Veraltete Formular-Kategorie Bei Flugbuchung "Fräulein"

Keine Fluggesellschaft der Welt muss den Beziehungsstatus ihrer Kundin kennen - trotzdem halten Ryanair und Easyjet in Formularen an veralteten Frauenbildern fest. Dabei ließe sich das so leicht ändern.

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Eine Kolumne von


Keine Ahnung, ob es in Deutschland mehr Menschen gibt, die nicht ins Schema "Frau oder Mann" passen, oder mehr Menschen, die gerne mit "Fräulein" angesprochen werden. Ich würde nach bestem Wissen und Gewissen darauf tippen, dass die Fräuleins weniger sind. Trotzdem kann ich, wenn ich im Jahr 2018 nach Christus einen Flug buche, bei einigen Fluggesellschaften immer noch auswählen, ob ich als "Herr", "Frau" oder "Fräulein" angesprochen werden will (in eben dieser nichtalphabetischen Reihenfolge übrigens).

Was ist da los? Der gebildete Globetrotter wird sagen, diese Auswahl ist natürlich so, damit sie kompatibel ist zum englischen "Mr. / Mrs. / Ms.". Ich wäre mit dieser Antwort im technischen Sinne halbwegs zufrieden. Leider ist sie falsch, denn die Anreden in den Formularen für Flugbuchungen sind bei fast jeder Fluglinie unterschiedlich.

Fast niemand benutzt die Anrede "Fräulein"

Die Alternativen "Herr / Frau / Fräulein" kann man bei den Billigfliegern Easyjet und Ryanair buchen. Bei Eurowings wählt man zwischen "Frau" und "Herr", bei der Lufthansa kann man an beides noch einen Doktor- und Professorentitel anhängen, bei der Austrian nur den Doktor. Und bei British Airways kann man zwischen den Gendern (Scherz) "Dr / Frau / Herr / Prof" wählen.

Man könnte sagen, es sei feministische Prokrastination, sich mit solchen Sachen aufzuhalten, und das stimmt womöglich ein kleines bisschen. Aber andererseits ließe sich das Problem mit Anmeldeformularen technisch in ein paar Minuten ändern, im Gegensatz zu den allermeisten anderen feministischen Anliegen.

Fast niemand benutzt die Anrede "Fräulein". Es ist natürlich komplett irrelevant, ob ich persönlich eine Frau kenne, die darauf besteht, so genannt zu werden, denn es ist ja auch irrelevant, ob die üblichen konservativen Kolumnisten, die sich vom so-called Genderwahn bedroht fühlen, schon mal einen Menschen getroffen haben, der weder Frau noch Mann ist. Denn man kann solche Leute auch aus der Ferne respektieren, und aus deren Sicht kann man es ja auch verstehen, die Herren nicht treffen zu wollen, nichts für ungut. Jedenfalls schätze ich, auf die Anrede "Fräulein" bestehen in Deutschland ein paar über 100-jährige, unverheiratete Frauen, und wie häufig die nun mit Easyjet fliegen, weiß ich nicht.

Außer in Flugbuchungen begegnet mir persönlich das Wort "Fräulein" ausschließlich in Zuschriften von Lesern oder Leserinnen, die mich gelegentlich mit "Fräulein Stokowski" anschreiben, und danach kommt immer etwas in Richtung "hätten Sie in Stalingrad gekämpft, wüssten Sie...". Es ist, gelinde gesagt, selten auf Augenhöhe.

Vergangene Woche schrieb mir eine "Nicole K." auf Facebook, die sich nachts eine Talkrunde reinzog, in der ich mal zu Gast war: "Guten Abend Frl. Stokowski." Und dann eine Erläuterung dazu, dass ich mich "dumm" und "hysterisch" aufführen würde (19. Jahrhundert ahoi). Der Rat an mich: "In meinen Augen sollten die Frauen und vor allem Sie wieder viel mehr Demut und Respekt gegenüber Männern aufbringen, die Ihr leichtes Lotterleben überhaupt ermöglichen." So viel Fun in einem Satz.

In den allermeisten offiziellen Formularen wurde das Wort "Fräulein" irgendwann im vergangenen Jahrhundert abgeschafft, weil man irgendwann merkte, dass man auch unverheiratete Frauen mit "Frau" ansprechen kann, wenn man auch unverheiratete Männer mit "Herr" anspricht. (Fortschritt ist ein zäher Quark, deswegen gibt es immer noch Menschen, die ihren zweijährigen Sohn mit "kleiner Mann" ansprechen und ihre siebenjährige Tochter mit "Maus", aber das wird sich in den nächsten 3000 Jahren vielleicht auch noch ändern, nur Geduld.)

Keine Fluggesellschaft muss wissen, welchen Beziehungsstatus ich habe

An der Abfrage, ob man beim Flügebuchen als "Frau" oder "Fräulein" angesprochen werden will, sieht man, wie sinnlos die gammelige Mitschlepperei alter Rollenbilder ist. Es gibt Onlineforen, in denen verunsicherte Frauen fragen, ob das kontrolliert wird, dass sie "Frau" angegeben haben, obwohl sie ledig sind. Was für ein elendes Theater.

Keine Fluggesellschaft der Welt muss, um mich von A nach B zu bringen, wissen, welchen Beziehungsstatus ich habe. Sie muss natürlich auch nicht meinen akademischen Abschluss kennen oder mein Geschlecht. Man mag dagegen einwenden, dass die Geschlechtszuordnung relevant ist für die Anrede in den Mails, die man kriegt, sobald man den Flug gebucht hat, aber mir persönlich ist kein einziger Fall bekannt, indem sich jemand über ein "Guten Tag, (Vorname Nachname)" beschwert hätte.

Die Fluggesellschaften haben es ziemlich schnell geschafft, sich von den alten Kontonummern auf IBAN umzustellen. Aber einige schaffen es nicht, davon wegzukommen, unverheiratete Frauen als solche zu markieren. Ich weiß nicht, wie anstrengend man es bei Easyjet und Ryanair findet, solche Kleinigkeiten umzuprogrammieren (habe eine Presseanfrage an beide geschickt, keine Antwort). Aber vielleicht sollte man dort schon mal vorwarnen, dass es bald in Deutschland eine dritte Option geben soll, die man außer "männlich" und "weiblich" im Geburtenregister eintragen kann.

Neulich habe ich mich für eine Veranstaltung im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend angemeldet, ein Festakt zum Thema 100 Jahre Frauenwahlrecht. Man konnte sich bei der Registrierung aussuchen, ob vor dem Namen "Frau", "Herr" oder "keine Angabe" stehen soll. Manchmal ist es ganz, ganz einfach.

insgesamt 134 Beiträge
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cbuffner 25.09.2018
1. Naja...
... bei Ryanair endet das Formular zu den Versicherungen mit den Worten "ja, bedecke meinen Urlaub" als Schaltfläche!!! Eine schlechte Übersetzung von"cover" für "versichern". Da kann man sich jetzt nicht wirklich über ein "Fräulein" wundern, oder?
matbhmx 25.09.2018
2. Ah, da haben wir ja ...
... Mal wieder ein ganz wichtiges Thema, ja gar Problem aufgerufen, dessen Lösung die Menschheit unglaublich voran bringen wird. Offensichtlich erlauben Ryanair und easyJet ihren weiblichen Kunden, frei zu wählen, ob sie unter als Frau oder Fräulein bezeichnet werden wollen. Aber selbst das können Frauenbewegte nicht hinnehmen. Statt darüber einen Artikel in einem Magazin zu verfassen, dass immer noch ernst genommen werden will, hätte ich an Ihrer Stelle einfach die Fluggesellschaften angeschrieben. Aber offensichtlich soll ja Mal wieder ein Shitstorm losgetreten werden.
el_jefe 25.09.2018
3. Feldgleichheit muss sein
Da wurde die Website zwar übersetzt, aber nicht lokalisiert. Der Unterschied zwischen Ms und Mrs ist noch Gang und Gäbe in GB - der oder die penible Übersetzer/In wird da ganze Arbeit geleistet haben, indem er bzw. sie Ms als "Fräulein" und Mrs als "Frau" übersetzt hat. Ohne weitere Angaben des Auftraggebers blieb ihm bzw. ihr nichts anderes übrig.
badenerin 25.09.2018
4.
Haben wir wirklich keine anderen Probleme? Falls nicht, schlage ich vor, daß wir künftig alle menschlichen Lebewesen einfach mit „Mensch“ ( natürlich geschlechtsneutral) ansprechen, alternativ würde natürlich auch „Menschin“ oder „Menschlein“ was allerdings nicht mehr geschlechtsneutral wäre ... also noch mal von vorne ...
globaluser 25.09.2018
5. Ich würde alle Anreden weglassen,
sind wir nicht alle Kunden*innen? Jetzt soll ja auch das dritte Geschlecht noch eigene Toiletten bekommen. Brauchen wir nicht, wir sind jetzt alle gleich, können dann doch eben auch, auf die gleiche Toilette gehen, spart ja auch Kosten. Versuchen sie es einmal, eine verheiratete 80-jährige Spanierin, NICHT mit Fräulein anzureden. Da wird man schnell gefragt, wie man denn so unhöflich sein kann. Den versuchten Witz mit Stalingrad, braucht man nicht zu kommentieren.
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