BBC in Iran Programm gegen die Jubel-Perser

Störsender gegen das Regime: Im Politdrama von Teheran wird Persian TV zu einem wichtigen Player. Das erst fünf Monate alte Programm sendet aus den Londoner BBC-Studios die heißeste Ware nach Iran, die es dort gerade gibt - vertrauenswürdige Nachrichten.


Ist es tatsächlich noch keine Woche her? Die iranischen Präsidentschaftswahlen waren am Freitag, doch Amir Azimi kommt es wie eine Ewigkeit vor. Seitdem hat er, von einigen kurzen Abstechern nach Hause abgesehen, mehr oder weniger durchgearbeitet. Der 40-jährige Iraner plant das Programm des farsisprachigen Fernsehsenders der BBC - und seit den Massenprotesten gegen den vermeintlichen Wahlbetrug kommt er aus dem Planen gar nicht mehr heraus.

"Die Menschen in Iran lechzen nach Nachrichten", sagt er. Azimi sitzt in der Redaktion von Persian TV, kurz PTV, an der Regent Street in London. Von hier versorgen 200 vorwiegend iranische Mitarbeiter ihre Landsleute in der Heimat mit der heißesten Ware, die es derzeit in dem abgeschotteten Land gibt: Nachrichten, denen man vertrauen kann.

"Wir sind die vertrauenswürdigste und zuverlässigste Quelle im Iran", sagt Persian-TV-Chef Rob Beynon stolz. Über die drei Kanäle Radio, Fernsehen und Internet sendet BBC Persian die Bilder und Geschichten ins Land, die in den Staatsmedien nicht vorkommen: Proteste, Verhaftungen, Interviews mit Angehörigen. Alles in der Landessprache Farsi. Für politisch interessierte Iraner ist der britische Sender in diesen Tagen der Ungewissheit zur ersten Anlaufstelle geworden.

Für die Londoner Redaktion ist es eine Feuertaufe. Das Radio- und Internet-Angebot gibt es schon länger, aber der Fernsehkanal ist erst seit Januar auf Sendung. Konzipiert war er ursprünglich für acht Stunden Programm am Tag. Nun musste PTV sich über Nacht in einen 24-Stunden-Nachrichtensender verwandeln - bei unverändertem Budget und Personal. Das bedeutet Überstunden und Nachtschichten. Doch Klagen gibt es laut Beynon nicht: Die meisten Mitarbeiter haben Verwandte und Freunde in Iran und fiebern bei dem politischen Drama mit. "Für viele ist es sehr emotional, aber sie arbeiten alle unglaublich professionell", lobt er.

Keiner der 200 Menschen, die hier arbeiten, ist Ahmadinedschad-Fan. Aber es gibt unterschiedliche Ansichten über Mussawi und die anderen Reformer. In der Berichterstattung wird penibel auf Ausgewogenheit geachtet, denn man ist sich der Außenwirkung sehr bewusst. Die Vorwürfe der iranischen Regierung, zu nah an den Reformern zu sein, weisen die Verantwortlichen zurück. "Wir werden von beiden Seiten kritisiert", sagt Beynon. Es gebe auch viele Leute, die klagten, dass die BBC Mussawi zu wenig unterstütze.

Im Meer der manipulierten Staatsmedien gilt BBC Persian vielen Iranern als einzige Stimme der Wahrheit - glaubwürdiger als die "Voice of America", der viele unterstellen, politische Ziele zu verfolgen. Wie groß der Einfluss inzwischen ist, zeigte sich am Mittwoch auf einer Demonstration von Regierungsanhängern. "Nieder mit der BBC", war da auf Plakaten zu lesen.

Die Machthaber in Teheran tun alles, um die unliebsame Aufklärung der Bevölkerung aus dem Ausland zu unterbinden. Neben BBC und "Voice of America" sendet auch die Deutsche Welle ein Radioprogramm auf Farsi. Seit dem Wahltag sind Störsender im Einsatz, die die Satellitensignale unbrauchbar machen sollen. Der Empfang des Radio- und Fernsehprogramms ist daher unregelmäßig. Die Website BBCpersian.com ist schon seit 2006 blockiert. Über Proxy-Server können Iraner die Seite dennoch erreichen, es sind aber nur wenige. Die meisten User sind Exil-Iraner.

Die von der Ahmadinedschad-Regierung verhängte Nachrichtensperre führt zu einer ganz neuen Arbeitsteilung zwischen der Redaktion und ihrem Publikum. Menschen im Iran laden wacklige Handy-Videos auf den BBC-Seiten hoch und schicken Lageberichte via E-Mail oder Twitter. Die Redaktion sichtet das Material und sendet es dann per Satellit zurück auf die Fernsehbildschirme ins Land. So erreicht es auch das Massenpublikum, das nicht so Internet-affin ist.

Die Journalisten sind von dem Ansturm der Amateure überwältigt. Noch nie habe man so viel "user generated content" im Programm gehabt, erklärt Beynon. "Es ist der einzige Weg, wie wir rausfinden, was passiert." Von vielen Protesten gibt es keine professionellen Fernsehbilder, weil Drehen verboten ist, nur Handy-Videos und Fotos. Die interaktiven Programmteile, in denen Zuschauerbeiträge vorgelesen und gezeigt werden, wurden daher verdoppelt.

Es sei schwierig, überhaupt Kontakt nach Iran herzustellen, sagt Jamshid Barzegar, Chef der Radio- und Online-Redaktion. Viele Informanten seien festgenommen worden. Offiziell hat BBC Persian gar keine Zuarbeiter im Iran. Nur die Kollegen der englischsprachigen BBC haben ein Büro in Teheran. Auf deren Leute darf BBC Persian aber nicht zugreifen, weil das Büro dann geschlossen würde. Sämtliches Material der englischen Kollegen ist für BBC Persian tabu. Sie müssen sich mit den Videos der Agenturen Reuters, AFP und APTN begnügen. Seit Dienstag kommen jedoch kaum noch Bilder, daher werden verstärkt User-Beiträge ins Programm gehievt und Experten interviewt.

Die Entscheidung, rund um die Uhr zu senden, hat die Arbeit nicht leichter gemacht. Er müsse nun mit weniger Bildern mehr Stunden füllen, sagt Programmplaner Azimi. Zudem müssen die User-Beiträge erst auf ihre Richtigkeit geprüft werden, und das fällt aus der Ferne oft schwer. Dafür wird dann doch mal ein Korrespondent der englischen BBC angerufen, oder es helfen alte Kontakte. Etliche Mitarbeiter haben früher in Iran gelebt und gearbeitet, Azimi selbst war zwölf Jahre lang Journalist bei der Zeitung Hamshari.

Doch das Hochgefühl, an einem historischen Ereignis teilzuhaben und vielleicht sogar eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen, ist auch nach einer Woche noch nicht verschwunden. Für Beynon ist klar: "Das wird wahrscheinlich auf Jahre hinaus unsere größte Story sein."



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