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Benefiz-Spektakel "Live 8": Das weiße Band der Idiotie

Von Henryk M. Broder

Gestern wohnte man in einer "atomfreien Zone", heute knüpft man Laken für die "Aktion gegen Armut" oder rettet rockend mit "Live 8" die Welt. Doch wem nutzen solche symbolischen Aktivitäten? Vor allem ihren Erfindern.

"Live 8"-Macher Geldof: Mobiler Sozialarbeiter
DDP

"Live 8"-Macher Geldof: Mobiler Sozialarbeiter

Wir leben in aufregenden Zeiten. Einerseits schreitet die Globalisierung voran und verbreitet ein Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins an unkontrollierbare Mächte, andererseits war es noch nie so einfach, gegen den Strom zu schwimmen, Sand im Getriebe der Gesellschaft zu sein. Es fing an mit kleinen Aufklebern, die man an den Türen der Wohngemeinschaften anbringen und damit progressive Haltung demonstrierten konnte, ohne einen Fuß vor die Tür setzen zu müssen: "Atomwaffenfreie Zone".

Dann kamen die Sticker der Tierfreunde: "Ich bremse auch für Tiere!" Mit der deutschen Einheit entwickelte sich eine neue Protestkultur. Auf der einen Seite die Glatzen, die "nationalbefreite Zonen" durchzusetzen versuchten, ohne "Fidschis und Kanaken", auf der anderen die guten Deutschen, die händchenhaltend Menschenketten bildeten, um gegen Ausländerfeindlichkeit zu demonstrieren. Es gab Tage, da konnte man zwischen Berchtesgaden und Flensburg kaum über die Straße gehen, ohne von einer Menschenkette aufgehalten zu werden.

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"Live 8" : Wo Entwicklungshilfe über die Bühne geht

Auch der erste Irak-Krieg förderte die angewandte Kreativität. Als alliierte Bomber Ziele im Irak anflogen, hängten deutsche Friedensfreunde weiße Bettlaken von ihren Balkonen, um nicht versehentlich getroffen zu treffen. Angebote für Individualisten ergänzten die vielen Mahnwachen: Fasten für den Frieden, Saufen für den Frieden und Hupen gegen den Krieg. Und nun ist die Armut dran. Ihr soll der Garaus gemacht werden, und die Art, wie das geschehen soll, erinnert an die Menschenketten gegen die Fremdenfeindlichkeit und die Bettlaken gegen die Bomben. Es ist quasi die symbiotische Verbindung beider Protestformen.

Ideenreichtum für die Armen

Am 2. Juli wird sich "das längste weiße Band Deutschlands" von der Spitze des Wetzlarer Doms durch die Wetzlarer Altstadt "schlängeln". Bei der "Aktion gegen Armut" am ersten internationalen "White-Band-Day" werden "Hunderte Banner und Bettlaken aneinander" geknüpft, um darauf aufmerksam zu machen, "dass täglich 24.000 Menschen an den Folgen von Hunger und Unterernährung sterben". Nicht nur in Wetzlar, wo das Aktionsbündnis "Deine Stimme gegen Armut" seinen Sitz hat, überall in Deutschland werden sich weiße Bänder schlängeln, die am 10. September, beim zweiten "White-Band-Day", in Berlin zu einem superlangen weißen Band zusammengesetzt werden.

Erzbischof Tutu: "Ein guter Anfang"
REUTERS

Erzbischof Tutu: "Ein guter Anfang"

Zwischen dem 2. Juli und dem 10. September liegen 70 Tage. In dieser Zeit werden, wenn die Ausgangszahl von 24.000 täglich stimmt, 1.680.000 Menschen an den Folgen von Hunger und Unterernährung sterben, völlig unabhängig davon, ob die Aktivisten der "Aktion gegen Armut" weiße Bänder aneinander knoten, sich einen Sonnenbrand im Freibad holen oder allabendlich fürstlich tafeln. Freilich, was immer sie tun, sie werden, im Gegensatz zu den Hungernden, denen die Aktion gilt, nicht nur satt, sondern auch mit dem guten Gefühl ins Bett sinken, etwas gegen die Not in der Welt getan zu haben. Man könnte die ganze Übung auch anders nennen: "Brot für die Welt - aber die Butter bleibt hier!" Oder: "Das weiße Band der Idiotie".

Der Punkt, der auf der Agenda der "Aktion gegen Armut" ganz oben ansteht, ist ein "Schuldenerlass" für die armen und verschuldeten Länder in der Dritten Welt. Ein wenig irritiert dabei nur, dass die Finanzminister der G-8-Staaten bereits beschlossen haben, 37 armen Staaten ihre Schulden zu erlassen, weitere werden folgen. Was sich aber noch nicht bis Wetzlar herumgesprochen hat: Schuldenerlass bedeutet nicht, dass die Schulden einfach gestrichen werden, sondern, dass sich die G-8-Staaten verpflichten, die Tilgung und die Zinszahlungen zu übernehmen. Da wird der deutsche Steuerzahler jubeln, wenn er begriffen hat, dass auf ihn bis zum Jahre 2015 Extraausgaben von fast einer Milliarde Euro zukommen.

Wer instrumentalisiert wen?

Das sei "ein guter Anfang", freute sich der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu, und die rund 70.000 Besucher eines "U2"-Konzerts in der Schalker Arena jubelten, als Sänger Bono den eben bekannt gewordenen Beschluss der G-8-Staaten verkündete. Und so kommt es in diesen Tagen überall zu einem solidarischen Schulterschluss zwischen Politik und Popmusik, wobei es so aussieht, als würden die Musiker die Politiker vor sich hertreiben - in einen Kampf gegen die Armut, für eine Welt, in der es gerecht zugeht, niemand hungern muss und alle Kinder CD-Player haben, um die Live-Mitschnitte der Benefiz-Konzerte gegen die Armut zu hören. Werden die Musiker schaffen, was den Polikern nicht gelungen ist? Fest steht: Man kann nicht genau sagen, wer wen instrumentalisiert.

"Live 8"-Unterstützer Bono: Gegenseitiges Geschäft
AP

"Live 8"-Unterstützer Bono: Gegenseitiges Geschäft

Vermutlich handelt es sich um ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Bono von U2 besucht den EU-Kommissionspräsidenten Jose Manuel Barroso in Brüssel und fordert ihn auf, "für die Ärmsten der Welt die Entwicklungshilfe spürbar zu erhöhen". Barroso nimmt sich für Bono frei und lässt sich mit ihm fotografieren. Dann geht ein Bild um die Welt, auf dem der Pop-Musiker und der EU-Manager zu sehen sind, wie sie in heiterer Verbundenheit mit den Hungerleidern in aller Welt das V-Zeichen für die Fotografen machen. Die dazugehörige Geschichte ist in sechs Worten ausführlich erzählt. "Rocksänger Bono kämpft für die Armen".

Das tun inzwischen viele. Fast jeder Star und jedes Sternchen, von Britney Spears bis Jeanette Biedermann, von Steven Spielberg bis Veronika Ferres hat entweder eine eigene Stiftung zur Unterstützung notleidender Kinder in der Dritten Welt oder er bzw. sie reist im Auftrag wohltätiger Organisationen durch Krisen- und Katastrophengebiete. Was immer die mobilen Sozialarbeiter aus dem Show-Business machen, in einem Punkt sind sich alle einig: Vor allem in Afrika sterben die Menschen an Aids, Dürre und Hunger, "weil sie zu arm sind" ( Bob Geldof).

Kontraproduktive Spenden

Das ist der Ausgangspunkt aller Überlegungen - und das Ziel aller Aktivitäten. Dabei sind sich alle Ökonomen, die sich mit der Wirtschaft in den Entwicklungsländern beschäftigen, einig: Es kommt nicht auf die Höhe der Hilfszahlungen, sondern vor allem darauf an, wie ein Land regiert wird, wie groß das Ausmaß der Korruption ist, ob die Regierung die Geschäfte zu ihrem Nutzen betreibt oder freien Handel ermöglicht.

In totalitär geführten Staaten, in Ländern, die gegeneinander Krieg führen oder im ständigen Bürgerkrieg existieren, sind Spenden ausgesprochen kontraproduktiv. Sie ermöglichen es der Regierung, die Ressourcen für ihre Waffengänge einzusetzen, während die Bevölkerung von ausländischen Hilfsorganisationen versorgt wird. So werden die Zustände nur zementiert.

Simbabwes Präsident Mugabe: Das Land platt gemacht
REUTERS

Simbabwes Präsident Mugabe: Das Land platt gemacht

Wenn Bono & Co. den Hungernden und Unterdrückten wirklich helfen wollten, dann müssten sie alles daran setzen, ihre "Live 8" Konzerte in der sudanesischen Provinz Darfour zu veranstalten oder, noch besser, in Harare, der Hauptstadt von Simbabwe, wo Robert Mugabe regiert, der sein Land beharrlich in den Ruin treibt. Nachdem er die weißen Farmer enteignet hat, wodurch sich die Lebensbedingungen der schwarzen Landarbeiter nicht verbessert haben, ist er jetzt im Begriff, die städtische Opposition zu erledigen. Mugabe ließ ganze Stadtviertel platt machen und Tausende verhaften - ohne dass dies in Europa mehr als ein müdes "Der, schon wieder!" ausgelöst hätte. Da wäre ein Super-Popkonzert das Richtige, um die Aufmerksamkeit der Welt auf die Zustände in einem Land zu lenken, das unter hausgemachter Gewalt leidet.

Aber Europa mag es eher symbolisch. Am 12. Juni war der "Welttag gegen Kinderarbeit". Er ging ebenso unbemerkt vorbei wie der "Tag des Schlafes" eine Woche später. Der "Welttag gegen Kinderarbeit" sollte die geschätzten 18o bis 250 Millionen Kinder ins Licht rücken, die für wenig Geld unter schrecklichen Bedingungen schuften müssen. In Indien z. B. arbeiten viele Kinder in Steinbrüchen.

Und zwei Drittel aller Grabsteine in Deutschland werden aus Indien eingeführt. Nun soll ein Verein gegründet werden - Vorsitz: Norbert Blüm, Ex-Arbeitsminister -, der die aus Indien eingeführten Grabsteine darauf überprüfen will, ob an ihrer Herstellung Kinder unter 14 Jahren beteiligt waren. Keine leichte Aufgabe angesichts der Tatsache, dass nur wenige Kinderarbeiter einen gültigen Ausweis mit sich führen, der ihr Alter verrät.

Für die Unbedenklichkeitserklärung der Grabsteine soll eine Gebühr von drei Prozent des Preises erhoben werden. Damit werden dann die Kontrolleure des Vereins bezahlt, die die Steinbrüche überprüfen. Wie viele Kontrolleure braucht man für ein Land, das neunmal so groß ist wie die Bundesrepublik, in dem eine Milliarde Menschen leben und wo es mehr Steinbrüche gibt als Norbert Blüm Haare auf dem Kopf hat?

Früher, bevor die Künstler und die Polit-Rentner die Sache in die Hand nahmen, hieß es: Entwicklungshilfe ist Hilfe zur Selbsthilfe. Das stimmt noch immer. Die Entwicklungshelfer helfen - vor allem sich selbst.

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