"Rheingold"-Premiere in Bayreuth: Wie man aus Trash Gold macht

Aus Bayreuth berichtet

Erfolgszwang für den Regisseur: Zum Wagner-Jubiläumsjahr 2013 musste nicht nur eine neue "Ring des Nibelungen"-Inszenierung her, der "Grüne Hügel" brauchte auch mal wieder einen Hit. Avantgarde-Veteran Frank Castorf griff tief in die Trash-Kiste - und startete mit dem "Rheingold" glänzend.

Richtig edel ist an diesem taufrischen "Rheingold" aus Bayreuth eigentlich nur die musikalische Seite: Ein endlich einmal homogenes, gut aufgelegtes Ensemble überzeugt über weite Strecken, und vor allem der hochgelobte Opernspezialist Kirill Petrenko dirigierte von Beginn an mit penibler Finesse, exzellenter Klarheit und dennoch enormer Kraftentfaltung, so dass er am Schluss mit Abstand und völlig zu Recht den meisten Premierenbeifall einheimste. Wie ihm trotz der heiklen Akustik im Bayreuther Festspielhaus eine nahezu perfekte Balance zwischen Orchester und Solisten gelang, grenzt bei einem Neuling auf dem "Grünen Hügel" schon an ein kleines Wunder.

Den frechen Gegensatz zu soviel Hochglanz lieferte das historische Trash-Ambiente, in welches Regisseur Frank Castorf die Parabel von Machtwillen, Raub, Gewalt und Betrug platzierte: Ein Motel, eine Tankstelle, der Rhein als schäbiger Pool, ein Straßenschild "Route 66" hier, ein altmodischer Strommast da, Semiotik der B-Filme und des amerikanischen Gewalt-Kinos. Die Herrschaftsphantasien des Gottes Wotan, sein eitles Eigendenkmal in Gestalt der Burg Wallhall, die verbrecherischen Mittel, diese Machtdemonstration zu realisieren: Das darf einem bei Castorf durchaus bekannt und schneidend aktuell vorkommen. Die Vorkommnisse und Debatten über NSA und amerikanische Überwachungswünsche werden bestimmt in den weiteren Folgen dieses Wagner-Vierteilers behandelt werden, wetten?

Wotan dreht seinen Film

Dazu gibt es viel Theater auf der Opernbühne zu sehen, auch der Geist der Berliner Volksbühne, für die Frank Castorf seit 1992 tätig ist, dampft kräftig über die Rampe. Stets wird gefilmt, und auf einer großen Videowand explodieren manchmal geradezu Parallelgeschehen, Vergrößerungen von Bühnenaktion oder pantomimische Interpretationen. Wotan dreht seinen Film, sein Ding, das ist "Walhall" als überlebensgroßes Video. Und es ist nicht zur Nachahmung empfohlen, denn dieses Motel-Leben ist kein schönes.

Fast alle Frauen sind blonde Miezen, einschließlich der drei lasziven Rheintöchter, die gelangweilt am Pool des Motels herumlungern und den Verlierer Alberich aufgeilen, um ihn dann wieder fortzustoßen. Immerhin bringen sie ihn dazu, ihr Spiel zu durchschauen und sich lieber der materiellen Macht, dem Gold zu widmen: Da ist für ihn mehr zu holen. Dass ihn ausgerechnet ein schmieriger Mafioso (pardon, der Götter-"Pate") später abzockt, ist natürlich Pech. Castorfs Wotan hat mit Gangstern Geschäfte gemacht: Die beiden Riesen/Schläger Fafner und Fasolt bestehen auf ihrer Bezahlung in Gold, sie nehmen aber auch die hübsche Blondine Freia, Göttin der ewigen Jugend und Wotans Schwester, erst mal in Zahlung. Wie das unter echten Männern schon mal üblich ist.

Sexspiele am Motel-Pool

Aus dieser Sichtweise der "Rheingold"-Grundkonstellation entwickelt Frank Castorf schnell eine bitterböse Kammerkomödie, die die Scheinmoral der göttlichen Vorgehensweise grellbunt auffächert. Wotans große, erhabene Pläne sind von vornherein diskreditiert, denn sie gründen sich auf Verbrechen und Gewalt. Wer das Gute will und stets das Böse tut, gerät unter die moralischen Räder. Frank Castorf kleidete seinen Bayreuth-Anspruch in die klug kalauernde Tiefstapelei, er habe nicht den Ehrgeiz, "einen neuen Jahrhundert-Ring zu schaffen, eher einen 'Jahres-Ring'."

Dass zumindest bei diesem "Rheingold" mehr als die übliche Kapitalismuskritik herauskam, dafür sorgt die Musik. Castorfs Versuche, Wagners Kompositionen als Filmmusik zu sehen und weiterzudenken, sind ein lohnender Ansatz, der Musik und Gesang allerdings manchmal beinahe in der Bilderflut ertränkt.

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Back in Bayreuth: So funktionieren die Wagner-Festspiele
Wenn Castorf einmal weniger zu einer Szene eingefallen ist, lässt er die Sänger einfach ein bisschen in Regietheatermanier auf Campingstühlen herumlungern. Dann dürfen sie nur noch singen: so wunderbar wie der grundsolide Wolfgang Koch (Wotan), die strahlkräftige Claudia Mahnke (Fricka) oder das burleske Nibelungen-Paar von Martin Winkler (Alberich) und Burkhard Ulrich (Mime). Natürlich kommt hier eine Urmutter Erda nicht als reine Weisheit daher: Nadine Weissmann gibt sie eher als edle, paillettenbekleidete Puffmutter, die nach ihren Ermahnung erst mal im Bad mit Wotan herummacht. Allen jedoch machte diese Castorf-Kanonade an Trash-Klischees viel Spaß, man kann also zumindest vom Entertainment-Aspekt her auf den Rest vom "Ring" gespannt sein. Vielleicht wird's sogar ein Hit.

Die Zuschauer reagierten geteilt: Als der Vorhang zuging, gab es durchaus heftige Buhrufe - aber auch kräftigen Beifall. Die gute Tradition der lautstarken Kontroverse in Bayreuth lebt weiter.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. sehr gut
snuffwuff 26.07.2013
orchester, dirigent und sängerinnen waren fabelhaft. ohne jede einschränkung. so transparent und doch feurig und reich an details, habe ich das rheingold noch nicht gehört.
2. Schrecklich
sorrynonickname 27.07.2013
Kann mir jemand dieses grässliche Kunstverständnis erklären, das hinter diesen "modernen Interpretationen" steht, die in Deutschland quasi das einzige sind, was man vorgesetzt bekommt? Es ist ja schön und gut, wenn das einigen gefällt, aber es besteht keine Alternative für die anderen mehr. Egal wo man hingeht, eine schöne, traditionelle Theateraufführung oder Oper mit ansprechenden Kostümen und passendem Bühnenbild, wie es den Werken würdig wäre, lässt sich nicht mehr finden. Wie kommt die kleine Gruppe selbstherrlicher "Sachverständiger" dazu, derart anmaßend ihren eigenartigen Geschmack durchzusetzen?
3. Nachdem ich die vier
Overseasreader 27.07.2013
Zitat von sysopErfolgszwang für den Regisseur: Zum Wagner-Jubiläumsjahr 2013 musste nicht nur eine neue "Ring des Nibelungen"-Inszenierung her, der "Grüne Hügel" brauchte auch mal wieder einen Hit. Avantgarde-Veteran Frank Castorf griff tief in die Trash-Kiste - und startete mit dem "Rheingold" glänzend. Bayreuther Festspiele: Premiere Rheingold Castorf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/bayreuther-festspiele-premiere-rheingold-castorf-a-913318.html)
Aufnahmen der Buehnenbilder sah, brauchte ich den Artikel nurf noch zu ueberfliegen. Gott sei Dank haben wir auch den Ring hier in Seattle. Man braucht sich also nicht die Muehe machen und unnoetiges Geld auszugeben, denn hier sind Buehnenbilder und Saenger noch in einem der Oper entsprechendem Format
4. nein !!
pleuran 27.07.2013
Nein über den Wagner Clan kann man nur den Kopf schütteln !! Die Wagners sind ein Relikt der Vergangenheit ewig gestrige die von Richard Wagner zehren die Festspiele passen nicht mehr in die heutiege Zeit !!!
5. Trash und Mythos
roland.kupski 27.07.2013
Vielen Dank für diese erste Kritik, sie deckt sich sehr mit meiner Wahrnehmung. Allerdings musste ich bei den Frauen auf der Bühne - und wie sie geführt wurden - eher an das etwas altertümliche Wort "Wuchtbrumme" denken, und so waren nicht nur die B-Movies a al Tarantino bei präsent, sondern auch Russ Meyer....was mir allerdings, bei allem "Spaß" doch als Frage bleibt: Was wird aus dem Mythos? Der Speer, der Ring: sie passen so recht nicht rein. Also: wo ist Peter Jackson? Nur noch im Orchestergraben? Ich finde übrigens, dass man aus Loge mehr hätte machen können. Der ist schließlich der Strippenzieher am Ende und zusammen mit Alberich und den Rheingirls einer der Überlebenden des Ganzen. In diese Inszenierung ist es ganz gut, dass es in Bayreuth keine Obertitel gibt. Das hätte wohl nicht funktioniert.
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