Beltracchi-Bande vor Gericht Der Filou darf sich freuen

Wenn Kunst soviel wert ist wie ein dickes Aktien-Paket: In Köln steht die Kunstfälscherbande um Wolfgang Beltracchi vor Gericht. Staatsanwaltschaft und Verteidigung verständigten sich jetzt auf einen Deal, durch den der Hauptangeklagte mit einer milden Strafe rechnen darf. Gut so!

Anwältin Jordana Wirths (l.), Helene B. und Wolfgang B.: niedriges Strafmaß?
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Anwältin Jordana Wirths (l.), Helene B. und Wolfgang B.: niedriges Strafmaß?


Bis März nächsten Jahres, wie ursprünglich terminiert, wird dieser Prozess nicht dauern. Die Erwartungen mancher Zuschauer, dass den Angeklagten künftig nicht nur das (Kunstfälscher)handwerk gelegt werde, sondern darüber hinaus die bisweilen dubiosen Usancen des Kunstmarkts offen angeprangert würden, und dass vor allem dieser Sumpf per Gerichtsurteil ausgetrocknet werde - diese Erwartungen wird das Strafverfahren vor dem Kölner Landgericht voraussichtlich nur zum Teil erfüllen. Denn bereits am dritten Verhandlungstag haben sich Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf eine Verfahrensbegrenzung verständigt.

Die Verständigung sieht so aus: Wolfgang Beltracchi, 60, offensichtlich der Maler und daher Hauptangeklagte im sogenannten Kunstfälscher-Prozess, würde höchstens zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt werden. Seine Frau Helene, 52, die ihm mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben soll, erwarteten nicht mehr als vier Jahre. Ein dritter Angeklagter, Otto S.-K., 67, der angeblich echte Gemälde von Max Ernst, Pechstein, Campendonk, Derain und anderen Meistern des 20. Jahrhunderts in den Kunstmarkt einschleuste, würde nicht zu einer Strafe über fünf Jahren verurteilt werden. Und eine Schwester Helene Beltracchis müsste mit allenfalls zwei Jahren rechnen - falls die vier Angeklagten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft weitgehend zugäben. Wenn die Beltracchis 954.000 Schweizer Franken, die sie auf einem Konto in der Schweiz liegen hatten, als sie festgenommen wurden, der Kölner Gerichtskasse überließen. Und wenn auch die Beltracchi-Schwester einen satten Obolus an die Justiz entrichtete.

Früher nannte man dies einen Deal, einen Handel hinter den Kulissen des Strafprozesses mit Geben und Nehmen, bei dem Wahrheit und Gerechtigkeit nur zu oft auf der Strecke blieben. Heute spricht man von Verständigung, von einer Vereinbarung der Verfahrensbeteiligten, und die Ergebnisse müssen öffentlich gemacht werden. Legen die Angeklagten Geständnisse im Sinn der Anklage ab, ersparen sie der Justiz Arbeit und werden dafür mit einer milderen Strafe belohnt. Zum Rechtsfrieden trägt dies nicht immer bei. Im Kölner Kunstfälscher-Prozess aber dürften alle Beteiligten - und auch die Öffentlichkeit - damit zufrieden sein. Denn die versprochene Strafreduktion um etwa ein Drittel trägt auch dem speziellen Fall Rechnung.

Verachtung für den Kunstbetrieb

Die Angeklagten sind keine Berufsverbrecher. Alle vier sind noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Beltracchis Lebenslauf ist zwar bunt und unstet, aber in den siebziger und achtziger Jahren war das Aufbegehren eines künstlerisch hochtalentierten jungen Mannes gegen alles, was nach Bürgerlichkeit roch, so ungewöhnlich nicht. Was ihn inspirierte und interessierte - historische Malerei, Tiefdruck, Bildhauerei und vieles mehr -, das studierte er mit Leidenschaft. Prüfungen jedoch verweigerte er sich. Er hat gekifft, Drogen genommen als "bekennender Hippie", er lebte in Amsterdam auf einem Hausboot und begab sich, wie er es selbst nennt, immer wieder auf "Studienreisen", will heißen: "Ich bin in Europa herumgehoppelt wie ein Kaninchen."

Dann lernte er seine Frau kennen. "Und das veränderte mein Leben innerhalb eines Tages." Er wollte heiraten, ein Kind haben. Doch das Bürgerliche ist nicht so einfach für einen, der einem geordneten, sesshaften Leben längst abgeschworen hatte. Die Verbindung hielt, bald sind es 20 Jahre, und die beiden gehen liebevoll wie ein junges Paar miteinander um. Helene Beltracchi sieht noch immer aus wie eine junge französische Chanson-Sängerin mit ihrem gerade geschnittenen und in die Stirn gekämmten Pony. Sie kleidet sich gewählt und vermittelt mit ihrer ungekünstelten Spontaneität den Eindruck von Heiterkeit, Ernst und Aufrichtigkeit.

Beltracchi kommt daher als ein intelligenter Filou mit seinen halblangen silbernen Locken und Kinnbärtchen, den ausgefransten Jeans unter einem lässigen Jackett. Sie sei fasziniert gewesen von ihm, sagt seine Frau, und es klingt nicht aufgesetzt.

Die künstliche Welt des heutigen Kunstbetriebs scheint er aus tiefster Seele zu verachten. Man kann es sich gut vorstellen, was in ihm vorgegangen sein muss, als hochangesehene Kunstexperten wie etwa Werner Spies verzückt Gemälde begutachteten, von denen nur Beltracchi und seine Frau wussten, wer diese wirklich gemalt hatte. Wie sie das Grausen überkam, als sie merkten, wer wofür wie viel kassierte und wer wen über den Tisch zog.

Malen als Hypnose

"Der beste Schutz gegen Fälschungen", sagte Beltracchi am Dienstag vor Gericht, "wären wirklich interessenfreie Experten. Meine Abneigung gegen den Kunsthandel hat seinen Ursprung auch im professionellen 'Expertentum'. Das Vorgehen ist immer das selbe: Eine unbekannte Arbeit wird von einem vermeintlichen Experten bestätigt, dann durch ein oder zwei Ausstellungen in irgendeinem Museum geadelt und anschließend bei einer Auktion eingeliefert und verkauft. Der Experte verdient an seinen Expertisen, und nicht selten kauft und verkauft er selber oder erhält erhebliche Provisionen." Dass in einem solchen Gewerbe einer, der weiß, wie gut er selbst malen kann, nicht ganz abseits stehen will, mag verwerflich, aber wiederum auch nachvollziehbar sein.

"Ich brauchte keine bewusste Analyse der Maltechnik", erklärte er vor der 10. großen Kölner Strafkammer mit dem Vorsitzenden Richter Kremer. "Ich verstand intuitiv, wie der Maler gemalt hat: grundiert oder nicht, dünne Farbe oder dicke, viel Terpentin oder Öl, dünne Pinsel oder breite Borsten, Links- oder Rechtshänder."

Einen Linkshänder malte er eben mit links, befand sich dabei dann jeweils in einem "fast hypnotischen Zustand". Er schuf Originale, ungemalte Bilder des jeweiligen Künstlers. "Ich malte Gemälde, die im Oeuvre des Künstlers eigentlich nicht haben fehlen dürfen", sagt er und lächelt verschmitzt. Dass er dabei bisweilen "besser" malte als ein Pechstein oder ein Max Ernst - diese Gefahr war ihm bewusst. Denn er habe ja die weitere Entwicklung des Malers und den Fortgang der Kunstgeschichte gekannt.

In der Anklage geht es um 14 Bilder, die definitiv aus der Hand Beltracchis stammen, und für die geschäftstüchtige Experten, Kunstliebhaber und gierige Galeristen hohe Summen einstrichen. Setzte die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen fort und würden weitere Gutachten und Analysen erstellt, es könnte sich dabei um 55 weitere Bilder unklarer Herkunft handeln: Die Kosten wären enorm, das Verfahren würde sich uferlos gestalten. Und so mancher Kunstfreund, der sich noch heute an einem "echten" Pechstein erfreut, den er für viel Geld erworben hat, müsste sich eingestehen, Schwindlern aufgesessen zu sein.

Mancher, so scheint es, will gar nicht wissen, ob seine Investition in Kunst nicht ebenso ein Flop war wie ein Lehman-Papier. Doch im Unterschied zu betrügerischen Bankern haben Beltracchi und seine Mitangeklagten nicht gutgläubige einfache Leute um ihr Erspartes gebracht. Wer getäuscht wurde, der wollte vielleicht auch getäuscht werden. So gesehen sind die den Angeklagten vom Gericht in Aussicht gestellten Strafen, die möglicherweise noch etwas niedriger ausfallen könnten, nicht unangemessen milde. Im Gegenteil.

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tomasl 27.09.2011
1. US Museen sollen ja viele Fälschungen beherbergen
Experten sind dort meist unerwünscht. Die Hälfte aller "alten Meisterwerke" gefälscht - so sagte mir einmal ein Kenner der Szene.
BayerInAmerica, 27.09.2011
2. 6 Jahre? Spinnen die?
Zitat von sysopWenn Kunst soviel wert ist wie ein dickes Aktien-Paket: In Köln steht die*Kunstfälscherbande um Wolfgang Beltracci vor Gericht. Staatsanwaltschaft und Verteidigung verständigten sich jetzt auf einen Deal, durch den der Hauptangeklagte mit einer*milden Strafe rechnen darf. Gut so! http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,788696,00.html
Ich gebe dem Autor recht jede Strafe in diesem Fall die nicht zur Bewaehrung ausgetzt wird ist zu hoch, wenn ein Klaus Zumwinkel mit Bewaehrung davon kommen kann warum solten dann diese Betrueger mehr bekommen. Andererseits haben sie eine Straftat begangen und auch Leute und Instutionen geschaedigt, das ist nun mal ein Verbrechen, eine Schande der Deutschen Justitz ist allerdings das sehr haeufig das Strafmass nicht zum Verprechen passt. Oder warum kommen Vergewaltiger oder gewaltaetige die schwerste Koerperverletzungs delikte begehen regelmaessig auf bewaerung frei? Und dies zum Teil als Wiederholungstaeter. Gennerell finde ich es absurd das dass Deutsche Gesetz Finanz delikte gennerell schaerfer bestraft als gewalt Delikte. Die Missachtung des im Grundgesetz verankerten Rechts auf "Koerperlich unveraertheit" im vergleich zu finanziellen Schaden (Steuerbetrug oder anderweitg) ist meines erachtens sogar Verfassungswiedrig. Die Gesamtstrafe der 4 Angeklagten koennt 1 Jahre betragen (und dies ist 1/3 weniger als moeglich) wirklich! Fuer ein paar gefaelschte Bilder? Oder anders gerechnet 9 Jahre (ohne den Deal rabatt) Haft fuer den Hauptangeklagten in diesem Fall, da bekommt jeder zum Todschlag verurteilter in Deutschland weniger wenn er nicht vorbestraft ist. Nicht folgen kann ich aber der Argumentation des Autors "Wer getäuscht wurde, der wollte vielleicht auch getäuscht werden" Das ist absurd und straffrechtlich irrelevant. In meinem ermessen waeren 2 Jahre auf Bewaehrung eine angebrachte Strafe fuer den Hauptangeklagten und entsrechend wenger wuer die Mitangeklagten. Sperrt die Schwer- und Gewaltverbrecher weg und gebt den anderen eine Chance zur rehabilitation.
newliberal 27.09.2011
3. Na und
jetzt haben die Sammler einen echten Beltracchi zum Protzen an der Wand hängen - hört sich doch besser an als ein echter Ernst oder Pechstein. Es handelt sich auch hier nicht wirklich um Fälschung, es wurde ja nichts kopiert sondern es wurden neue, orginelle Werke geschaffen eben nur von einem Hr. Beltracchi. Wird das Bild im Auge des Betrachters jetzt über Nacht hässlicher weil eben von Hr. B statt von Hr. E gemalt ? Der gesamte sog. Kunstmarkt ist doch eine einzige Farce, voller Fatzkes, Pseudointellektueller, Spinner und Proleten mit zuviel Geld. Mein Mitleid mit den Opfern hält sich in engen Grenzen...
baloo55 28.09.2011
4. Gefälschte Bilder?
Jede Strafe, die nicht zur Bewährung ausgesetzt werden kann, ist zu hoch, vergleicht man das Strafmaß mit Fällen, in denen z. B. durch Anlagebetrug oder Ähnlichem ahnungslose Kleinsparer betrogen wurden. Hier geht es in erster Linie um sehr wohlhabende Menschen, denen meist egal ist, ob der Pechstein wirklich von Pechstein ist, solange die Expertise stimmt. Und nach meiner Auffassung hat Beltracchi nicht gefälscht im Sinne von kopiert, er hat Eigenes geschaffen und na ja, seine Werke mit falschen Signaturen geadelt *lach*. Ein Forist erwähnte Zumwinkel, der Bewährung bekam, dem schließe ich mich an, da wurde die Gesellschaft aus purer Gier geschädigt und der Verbrecher kann sich mit einer Bewährungsstrafe auf sein Schloss zurückziehen. Wo bleiben hier die Relationen?
HansC 28.09.2011
5. Relativisten
Ich kann nicht nachvollziehen wie man andere, unabhängige Fälle seiner Argumentation hinzuziehen kann, nur um das Verbrechen hier zu relativieren. Der große Vorteil an unserem Rechtssystem ist ja eben, dass jeder Fall prinzipiell einzigartig ist und auch so ver/behandelt wird. Und diese ganze die-da-oben-bekommen-eh-nie-ihre-gerechte-Strafe-Attitüde nervt auf dauer auch. Lese man mal einfach die Begründung des Gerichts zum Urteil Zumwinkel und Co...
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