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"Ben Hur" als Live-Spektakel: Gott würde "Bravo!" rufen

Aus London berichtet Henryk M. Broder

Zirkus total! Ein bayerischer Impresario erweckt mit einem "Ben Hur"-Spektakel die Antike wieder zum Leben - mit Christen, Juden, Römern, 40 Rassepferden und sogar Geiern. Klar: Der kulturelle Mehrwert ist fraglich. Das Premierenpublikum jubelte trotzdem.

AFP

Gigantisch wäre eine Untertreibung. 800 Tonnen Material, die mit 60 Trucks von Show zu Show bewegt werden, 300 Mitwirkende, die meisten aus Ungarn und Tschechien, für die über tausend Kostüme entworfen und genäht wurden, 40 Rassepferde, die für den Einsatz unter extremen Bedingungen jahrelang trainiert wurden; Galeeren auf Rädern, die von Muskelkraft bewegt werden, Piraten in motorisierten Strandbuggys, die es auf die Schiffe abgesehen haben, und schließlich ein Wagenrennen mit fünf Quadrigen, die in einer 40 auf 70 Meter großen Arena in vollem Tempo umeinander rasen, bis die Räder von den Achsen und die Lenker durch die Luft fliegen.

Dazu Akrobaten, Jongleure, Feuerschlucker, Tauben, Adler, Falken, Geier, zwei Esel und jede Menge pyrotechnische Effekte - Zirkus total. "Das hat es seit 2000 Jahren so nicht mehr gegeben", steht im Programmheft, und es könnte stimmen, wenn man von einigen Kriegen, die in diesem Zeitraum geführt wurden, absieht. "Ben Hur", der Roman von Lewis Wallace, 1880 erschienen, wurde ein Weltbestseller, wie "Vom Winde verweht" und "Harry Potter" - Klassiker der Unterhaltung. Der gleichnamige Film mit Charlton Heston in der Hauptrolle, 1959 produziert, wurde mit elf Oscars ausgezeichnet und ist damit neben "Titanic" und "Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs" noch immer die höchstdekorierte Hollywood-Produktion aller Zeiten. Dabei ist es eine ganz einfache Geschichte von Liebe und Freundschaft, Hass, Rache und Erlösung.

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"Ben Hur" in London: Den Palmsonntag toppen

Kitschig wie das wahre Leben, aber wesentlich unterhaltsamer. Filmhistoriker sind inzwischen damit beschäftigt, die homoerotischen Untertöne der Beziehung zwischen dem jüdischen Prinzen Juda Ben Hur ("20, gut aussehend, athletisch, männlich, aber sensibel") und dem Römer Messala ("20, arrogant, militärisch geprägt, sexy") herauszuarbeiten. Vermutlich hatten die beiden nichts miteinander, doch hundertprozentig platonisch ist es nicht, wie sie sich immer um den Hals fallen und abknutschen.

Aber solche Feinheiten spielten am Donnerstagabend, bei der Premiere von "Ben Hur live" in der Londoner O2-Arena (dem früheren Millennium-Dome), keine Rolle. Über 12.000 Zuschauer jubelten über ein Kostümspektakel, dessen deutscher Produzent, Franz Abraham aus Bayern, alles toppen wollte, was es an vergleichbaren Sensationen gibt: die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg, den "Jedermann" in Salzburg, die Oberammergauer Passionsspiele und den Palmsonntag in Jerusalem.

Wäre Gott ein Action-Fan, hätte er am Ende der Show laut "Bravo!" gerufen.

Die Vergangenheit bietet Trost

Man kann natürlich trotzdem fragen, worin der kulturelle Mehrwert solcher Inszenierungen liegt. Historische Nachhilfe kann es nicht sein, Werbung für das Christentum auch nicht, obwohl die Veranstalter "die Friedensbotschaft Jesu" mit aufs Plakat gesetzt haben. Dass die Schauspieler Aramäisch und Lateinisch sprechen (wie auch schon in Mel Gibsons "Passion of Christ") klingt weniger authentisch als abgehoben.

Denn auf den Text kommt es nicht an. Was zählt, sind Action und die bunte Schönheit der bewegten Bilder, die immer wieder neu aufgebaut werden. Was in einem normalen Theater hinter der Bühne stattfindet, passiert hier vor den Augen der Zuschauer. Aufwendige Kulissen werden auseinandergeschoben und neu zusammengestellt, man fühlt sich wie in einem Panoptikum, nur dass man nicht durch einen Schlitz auf eine dreidimensionale Bühne schaut, sondern sie direkt vor sich hat.

Vermutlich gibt es inzwischen auch viele Menschen, die nicht allein vor einem Computer sitzen und Abenteuer im "Second Life"-Foren simulieren wollen. Es wird schon einen Grund haben, dass Ritterspiele und Mittelaltermärkte überall zwischen Aachen und Zittau so ungemein beliebt sind. Wo die Zukunft ungewiss ist, da bietet die Vergangenheit nicht nur Sicherheit, sondern auch Trost. Wenn unsere Vorfahren den Dreißigjährigen Krieg, die Pest, zwei Weltkriege und andere Desaster überlebt haben, da werden wir doch mit der Wirtschaftskrise fertig, oder?

Spirituelles Ereignis

Franz Abraham, 1964 im bayerischen Rosenheim geboren, ist mit Krisen und Katastrophen groß geworden. Der Sohn eines Alfa-Romeo-Händlers brach ein Philosophiestudium ab, um Rennfahrer zu werden, wäre bei einem ganz normalen Autobahnunfall beinah ums Leben gekommen und wechselte dann in ein anderes Risikogewerbe: Konzertmanager. Er holte Yo-Yo Ma, Gidon Kremer, Alfred Brendel und Swjatoslaw Richter nach Rosenheim, David Bowie und die Rolling Stones nach München. Er schickte "Carmina Burana" als Oper um die Welt und exportierte eine deutsche Pferdeshow unter dem Namen "Royal Horse Gala" nach England. Mal machte er Gewinn, mal rutschte er in die roten Zahlen. "Alles ganz normal."

Anfang 1993, erinnert sich Abraham, der nach einer agnostischen Phase ein gläubiger Katholik wurde, wollte er ein "Römerspektakel" auf die Beine stellen, "mit Wagenrennen und Gladiatorenkämpfen", erntete aber nur Hohn und Spott. "Unmachbar", sagten die Leute.

15 Jahre später bekam er die Telefonnummer von Niki Pfeifer. Nach dem ersten Gespräch mit dem "Pferdeflüsterer" in Klein-Marzehns in Brandenburg stand fest: "Wir machen Ben Hur, aber nicht als billiges Spektakel, sondern als spirituelles Ereignis, Ben Hur ist mehr als ein Wagenrennen."

Abraham organisierte über sechs Millionen Euro, die er in die Produktion steckte, und gab seinen Leuten die Order: "Ich will alle fünf Minuten eine Überraschung, die die Welt noch nicht erlebt hat."

Das Ganze sollte ein "massenkompatibles Projekt auf Hochkultur-Niveau werden". Nun sitzt Abraham in der Lobby des Marriott und freut sich über eine ganzseitige Rezension in der "Times", die auf der Titelseite mit "The Return of Ben Hur" angekündigt wird. Er ist den Tränen nahe, so wie am Tag zuvor, als er nach der Vorstellung auf eine der Quadrigen sprang, die Zügel in die Hand nahm und eine Ehrenrunde durch die Arena drehte.

Jetzt geht Ben Hur nach Deutschland, dann nach Ungarn, Italien, Spanien, Portugal und Frankreich. Im Sommer 2010 kommt die Show nach Rom, in den Circus Maximus. Franz Abraham, der als junger Mann in der Formel 3 mitfuhr, hat es geschafft: "In der Antike wäre ich ein römischer Wagenlenker geworden."

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Großartige Idee
Asirdahan 18.09.2009
Ben Hur ist für mich der großartigste Film aller Zeiten. Obwohl er aus dem Jahre 1959 ist, begeistert er mich heute immer noch. Ich kann nicht sagen, wie oft ich ihn schon gesehen habe. Deshalb finde ich es grandios, das alles "in echt" zu sehen. Leider werde ich gar nicht hingehen können, weil ich mir wahrscheinlich die Eintrittspreise und das Fahrgeld?? gar nicht leisten kann, aber Respekt vor so einer Inszenierung! Es gibt zwar keine Zeitmaschinen, aber einen kleinen Ersatz dafür.
2. #
myspace 18.09.2009
Auch bei dem letzten Harry-Potter-Film und dem letzen Britney-Spears-Album ist der kulturelle Mehrwert fraglich. Aber offensichlich gibt es Menschen die Spaß daran haben. Wird wohl bei Ben Hur ähnlich sein.
3. Ben, der alte Hur
DefTom 18.09.2009
Zitat von AsirdahanBen Hur ist für mich der großartigste Film aller Zeiten. Obwohl er aus dem Jahre 1959 ist, begeistert er mich heute immer noch. Ich kann nicht sagen, wie oft ich ihn schon gesehen habe. Deshalb finde ich es grandios, das alles "in echt" zu sehen. Leider werde ich gar nicht hingehen können, weil ich mir wahrscheinlich die Eintrittspreise und das Fahrgeld?? gar nicht leisten kann, aber Respekt vor so einer Inszenierung! Es gibt zwar keine Zeitmaschinen, aber einen kleinen Ersatz dafür.
Na super. Viel Spaß, falls Sie es sich doch noch anschauen. Ich warte noch auf das Titanic-Musical. Bei dem zum Schluß dann hoffentlich auch die Zuschauer mit ersaufen. Ein schöneres Ende für mein Leben kann ich mir gar nicht vorstellen. Oder wie wär's mit einem "Luftschlacht um England"-Musical, da laufen dann die Propeller in jeweils verschiedenen Geschwindigkeiten und begleiten nur damit die Sänger. Toll! Oder aber "Kreuzzüge reloaded", mit original Christen und Moslems. Die schlachten sich vier bis fünf Stunden historisch korrekt gegenseitig ab, bevor dann in der 6. Stunde das Publikum und die Schauspieler inmitten der Halle im "interkulturell-intellektuellen Dialog- und Begegnungszentrum" treffen und die Gewalt im Stück kritisch besprechen. AAAAAAAAAAAAAAAAAAAARGH!!!!!!! Der Mann kann sein Geld auf tausend Arten loswerden, ist ja seins. Aber man kann am Sinn einer solchen Aufführung zweifeln, und das tue ich, wie Sie sich hier vergewissern konnten. Wäre es doch wenigstens "Ben Hur - Die Rückkehr" gewesen, eben Teil 2. Oder "Auferstanden von den Toten - Die Rache des Ben Hur" oder "2 stahlharte Profis hängen nicht mehr am Kreuz" oder oder oder. Aber so? Geld- und Zeitverschwendung, denke ich. Wer auf Pferde steht, kann ja auch bei "La Traviata" vorbeischauen...
4. Super!
rbehringer 18.09.2009
Ein solches Spektakel kann ja garnicht mit einem Nur-Film verglichen werden - das ist ja live-Theater. Ok, man kann natuerlich eine reine intellektuelle Auffassung einnehmen und dann auf dieses Vergnuegen herabblicken - aber ich wuerde liebend gerne in dieses Event gehen! War schon immer ein Rom-Fan, seit Asterix und Obelix. Glueckwunsch an Herrn Abraham fuer diese phantastische Idee und den Mut, das Wagnis dieses Spektakels umzusetzen! Wenn ich die Gelegenheit habe, werde ich auf jeden Fall mir diese Auffuehrung ansehen.
5. Wie klug....
DefTom 18.09.2009
Zitat von DefTomNa super. Viel Spaß, falls Sie es sich doch noch anschauen. Ich warte noch auf das Titanic-Musical. Bei dem zum Schluß dann hoffentlich auch die Zuschauer mit ersaufen. Ein schöneres Ende für mein Leben kann ich mir gar nicht vorstellen. Oder wie wär's mit einem "Luftschlacht um England"-Musical, da laufen dann die Propeller in jeweils verschiedenen Geschwindigkeiten und begleiten nur damit die Sänger. Toll! Oder aber "Kreuzzüge reloaded", mit original Christen und Moslems. Die schlachten sich vier bis fünf Stunden historisch korrekt gegenseitig ab, bevor dann in der 6. Stunde das Publikum und die Schauspieler inmitten der Halle im "interkulturell-intellektuellen Dialog- und Begegnungszentrum" treffen und die Gewalt im Stück kritisch besprechen. AAAAAAAAAAAAAAAAAAAARGH!!!!!!! Der Mann kann sein Geld auf tausend Arten loswerden, ist ja seins. Aber man kann am Sinn einer solchen Aufführung zweifeln, und das tue ich, wie Sie sich hier vergewissern konnten. Wäre es doch wenigstens "Ben Hur - Die Rückkehr" gewesen, eben Teil 2. Oder "Auferstanden von den Toten - Die Rache des Ben Hur" oder "2 stahlharte Profis hängen nicht mehr am Kreuz" oder oder oder. Aber so? Geld- und Zeitverschwendung, denke ich. Wer auf Pferde steht, kann ja auch bei "La Traviata" vorbeischauen...
Ich bin ja sooooo intelligent, ohje. Ich meinte natürlich Apassionata, "Europas (nicht mehr?) größte PferdeGALA". Zum Glück hab ichs noch gemerkt... bevor jemand anders klugscheißen kann! ;)
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