo so vieles durcheinandergeht, noch einmal an die Genese und die Geschichte von all dem zu erinnern, die Trümmer und die Widersprüche und der Fanatismus, aus denen dieser Kontinent in seiner gegenwärtigen Form entstanden ist, es ist ganz gut, die Wirkweisen des Monotheismus zu studieren und die CSU, die in ihrem Wahlkampffuror aus Bayern nun ihre Version des Gottesstaates machen will, darauf hinzuweisen, an welche Tradition aus ihrem Heimatmuseum des Hasses sie da anknüpfen.

Was also soll der Unsinn, in öffentlichen Gebäuden christliche Symbole aufzuhängen, eine Praxis, die gegen das Grundgesetz verstößt, weil Staat und Kirche getrennt sind, und etwas ganz anderes bedeutet als das Kopftuch einer muslimischen Lehrerin, das diese tragen darf, wenn dieses Land Liberalität richtig verstanden hat, denn Liberalität wiederum garantiert jedem Einzelnen Religionsfreiheit, was für die Abgeordneten von der AfD, die diese Religionsfreiheit abschaffen wollen, schwer hinzunehmen ist, aber offensichtlich eben auch für die Orgelpfeifen von der CSU?

Die CSU und ihre Feindbilder

Die Antwort wiederum auf diese Frage fällt gar nicht so schwer, sie ist nicht kompliziert, und sie ist leider nicht erfreulich: Die CSU will einen Kulturkampf entfachen, der gefährlich ist, weil er auf Feindbilder und Abgrenzung setzt, just in einer Zeit, in der die Aggression gegen Juden und Muslime in diesem Land zunimmt und sich die Gesellschaft mit den Wurzeln von Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie auf eine Art und Weise auseinandersetzen sollte, die eben nicht auf klaren Fronten, Populismus und einfachen Wahrheiten basiert, sondern Genauigkeit und Gerechtigkeit zum Ziel hat.

Der Angriff etwa auf einen jungen Mann aus Israel, der eine Kippa trug, durch einen gleichaltrigen Syrer, mitten in Berlin, war so schockierend und abstoßend wie der "Echo" für Kollegah und Farid Bang, die in ihren Songs schon lange antisemitische Klischees, Ressentiments, Weltverschwörungstheorien verbreiten - die Reaktionen darauf wiederum waren so erwartbar, so einhellig, so automatisiert, zwischen Empörung im Bundestag bis zur Kippa-Manifestation im ganzen Land und der Abschaffung des "Echo" und damit des Antisemitismus gleich mit, dass Anna Prizkau wohl mal wieder recht hat, die in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" schreibt: Deutschland "beschützt nicht die Juden, sondern den Holocaust und so seine Identität".

Denn es geht eben, wie fast immer, wenn es in Deutschland um Juden geht, auch in dieser aufgeregten Situation um etwas anderes als um die Juden: Es geht um die Deutschen und ihre Schuld, es geht um das eigene gute Gewissen und die erleichterte Schuld, es geht um die Fehler der anderen und das langsame Verschwinden der eigenen Schuld. Das ist der größere Kontext der gegenwärtigen Aufgeregtheit, wobei die Diskussion umso leichter fällt, weil man endlich wieder mit dem Finger auf andere zeigen kann: Auf einmal ist jemand wie der AfD-Hetzer Alexander Gauland eine Stimme im geschichtspolitischen Diskurs, der die Warnung vor Antisemitismus vor allem dafür nutzt, um Stimmung gegen Muslime zu machen.

Objekte des Verdachts

Das ist das Neue an der gegenwärtigen Debatte, in diesem Zusammenhang sehe ich die Diskussion um muslimischen Antisemitismus, der nicht der Antisemitismus der Muslime ist, die aber implizit oder explizit als Ganzes gemeint sind, Objekt des Verdachts, in die Ecke gedrängt, stigmatisiert: Es geht weniger darum, eine möglicherweise verbreitete Israelfeindschaft unter Muslimen zu besprechen, es geht vielmehr darum, über den Umweg des Antisemitismus eine gesellschaftliche Spaltung voranzutreiben, also den Antisemitismus zu instrumentalisieren. Das erklärt auch die heftigen Reaktionen, die bei anderen Formen von Rassismus fast immer ausbleiben.

Tatsache ist: Dieses Land verändert sich, und der gesellschaftliche Konsens muss ständig neu verhandelt werden, dieses Land hat sich verändert mit den Einwanderern der Sechziger- und Siebzigerjahre, und es ist ein Versagen dieser Gesellschaft, dass immer noch nicht mehr von Einwandererkindern die Medien und die Politik, die Industrie und die Universitäten prägen, denn der andere Blick ist der Anfang von allem, von Verständigung und Demokratie, und der andere Blick wird systematisch und seit Jahrzehnten ausgeblendet und verhindert - die Überraschung wäre heute weniger groß, wenn man sich früher interessiert hätte.

Dieses Land verändert sich auch heute, mit einer neuen Generation von Migranten, mit neuen Einwanderern, mit den Menschen, die hier leben, und die Fragen von Aggression, Ausgrenzung, Antisemitismus, Rassismus lassen sich nicht mit Forderungen lösen oder Parolen und auch nicht mit Talkshows und Kundgebungen, die wichtig sind und ein Zeichen, die aber nur ein Anfang sind und ein Teil einer Veränderung, die ein langes gesellschaftliches Gespräch braucht über Werte, Repräsentanz, Respekt und ein demokratisches Grundverständnis - und vor allem echte Diversität in allen Bereichen dieses Landes.

Man kann Menschen nicht dafür verurteilen, was sie denken oder glauben, sondern nur für das, was sie tun, das ist die Prämisse der liberalen Demokratie, die nicht vom Verdacht lebt, sondern vom Vertrauen. Nur wenn diese Gesellschaft offen ist gegenüber allen, gibt es die Chance, den Antagonismus zu überwinden und die Aggression zu vermeiden, deren erstes Opfer fast immer die Juden sind.

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insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
inecht 29.04.2018
1. frei von Religion = Religionsfreihet
Das deutsche Volk hat sich das Grundgesetz „ in seiner Verantwortung vor Gott“ gegeben (Präambel), ohne zu wissen, welcher Gott denn gemeint sei. Schwere Zeiten für aufgeklärte Atheisten, die den Krieg der Irrtümer ertragen müssen.
apeface 29.04.2018
2. Religion ist reine Privatsache!
Allerdings ist natürlich schon so, dass unterschiedliche Länder unterschiedliche kulturelle Wurzeln haben. Aber für mich steht das Grundgesetz über jeder Religion. Kreuze gehören in die Kirche - nicht in Ämter!
jozu2 29.04.2018
3. Monotheismus ist intolerant
Da der Monotheismus andere Götter leugnet und Atheisten verteufelt, können Christentum, Islam und das Judentum nur intolerant sein - ansonsten verhalten sie sich unlogisch, weshalb das Christentum auch an Glaubwürdigkeit (zu recht) verloren hat. Deshalb neigen Christentum und Moslems auch zum Missionieren, Juden halten sich gerne für eine Elite. Traurig, wie viele Menschen schon leiden mussten, weil Menschen dem Hirngespinst eines Gottes hinterherjagen.
robazz 29.04.2018
4. Dieser Artikel
verdient es, mehrmals gelesen zu werden!
gersois 29.04.2018
5. Sehr gut!
Endlich einmal ein Kommentar, der diesen unreflektierten Schwätzern vom "christlichen Abendland" die Meinung geigt! ich fürchte nur, jene werden es nicht verstehen wollen.
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