Behinderten-Kunst Was die Schlumper auf St. Pauli wollen

Einzigartig, authentisch, spontan: Die Kunst der "Schlumper" begeistert seit über 25 Jahren Kenner und Sammler. Um ihre Werke zu bewahren und einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen, plant die Ateliergemeinschaft behinderter Künstler ein Museum - doch es fehlen Sponsoren.

Von Antonia Berneike


Das Schloss klemmt. Rolf Laute rüttelt an der Tür, dreht am Knauf, stemmt sich gegen das Glas. Nur mühsam lässt sich der Schlüssel im Schloss drehen. Ein Ruck, dann schwingt sie doch auf, die Tür zum alten Schulgebäude in der Hamburger Thedestraße 101. Fahles Licht scheint durch die Fenster, feiner Staub liegt in der Luft. Vorsichtig setzt Laute einen Fuß vor den anderen, durchquert langsam das dunkle Foyer. Laute hält inne und weist in eine der Türöffnungen. "Hier", sagt er und lächelt, "hier wäre dann einer der Ausstellungsräume."

Willkommen im Museum der Schlumper. Oder besser: in den noch ungemütlichen Räumen, die mal das Museum der Schlumper werden sollen. Wo sich Bauschutt in den Ecken türmt, Löcher im Boden klaffen und der Putz von den Wänden bröckelt, plant die Hamburger Ateliergemeinschaft ihr bisher größtes Projekt – "Das Museum Die Schlumper".

"Ein Traum", sagt Laute, der künstlerische Leiter der Schlumper, und zeigt mal hierhin, mal dorthin. Hier das Café, dort die Galerie.

Die Schlumper sind in Hamburg eine Institution: Die Gemeinschaft geistig und körperlich behinderter Künstler besteht seit Ende der siebziger Jahre. Ihre Entstehung ist eng verbunden mit den später in Evangelische Stiftung Alsterdorf umbenannten Alsterdorfer Anstalten, aus deren betreuten Wohneinrichtungen die ersten Schlumper kamen.

Wer dort Schwierigkeiten hatte, sich in den normalen Werkstattbetrieb für Behinderte einzugliedern, nicht Tüten kleben oder Bürsten fertigen wollte, bekam bei den Schlumpern die Chance, kreativ zu arbeiten. 1984 entstand das erste improvisierte Atelier der Gruppe im "Stadthaus Schlump", seit 1994 gibt es das Arbeitsprojekt "Schlumper von Beruf", das 24 Behinderten ermöglicht, ihren Lebensunterhalt als freischaffende Künstler zu verdienen.

Raum für authentische Kunst

Die Thedestraße 101 soll nun das neue Zuhause der Künstlergruppe werden. Bis das Schulgebäude 2004 wegen Schwammbefall geschlossen wurde, war es das Objekt vieler Kunst-am-Bau-Projekte der Schlumper. Gemeinsam mit Schulkindern gestaltete die Künstlergruppe Mitte der Neunziger das Treppenhaus und einzelne Wände. Die Arbeiten von damals sind immer noch zu sehen: Hinter Plastikplanen an den Wänden versucht ein Sisyphos, eine Lampe die Treppe hochzurollen, eine bunte Autostraße stürzt sich im ersten Stock die Wand hinunter - und die Toiletteneingänge werden umrahmt von einem schwarz-weißen Piktogramm.

"Ehrlich und authentisch" sei die Kunst der Schlumper, sagt Laute, und fährt mit der Hand über das schützende Plastik. Der 68-Jährige zitiert gerne das Grimmsche Wörterbuch, um zu erklären, was Schlump sei: "Was ohn Vorgedanken, ohn Kunst, unversehens geschiehet, das ist Schlump, ein unvermuteter Glücksfall". Die Künstler planen nicht, gehen nicht verkopft, sondern intuitiv an ihre Arbeiten, ohne Rücksicht auf den Zeitgeist.

Egal ob abstrakte Formen oder figürliche Darstellungen, gemalt oder gezeichnet, in Schwarzweiß oder kräftigen Farben - der künstlerische Anspruch ist immer erkennbar. Werke von Szene-Größen, wie etwa Inge Ahrendt, Klara Zwick, Werner Voigt und Uwe Bender, wurden schon bei Ausstellungen in der Hamburger Kunsthalle, im dänischen Randers oder zuletzt im italienischen San Gimignano gezeigt.

Auf rund 5000 "geeignete" Arbeiten schätzt Laute die Sammlung. Material für "Das Museum Die Schlumper" wäre also reichlich vorhanden. Wird das Museum fertiggestellt, sollen in dem Backsteinbau wechselnde Themen- und Einzelausstellungen stattfinden - auch eine "Malschule der Schlumper" für Kinder sowie Workshop- und Kursangebote für Erwachsene sind geplant.

Sponsoren gesucht!

Wohlgemerkt: geplant. Denn noch fehlt das Geld, um die ehrgeizigen Pläne auch umzusetzen. Die Immobilie muss gemietet oder gekauft und von Grund auf saniert werden. Es fehlt die Einrichtung und Ausstattung der Räume sowie die technische Infrastruktur.

2,3 Millionen Euro benötigen die Schlumper, um ihren Traum vom Museum wahr zu machen. "Ein großes finanzielles Risiko", nennt deshalb Ulrich Hentschel das Projekt. Hentschel ist der Vorsitzende des Vereins der "Freunde der Schlumper", von dem die Initiative zu dem Museum stammt. Dem Pastor schwebt ein "Ort der Begegnung, der Grenzüberschreitung" vor. Bisher wurden Broschüren gedruckt, "Wir bauen für Sie", heißt es darauf. Auch die Stadt, betont Hentschel, hätte etwas von dem Museum, es könnte dazu beitragen, den Dialog zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten anzuregen.

2010 soll "Das Museum Die Schlumper" eröffnet werden. Um die Schlumper zu unterstützen, haben SPIEGEL ONLINE und der Quality Channel eine Web-Seite gestaltet, auf der sich Leser über die Künstlergruppe informieren und für das Museum spenden können.

Gemöschte Gefüle

Bis dahin lagert in Kladden und Abstellkammern, was später mal der Öffentlichkeit gezeigt werden soll. Die Alte Schlachthalle im Hamburger Stadtteil St. Pauli ist seit zehn Jahren Galerie und Arbeitststätte der Schlumper. An den Wänden hängt ihre Kunst neben Ausstellungsobjekten aus anderen Werkstätten, an den Tischen wird gepinselt, gesägt, gehäkelt. Dazu tönt Musik aus dem Radio.

Schlumper wie der geistig behinderte Tongtad Mahasuwan arbeiten hier. In seinem hermetisch abgeriegelten Arbeitsbereich ist alles zentimeterdick mit Farbe bedeckt - Stühle, Deckel, Kommoden und die Wände selbst. "Die Sammler mögen es", sagt Laute, der sich hier halb im Scherz "Abteilungsleiter" nennt. Einige Meter weiter arbeitet Nicole Schmuhl an einem Messerschnitt. Ein Paradiesvogel soll es werden, zwei Wochen sitzt sie schon daran, sagt die Schlumperin.

Wie Hentschel erhofft sich Laute von dem Museum integrative Wirkung. "Die Schlumper sind Außenseiter in doppelter Hinsicht - als Künstler und als Behinderte". Der künstlerische Leiter träumt von einem "Haus Gugging des Nordens". Die Wiener Einrichtung zählt als größtes Ausstellungszentrum für Außenseiter-Kunst in Europa.

Bis Januar muss der Verein "Freunde der Schlumper" entschieden haben, ob sie den Miet- oder Kaufvertrag mit den Investoren vor Ort unterzeichnen wollen.

Sollte nicht genug Geld für die Sanierung zusammenkommen, erwägt der Verein auf ein anderes Gebäude auszuweichen. "Wir wollen das Museum", sagt Hentschel, "und der Ort ist ideal." Doch an erster Stelle stehe die Verwirklichung des Projekts an sich - ob in der Thedestraße oder woanders.

In der Galerie gibt man sich optimistisch. Ein Schlumper hat an einer der Wände einen blassblauen Zettel angeheftet. "Gemöschte Gefüle Anfanhg, dann worde es beser", steht da geschrieben. Passt irgendwie, sagt Laute.



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