"Beckmann" Mit bebendem Busen gegen Putin

Was haben Familienministerin Ursula von der Leyen, Schauspielerin Marianne Sägebrecht und der russische Regime-Kritiker Garri Kasparow gemeinsam? Nichts. Das ist ja das Schöne. Bei "Beckmann" absolvierten sie eine erstaunliche Talk-Kur.

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Ursula von der Leyen hat sieben Kinder und ist die bundesdeutsche Familienministerin. Garri Kasparow war früher Weltmeister im Schach und ist heute Anführer der russischen Opposition. Oh weh, welch Team in einer Talkshow. Bei Reinhold Beckmann. Schwester, eine Dosis Moralin, bitte! Was man eben so brauchen kann, kurz vor einer werktäglichen Mitternacht, auf dem Weg von Deutschlands Noch-nicht-Krippenplätzen zu Putins Nicht-mehr-Demokratie.

Schauspielerin Sägebrecht: Drückte bei "Beckmann" Kasparow und von der Leyen verbal an ihren Busen
DDP

Schauspielerin Sägebrecht: Drückte bei "Beckmann" Kasparow und von der Leyen verbal an ihren Busen

Von wegen.

Denn all das wird dem Zuschauer ganz wunderbar serviert. Dank der Schauspielerin Marianne Sägebrecht. Sie kommt nach der Ministerin und dient Beckmann als Scharnier zwischen den Welten.

Von der Leyens Florett, Beckmanns Hammer

Eine knappe halbe Stunde hat der Moderator zuvor in der ersten Welt versucht, Ursula von der Leyen das Floskel-Florett aus der Hand zu hebeln. Mensch, Frau von der Leyen, Sie treiben uns ja in die Debatten rein! "Ich habe im Ausland die Erfahrung gemacht, wie eine kinderfreundliche Gesellschaft Eltern den Rücken stärken kann", flötet Frau von der Leyen zurück. Aber die Unionsmänner, die Kritiker, der konservative Schönbohm aus Brandenburg! "Mit den Antworten und Lebensformen von gestern, die zu ihrer Zeit richtig waren, können wir für morgen nicht die richtigen Antworten geben." Lächeln, leicht aufmunterndes Zusammenkneifen der Augen in Richtung Beckmann.

Der greift schließlich zum Vorschlaghammer – und holt Bischof Mixa raus. Der Hirte von Augsburg habe der Ministerin doch unterstellt, sie qualifiziere Frauen zu Gebärmaschinen ab. Was die denn dazu sage? "Überraschend finde ich's – und zum Teil auch schmerzlich", sagt Ursula von der Leyen. Jetzt aber, denkt sich der Zuschauer, jetzt wird sie nicht mehr lächeln, sondern einmal hart austeilen. Aber nein, es "tut der Kirche nicht gut, wenn sie polarisiert". So sei es "auch schmerzlich, dass es der Kirche nicht geholfen hat". Die gläubig-protestantische Ministerin ist so selbstlos, dass sie sich auch noch Sorgen macht um Mixa. Das ist wohl wahres Christentum.

Beckmann ist seiner Gesprächspartnerin jetzt ausgeliefert. Er fragt noch, wie denn ihr Mann bei der Erziehung der Kinder mitmachen konnte, ob er denn nicht von anderen Männern belächelt wurde? "Es gibt keine Kränkung, die man nicht durch Verachtung überwinden kann", sagt Frau von der Leyen. Herr Beckmann ist baff: "Wie? Noch mal…." Und dann sagen sie das Sprüchlein gemeinsam auf, wie eine Liturgie: "Es gibt keine Kränkung…."

Rauf auf die Metaebene

Der Zuschauer befindet sich jetzt in einem Modus, aus dem heraus die Meta-Ebene der nun hinzu gebetenen Marianne Sägebrecht problemlos erreichbar ist. Neben der korpulenten Schauspielerin wirkt Ursula von der Leyen noch zierlicher als zuvor. Sie lächeln sich an. Es ist schön bei Beckmann. Frau Sägebrecht erzählt jetzt – so ziemlich ungefragt – in einer Minute ihre gesamte Familiengeschichte: Von Schwester Renate, von der Großmutter, von irgendeinem Baron und von Franz-Xaver. Ja, Letzterer, das war ihr Großvater, der hat Medikamente aus Petersilie und Honig gemacht, und irgendwas aus Minze.

Es ist eine Beckmann-Sendung zum Staunen: Da sitzen zwei einfach gute Menschen. Die lächeln und sprechen über Naturheilkunde. Und Frau Sägebrecht fügt dem vom Moderator nicht gehemmten Spiel der Assoziationen eine menschliche Komponente hinzu: die Umarmung: "Die Leute wollen von mir umarmt werden, ich steh' zu meinen Brüsten, meine runde Form ist durchblutet, sie ist voll Licht, mein Cholesterin und Blutdruck sind normal."

Blühende Apfelbäume

Reinhold Beckmann kommt aus dem Staunen gar nicht mehr raus, gerade erst hatte er doch die Sache mit der Leyen'schen Kränkungs- und Verachtungs-Liturgie internalisiert. Jetzt nähert er sich auch Marianne Sägebrecht: "Ich denke, das kann was richtig Schönes sein, von Ihnen umarmt zu werden, da kann man sich richtig fallen lassen." – "Ja!", sagt sie, "man kann auch einen Baum umarmen, ich habe einen 150 Jahre alten Apfelbaum wieder zum Blühen gebracht." Beckmann: "Durch Umarmung?" – Nein, es sei die Minze vom Großvater gewesen, entgegnet Sägebrecht.

Armer Reinhold Beckmann. Wie soll er es jetzt zu Putin-Kritiker Garri Kasparow schaffen?

Er schafft es. Spricht mit dem Ex-Schachweltmeister ganz viel über Schach ("Kann Schach im Leben helfen?", "Ist Schach ein kriegerisches Spiel?") und leitet so zur großen Politik über. Er schaltet um von der Sägebrechtschen Blut-und-Baum-Rhetorik zum journalistischen Handwerk. Und lässt sich von Kasparows Oppositionellendasein nicht beeindrucken: Der habe bisher nur Putin kritisiert, aber noch keinen Entwurf, keine Vision geliefert. Also? Und der 43-jährige Kasparow, aufgehend in seiner Rolle als angry young man, zählt die Macht-Trias auf: "Macht des Präsidenten einschränken, mehr Macht fürs Parlament, Macht vom Zentrum in die Regionen verlagern." Außerdem checkt Beckmann Kasparows Aussagen bei der ebenfalls anwesenden Ina Ruck, der ARD-Moskau-Korrespondentin. Nur nach Kasparows Aufsehen erregender Ausladung aus "Sabine Christiansen" im Dezember fragt Beckmann nicht. Schade.

Klar, in dieser Sendung passt nichts. Von Ursula von der Leyen über Marianne Sägebrecht zu Garri Kasparow. Talk für Fortgeschrittene. Die Sendung endet mit Herrn Kasparow und dessen düsteren Russland-Prognosen. Eigentlich aber hätte sie ein anderes Ende verdient gehabt. Frau Sägebrecht zum Beispiel hätte kurz vor Schluss noch durch die Pappmaché-Kulisse brechen und Garri Kasparow ganz fest an ihren bebenden Busen drücken können. Und wäre es nicht wunderbar, Russland mit einer Minze-Kur zur Demokratie zu wenden? Parallel würde Ursula von der Leyen dann Herrn Kasparow ins Land des Lächelns führen.

Das wäre schön.



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