Zum Tod Ben Bradlees Den Lügen der Mächtigen auf der Spur

Als Chefredakteur der "Washington Post" trieb er die Watergate-Enthüllungen voran, den Machthabern im Weißen Haus misstraute er bis zuletzt. Nun ist Ben Bradlee im Alter von 93 Jahren gestorben.

Ein Nachruf von

REUTERS

Wer Ben Bradlee erlebte, musste auf einen kernigen Spruch gefasst sein. "Sie werden immer versuchen, dich zu ficken", lautete ein typischer Bradlee-Satz. Oder: "Sie sind alle verfickte Lügner."

"Sie", das waren Leute mit Macht, die in seiner Welt logen und betrogen, gerade gegenüber Journalisten, nur um an der Macht zu bleiben. "Sie wollen ihr Ding drehen, sie wollen Fehler vertuschen", sagte Bradlee, und seine breite Brust und tiefe Stimme schienen keinen Widerspruch zu dulden.

Der langjährige Chefredakteur der "Washington Post" ist in der Nacht zum Mittwoch im Alter von 93 Jahren gestorben. Er wusste immer, auf welcher Seite er stand - bei denen, die es den Mächtigen schwer machen wollten.

Dabei gehörte der legendäre US-Journalist auf dem Papier selbst zu den Mächtigen: Spross einer vornehmen Familie aus Neuengland, Harvard-Absolvent, hochdekorierter Marineoffizier im Zweiten Weltkrieg, Vertrauter des Präsidenten John F. Kennedy, später "Post"-Chef und gemeinsam mit seiner dritten Frau Sally Quinn gefragtester Gastgeber der amerikanischen Hauptstadt.

"Du hast es noch nicht, Junge"

Aber Bradlee hatte schlicht zu viel erlebt, um noch zu glauben, dass Menschen moralischer werden, nur weil sie einen schönen Titel oder ein Wappen tragen dürfen.

Er hatte nicht vergessen, wie im August 1964 Präsident Lyndon B. Johnson vermeintliche Angriffe von Nordvietnamesen im Golf von Tonkin auf US-Kriegsschiffe aufbauschte, um die Ermächtigung für den Krieg in Vietnam zu erlangen. "Wie viele könnten ohne diese Lüge noch leben?", sagte Kriegsveteran Bradlee.

Ihm war auch noch bewusst, mit welchen miesen Tricks die Nixon-Regierung den Abdruck der Pentagon Papiere, jenem entlarvenden Geheimbericht über die wahren Gründe des Vietnamkrieges, zu verhindern versucht hatte.

Und natürlich erinnerte er sich wie kaum ein anderer an die offiziellen Lügen rund um den Watergate-Skandal - diese erst scheinbar so harmlose Story über einen Einbruch in die Wahlkampfzentrale der Demokraten im Washingtoner Watergate-Hotel in der Endphase des US-Wahlkampfes 1972. Niemand wollte das Thema recht anpacken, Präsident Richard Nixon schien ohnehin unschlagbar, doch Bradlee schwor: "So sicher wie Gott die Äpfel wachsen läßt, so sicher wird uns diese Geschichte auch noch nach dem Wahltag verfolgen."

Als Journalismus sexy wurde

Er vertraute seinen Reportern Carl Bernstein (obwohl der Mietwagen zurückzugeben vergaß) und Bob Woodward (auch wenn der ein schlechter Schreiber war). Immer wieder schickte er die jungen Kollegen mit dem Satz zurück: "Du hast es noch nicht, Junge." Aber er druckte sie auch, mehr als 400 Artikel zu der Affäre veröffentlichte Bradlee innerhalb von 28 Monaten, am Ende musste "Tricky Dick" Nixon gehen.

Es war ein großartiger Dienst an der Öffentlichkeit. Aber auch eine jener großartigen Geschichten, für die Leute die Zeitung aus dem Briefschlitz reißen, wie Bradlee es stets als oberstes Ziel formulierte.

Watergate brachte der "Post" den begehrten Pulitzerpreis ein, einen von 17 unter Bradlee. Die Verfilmung der Affäre mit Robert Redford und Dustin Hoffman machte Journalismus mit einem Schlag sexy. Plötzlich strömten auch Absolventen von US-Eliteunis in die Medien, sie alle wollten den nächsten Präsidenten stürzen.

Diese Wende löste eine (männliche) Clubkultur in Washington auf, der ironischerweise Bradlee angehört hatte. Von Sexaffären seines einstigen Nachbarn Kennedy wollte er nichts mitbekommen haben, obwohl zu denen sogar seine Schwägerin gehörte.

Freilich führte diese neue Ära auch dazu, dass die Jagd auf die Mächtigen sehr persönlich wurde. Die Auswüchse hat Bradlee etwa im Lewinsky-Skandal kritisiert, ohne Bill Clintons Lügen zu beschönigen.

"Politiker lügen heute immer mehr"

Dank Bradlee und der mutigen Verlegerin Katherine Graham wurde aus dem verschlafenen Lokalblatt "Post" eine internationale Marke. Dieser Leistung konnte nicht anhaben, dass der Chef, der Lügen hasste, selber auf eine Lügnerin reinfiel - eine Reporterin hatte eine preisgekrönte Geschichte über einen jungen Drogenabhängigen erfunden, hochnotpeinlich für Bradlee.

1991 zog er sich allmählich zurück, blieb aber eine deutlich vernehmbare Stimme im US-Journalismus. Der Satz, dass es einen wie ihn nicht mehr geben wird, stimmt diesmal, weil es Bradlees Medienwelt schlicht nicht mehr gibt.

So gut wie alle US-Medien haben die Ressourcen für investigative Großprojekte - wie Watergate eines war - massiv beschnitten. Grahams "Post" gehört heute dem Amazon-Mogul Jeff Bezos, dessen journalistische Vision bislang daraus besteht, die Zeitung auf seinem Lesegerät Kindle Fire zu installieren.

Und die Lügen? "Politiker lügen heute immer mehr. Ich traue erst mal gar keiner Aussage in Washington", sagte Bradlee resigniert vor einigen Jahren. Dass seine "Post" den Erklärungen von George W. Bush zum Irakkrieg so lange vertraute, hat ihn besonders getroffen.

Den NSA-Skandal, in dem auch die Obama-Regierung offen log, hat Bradlee kaum noch erlebt, er war schon zu krank. Aber man ahnt seine Reaktion. Sie hätte mit F angefangen und aus vier Buchstaben bestanden.

Zum Autor
Dennis Drenner
Gregor Peter Schmitz ist Europa-Korrespondent bei SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Brüssel.

E-Mail: Gregor_Peter_Schmitz@spiegel.de

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Seite 1
golem50 22.10.2014
1. Toller Kerl!
Wo Du auch bist, mach' denen die Hölle heiß.
kobmicha 22.10.2014
2. Toller Mann...aber nicht für den Spiegel
Ich habe diesen Mann immer sehr geschätzt. So wie er die Affären der Politiker aufgedeckt hat gab es keinen zweiten. Ohne Angst vor den mächtigen Machthabern! Wenn der SPON nun schreibt das die ganzen aufgedeckten Machenschaften in SEINER Welt so waren und den Eindruck entstehen lassen das ER das so gesehen hat aber die Realität eine andere war bestätigt mich immer mehr in meiner Meinung. Das der SPON immer mehr seine eigene Politik betreibt und den Politikern gegenüber gefällig ist! Um den politischen fragwürdigen Frieden zu wahren.Angepasst und gefällig!
freidimensional 22.10.2014
3. Ja, das waren noch Zeiten,
als man beim Journalismus noch damit rechnen musste, dass sie irgendeine Schweinerei aufdeckten und Verbrecher gegen Menschen und Anstand dem beruflichen Aus zugeführt worden sind. Und heute? Mainstream, die vorgefertigte und als political correctness definierte Auffassung, soweit das schmerzgeplagte Auge des Betrachters reicht. Wer davon abweicht und Ketzerisches - wenngleich Wahres - behauptet, wird sofort sozial eingesargt: Als VT oder Schlimmeres. Obwohl tausendfach bewiesen ist, dass sie uns von oben herab belügen, von früh bis spät, läuft immer wieder das gleiche Spiel mit der Anpassung an die jeweilig benötigte Lage.
thomas.b 22.10.2014
4.
Es geht eine großer Charakter. Der Wahrheit verpflichtet. Leider stirbt diese Gattung offenbar wirklich aus. Rest in peace, Ben Bradlee!
hefe21 22.10.2014
5. True Lies
Na ja, "er hasste Lügen". Er hasste es wohl vielmehr, wenn sich im Nachhinein zeigte, dass die angeblich so investigative US-Journaille mal wieder auf ein patri-idi-otisches Zehncent-Gaunerstück reingefallen war. Bei der "Weapons of Mass Destruction"-Show, für die man mit Powell natürlich einen Farbigen an die Frontlinie schickte, kann er sich zumindest auf seiner Wolke trösten, dass er nicht alleine war. Die Bilder, wie das ganze Washingtoner Politgesocks aufstand und applaudierte, als der unsägliche George W. seine bizarre Kriegslügenrede beendete, gehören auch heute noch zum verwerflichsten, was je in einem Parlament geschehen ist. Eigentlich hätten die Kammern aufgelöst gehört, sie werden aber heute vermutlich von denselben Opportunisten bevölkert wie damals. Es wär jetzt übrigens eine gute Gelegenheit die gesamte Bushbande inkl. Wolfowitz in einem Container im Nordirak abzusetzen als Projekt "Feldstudien über die Folgen von Lug und Betrug"
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