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Bedrohtes Weltkulturerbe: Tower und Stonehenge in Gefahr

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Schelte für Großbritannien: Die Unesco kritisiert die Verschandelung von Altertümern durch neumodische Glas- und Glamour-Architektur. Sie droht, gleich sieben britische Stätten auf die Rote Liste des gefährdeten Kulturerbes zu setzen. Die Besorgnis der Briten hält sich jedoch in Grenzen.

In den neunziger Jahren feierte sich England unter Tony Blairs New-Labour-Regierung als "Cool Britannia". Oasis und Blur exportierten den Britpop in den Rest der Welt und Geri Halliwell trug bei den Auftritten der Spice Girls zur Feier ihres Landes ein ultrakurzes Kleid mit dem Union Jack. Damien Hirst war so cool, einen Hai in Formaldehyd einzulegen und ihn "Die physische Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden" zu nennen. Und die Städte - wie Liverpool, Edinburgh oder allen voran London - begannen, mit glitzernden Wolkenkratzern die neue Coolness des Königreiches in ihrer Skyline zur Schau zu stellen.

Beetham Tower in Manchester: 168,87-Meter-Koloss in historischer Kulisse
Getty Images

Beetham Tower in Manchester: 168,87-Meter-Koloss in historischer Kulisse

Der Hype ist lange vorbei, der Kater jener Jahre pocht noch dumpf in den Schädeln. Und nun bekamen die Briten für ihre Zurschaustellung von Coolness – wie aufmüpfige Jugendliche nach einer durchzechten Nacht – gar einen schweren Rüffel der Unesco. Man habe, so der Vorwurf der Kulturorganisation der Vereinten Nationen, über den Glamour der während der "Cool Britannia"-Jahre geplanten und nun vor der Umsetzung stehenden Bauprojekte die alten Kulturdenkmäler sträflich vernachlässigt. Glas und Stahl vertrügen sich nicht mit meterdicken Steinmauern; und schon gar nicht, wenn diese bereits seit Jahrhunderten dort stünden. Die Unesco ist not amused.

Gleich sieben Welterbestätten im Königreich erregen den Unmut der Kulturschützer. Würden die verantwortlichen Behörden keine Besserung geloben und bis Februar nächsten Jahres deutliche Signale zum Schutz der Denkmäler setzen, droht die Organsiation mit Strafmaßnahmen. Die Stätten würden dann als "gefährdet" eingestuft – so wie in Deutschland das Dresdner Elbtal. Mit der Einordnung auf der Roten Liste sind zwar keine Sanktionen verbunden. Aber dem Image einer Nation schadet es allemal, mit kulturellen Schurkenstaaten wie Afghanistan, dem Irak oder der Demokratischen Republik Kongo in einem Atemzug genannt zu werden.

Die Hauptstadt hat sich in gleich zwei Fällen versündigt. Prominentester Fall auf der Unesco-Liste ist wohl der Tower of London. Der hat bereits knapp ein Jahrtausend am Ufer der Themse überdauert, jetzt jedoch könnte ihm die "Glasscherbe" des Stararchitekten Renzo Piano gefährlich werden. Der 310 Meter hohe Wolkenkratzer mit seiner Glasfront soll direkt an der London Bridge errichtet werden – zu nah am Tower, findet die Unesco, und fordert die Einhaltung einer Pufferzone. Gleiches gilt für den Bau des neuen 36-Stockwerke-Wolkenkratzers an der Adresse Fenchurch Street 20 – von den Londonern wegen seiner klobigen Form "The Walkie Talkie" genannt. Doch nicht nur dem Tower, auch dem Palace of Westminster, der Westminster Abbey und der St. Margaret's Church rücken die Hochhäuser bedenklich nahe. Hier drohen der rund 170 Meter hohe Beetham Tower und der 144 Meter hohe Doon Street Tower, die historische Idylle für den Betrachter empfindlich zu stören.

Nicht ganz so alt aber nicht minder gefährdet seien die alten Stadtkerne von Edinburgh, Bath und Liverpool. In der schottischen Hauptstadt Edinburgh wollen die Stadtplaner direkt neben der historischen Royal Mile einen Wohn- und Bürokomplex errichten. Mit dem Bau des Caltongate gegannten Areals sei es jedoch um die historische Einheitlichkeit des Stadtkerns geschehen. Auch die Innenstadt von Bath steht unter dem Protektorat der Unesco. Sie wurde im 18. Jahrhundert von dem Architekten John Wood und seinem gleichnamigen Sohn entworfen. Jetzt will der Staubsaugererfinder und Künstler James Dyson eine Akademie für Ingenieure zwischen die neoklassizistischen Bauwerke stellen – ebenso wie die geplanten Bauten der Hauptstadt eine sehr glaslastige Konstruktion.

Dauerstau am neolithischen Heiligtum

Der Staubsaugermogul ist ungehalten über die Bedenken der Kulturschützer. Schon hat er gedroht, das Projekt nicht finanzieren zu wollen, wenn ihm die Stadt weiterhin mit "bürokratischen Kleinigkeiten" käme. In Liverpool schließlich sind es ein Museum, ein Hochhaus und ein Konferenzzentrum, die nach Geschmack der Unesco das Flair der Handelsstadt aus der Georgischen Ära verschandeln würden.

Nicht immer sind die Architekten der Cool Britannia Schuld an dem Dilemma. Schon weitaus länger ein Streitpunkt zwischen der Regierung und den Kulturschützern sind die beiden Autostraßen A 303 und A 344, welche unmittelbar an den Steinkreisen von Stonehenge vorbeiführen. Die A 303 ist einer der Hauptverkehrswege von London in den Südwesten Englands, und in dieser Funktion chronisch überlastet. Der Dauerstau nimmt dem neolithischen Heiligtum viel seiner Heiligkeit. Sämtliche Pläne zur Besserung, etwa die unterirdische Verlegung der A 303 und Schließung der A 344 wurden bislang vom Verkehrsministerium abgeschmettert.

Ebenfalls neolithischen Ursprungs sind die Ruinen von Orkney. Hier gefährden drei geplante Windkraftanlagen das Gesamtbild der Siedlung Skara Brae, des Hügelgrabes Maeshowe und des Steinkreises Ring of Brodgar. Die weithin sichtbaren Turbinen vertrügen sich nicht, so die Unesco, mit der gewichtigen Atmosphäre des "Heart of Neolithic Orkney" genannten Steinzeit-Ensembles.

Jetzt bleibt abzuwarten, ob sich Großbritannien um den Rüffel schert. Das Ministerium für Kultur, Medien und Sport, dem die Denkmäler unterstehen, ließ jedenfalls verlauten, man sei nach der Tagung des Unesco-Welterbe-Komitees in Quebec optimistisch nach Hause gefahren: "Der Ton der Tagung war sehr positiv und unsere Delegierten haben ein sehr positives Gefühl, was den Ausgang der Angelegenheit angeht", hieß es aus dem Ministerium.

Kein Wunder, denn im Abwarten und Tee trinken sind die Briten ja bekanntlich Meister. Und viel mehr wird nicht passieren. Denn bereits vor zwei Jahren sah die Unesco den Tower in Gefahr und drohte, ihn auf die Rote Liste des gefährdeten Weltkulturerbes zu setzen. Seitdem tat sich sowohl bei der Unesco als auch in London gar nichts.

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Britische Weltkulturerbestätten: Die Unesco is not amused


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