Benjamin von Stuckrad-Barre Selbstzerstörung eines Hochbegabten

Koks und Bordellbesuche: Benjamin von Stuckrad-Barres "Panikherz" wurde jetzt auch in Hamburg aufgeführt. Regisseur Christopher Rüping inszeniert es als Selbsthilfegruppe.

Schauspieler Pascal Houdus in "Panikherz"
DPA

Schauspieler Pascal Houdus in "Panikherz"


Steckt das deutsche Künstlerdrama schlechthin im innersten Kern von Benjamin von Stuckrad-Barres autobiografischem Bekenntnisbuch "Panikherz"? Oder lauert darin eher Johann Wolfgang Goethes "Faust"?

Auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters kann man einem schmalen jungen Dandy in weißem Anzug dabei zusehen, wie er sich rot leuchtende Plastikhörner aufs Haupt steckt - der Schauspieler Sebastian Zimmler scheint hier als Mephisto aufzutreten.

Goethe als Referenz und Resonanzraum

Eine Neonleuchtschrift, die vom Bühnenhimmel herabschwebt, verkündet: "Verweile doch! Du bist so schön!" Und auch das Programmheft beginnt mit einem fett gedruckten "Faust"-Zitat: "Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten / Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt."

Es ist das Kunststück der "Panikherz"-Inszenierung des jungen Regisseurs Christopher Rüping, dass der Verweis auf Goethes Klassiker einerseits vollkommen ernst gemeint ist und andererseits auf heiter-verspielte Weise den Resonanzraum öffnet für eine scheinbar höchst private Geschichte: Deren Held wird Stuckiman genannt und begegnet den Gespenstern, den Gefährten und den Rollenspielen seines noch nicht besonders langen Popstar- und Schriftstellerlebens.

In den Nebelschwaden, die über die Bühne des Thalia Theaters treiben, sieht man am Anfang des dreistündigen Theaterabends einen Udo Lindenberg-Doppelgänger im Gegenlicht stolzieren, während die Vorleserstimme des Autors Stuckrad-Barre zu hören ist. Später wird in die Rauchwolken hinein ein Video projiziert, das den Auftritt des damals 27-jährigen Stuckrad-Barre in der Sendung "Zimmer frei" im Jahr 2002 zeigt, samt der Prophezeiung, er werde entweder als Weltstar enden oder als Drogenwrack.

Faszination des Selbsthilfedramas

Es folgen Berichte über Stuckrad-Barres Kokain-, Ecstasy- und Alkoholkonsum, seine manische Puffgängerei und seine Klinikaufenthalte, über die Fress- und Kotzattacken eines Magersüchtigen. Am Ende steht der Stuckrad-Barre-Darsteller Zimmler dann im weißen Anzug vor einem Mikrofon und redet tatsächlich von einer "Selbsthilfegruppe": Dort gehöre es sich, "dass alle jetzt wie wahnsinnig applaudieren".

Was ist so reizvoll an einem Selbsthilfedrama, an der Aufstiegs-, Leidens- und Errettungsgeschichte eines einzelgängerischen, von Dämonen geplagten Schriftstellerhelden? Als Stuckrad-Barres Buch "Panikherz" 2016 erschien, wurde es nicht bloß zum Bestseller, sondern auch von den meisten Kritikerinnen und Kritikern gefeiert.

An einem Ort des selbstgewählten Exils, dem Hotel Chateau Marmont in Los Angeles, notiert der Ich-Erzähler Stuckrad-Barre in dem Buch, was ihm an Schönem und Schrecklichem in den 40 Jahren seines bisherigen Lebens widerfahren ist. Erinnerungen an Kinderjahre in einem Pastorenhaushalt in der norddeutschen Provinz; an die Euphorie, mit der er bei einem Stadtmagazin in Göttingen sein Talent als Musikkritiker entdeckte und lustige Verrisse schrieb; an seinen frühen Ruhm als Gagschreiber für Harald Schmidt und als Romanautor ("Soloalbum").

"Panikherz" im Thalia Theater
DPA

"Panikherz" im Thalia Theater

Jugendidol Lindenberg als Retter

Klug und komisch und als scheinbar kühler Beobachter schildert Stuckrad-Barre seine fortschreitende Selbstzerstörung. Seine Panikattacken, seinen zappeligen Bewegungsdrang, das Auf und Ab aus konsequenter Selbstzerstörung und halbherzigen Umkehrversuchen, bis ihm ausgerechnet sein Kindheits- und Jugendidol Udo Lindenberg die Energie und die ärztliche Hilfe verschafft, die ihn aus seinem Elend befreien.

Mit viel Bühnenkoks und vielen Lindenberg-Songs, die er von Schauspielern und einem Live-Orchester darbieten ließ, hat Mitte Februar der Regisseur Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles, in seinem Haus die erste Theaterversion von "Panikherz" herausgebracht .

In Hamburg lässt der Regisseur Christopher Rüping nun zwar einen stummen Lindenberg-Doppelgänger über die Bühne geistern und anderthalb Lindenberg-Songs anspielen. Doch die Musik des an einem DJ-Pult im Bühnenhintergrund thronenden Live-Musikers Christoph Hart widmet sich eher der atmosphärischen Beschwörung der Rockkonzerthallen, Tanzklubs und Bordelle, in denen sich der Held herumtreibt. Dazu rieselt mal Goldglitter aus der Höhe, mal wallt Zigarettenqualm.

Horror vor dem Spießertum

Rüping inszeniert kein Stuckrad-Barre-Musical sondern eine Séance über Unruhe und frühe Vereinzelung, über die Verlorenheit, die Geltungssucht und den Welthass eines überempfindlichen Hochbegabten. Zwei Schauspielerinnen und fünf Schauspieler sprechen jene Texte aus "Panikherz", die der Regisseur sich für seine Fassung aus dem Buch zusammengesucht hat. Nicht zufällig geben die Bekenntnisse des Nichteinverstandenseins das Leitmotiv vor.

Der Horror des Helden vor dem Spießerleben seiner einstigen Mitschülerinnen und Mitschüler, deren Geschwätz sich der Erzähler angesichts einer Einladung zum Klassentreffen ausmalt, sorgt für einen spontanen Beifallssturm. Es werden ein Gummiboot, Glitzerkleider und ein fantastisches Verfettungskostüm auf die Bühne geschleppt, um den Aberwitz vergangener Zeiten und überwundener Obsessionen zu illustrieren.

Ohne Märtyrerpathos

Die existenzielle Traurigkeit und die Gnadenlosigkeit, mit der hier ein Autor auf sich und die Welt blickt, ist das Thema dieser Theaterarbeit, die sich erstaunlich wenig um die Entertainmentsehnsucht der Zuschauer zu kümmern scheint und doch in keinem Moment langweilig wird.

Die Kraft der Hamburger "Panikherz"-Aufführung entsteht gerade dadurch, dass sie nicht bloß ohne jedes Märtyrerpathos auskommt, sondern auch ohne jede ironische Distanzierung zu dem, was Stuckrad-Barre geschrieben hat.

Die Bücher des Autors handeln schließlich selbst von der permanenten Verstellung, Kostümierung und Ritualisierung, die den Alltag jedes Menschen bestimmen - vom Theater, das unser Leben ist. Er erzähle von "der Unmöglichkeit, sich rauszuhalten", hat Stuckrad-Barre mal behauptet. Entsprechend engagiert und leidenschaftlich erforscht Rüping, was das "Panikherz" im Innersten zusammenhält: Das ist zwar oft zum Lachen, aber doch ein ernstes, anrührendes Unternehmen.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.