Gipfel-Fotograf Bösch "Es ist menschenfeindliches Gebiet"

Robert Bösch ist Bergführer und Fotograf, schafft mit seiner Kamera kunstvolle Landschaften. Klingt nett, ist aber auch gefährlich. Er selbst warnt: Wer nicht bereit sei, in den Bergen zu sterben, sollte unten bleiben.

Robert Bösch

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Bösch, von Jahr zu Jahr klettern immer mehr Menschen etwa auf den Mount Everest. Betreiben mittlerweile zu viele Leute Extremsport?

Robert Bösch: Es wird heute viel zu viel als Extremsport verkauft. Eine normale Besteigung des Mount Everest hat damit nichts zu tun, das ist, wie Reinhold Messner treffend sagt, reiner Tourismus.

SPIEGEL ONLINE: Das denken Sie wirklich?

Bösch: Der größte Teil der Gipfelanwärter hat weder die Erfahrung noch das Können, einen größeren Berg selbständig zu besteigen. Die Sherpas rüsten den Everest jede Saison mit einer perfekten Infrastruktur aus. Die Gipfelstürmer steigen an den vom Basislager bis zum Gipfel gelegten Fixseilen in der ausgetretenen Spur hoch. Sie benutzen künstlichen Sauerstoff, sie legen sich in die vorbereiteten und mit allem notwendigen Material ausgerüsteten Zelte. Sie stehen auf, wenn man ihnen sagt, sie sollen aufstehen, und sie gehen soweit, bis sie auf dem Gipfel sind, oder bis ihnen jemand sagt, dass sie umkehren sollen. Oder bis sie einfach nicht mehr können. Das hat nichts mit Bergsteigen zu tun, wie ich es verstehe.

Zur Person
  • Pascal Richard
    Robert Bösch, geboren 1954 in Schlieren bei Zürich, fotografiert seit mehr als 30 Jahren Bergsteiger, Kletterer und Extremsportler. Er hat zahlreiche Bildbände herausgegeben - über viele Outdoorsportarten, aber auch über verschiedene Industriethemen. Als ausgebildeter Bergführer und immer noch aktiver Alpinist nimmt die Bergfotografie einen zentralen Platz in seinen Arbeiten ein. So bestieg er für einen Film- und Fotoauftrag den Mount Everest. In seinem Fotoband "Moments" stellt er Landschaften als Kunstform dar
SPIEGEL ONLINE: Sie sind Bergführer und Fotograf. Wie verträgt sich das miteinander?

Bösch: Da muss ich unterscheiden: Wenn ich als Bergsteiger unterwegs bin, dreht sich bei mir alles ums Bergsteigen. Fotografieren kommt an zweiter Stelle. Bin ich für ein Shooting an einer Wand, versuche ich alles so zu arrangieren, um mit kleinstmöglichem Risiko und Aufwand die größtmögliche Chance auf gute Bilder zu erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit Gefahr um?

Bösch: Wer eine Garantie dafür haben will, in den Bergen nicht zu sterben, der darf nicht in die Berge gehen. Man kann noch so umsichtig handeln, ab und zu braucht man einfach Glück. Viele, die umgekommen sind - ich spreche jetzt von den versierten Bergsteigern -, hatten in einem bestimmten Moment eben nicht das Quäntchen Glück.

SPIEGEL ONLINE: Viele Bergsteiger riskieren ihr Leben, um auf den Gipfel zu kommen. Können Sie dort dann die Aussicht überhaupt noch genießen?

Bösch: Manchmal. Aber bei großen Touren steigt man nicht auf den Gipfel wegen der Aussicht, sondern weil man die Tour machen will. Es ist menschenfeindliches Gebiet, in das man sich da begibt. Der Gipfel ist nur der halbe Weg. Der Abstieg nach unten muss ja auch noch gelingen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau mögen Sie am Fotografieren?

Bösch: Egal wo ich bin, in einer Stadt, in einer Wüste, in einem Bergtal oder auf einem Berg - überall gibt es Bilder zu sehen, zu suchen, zu entdecken. Das ist sehr spannend. Ich liebe die Fotografie - obwohl sie manchmal auch zu einer Belastung werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Wann?

Bösch: Ich suche fast immer. Mir fällt es schwer, völlig abzuschalten. Es gelingt mir eigentlich nie.

SPIEGEL ONLINE: Worin besteht für Sie die große Herausforderung als Fotograf?

Bösch: Ein Foto besteht nicht nur aus dem Ausschnitt, sondern auch aus dem Moment, der festgehalten wird. Das kann beim Sport ein Sekundenbruchteil sein oder bei einer Landschaftsaufnahme eine spezielle Lichtsituation. Jede Sportart, jede Situation hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, die es herauszufiltern gilt. Ein Bild entsteht allerdings erst, wenn ich als Fotograf einen Ausschnitt festlege, indem ich alles andere weglasse. Oft ist das, was nicht auf dem Bild ist, genauso wichtig für ein gutes Foto, wie das, was drauf ist.

SPIEGEL ONLINE: Woher wissen Sie, was Sie weglassen können?

Bösch: Dafür gibt es keine Regel. Man muss das spannende Viereck erkennen. Der Unterschied zwischen einem guten und einem außergewöhnlichen Foto ist oft sehr klein. Manchmal habe ich das Gefühl, ich hätte ein außergewöhnliches Bild gemacht. Und wenn ich es dann am Computer sehe, merke ich, dass ich mich getäuscht habe. In seltenen Fällen ist es auch andersherum. Leider kommt das sehr viel seltener vor.

SPIEGEL ONLINE: Was macht denn in Ihren Augen ein außergewöhnliches Bild aus?

Bösch: Bilder lassen sich nicht messen wie zum Beispiel die Meter beim Weitsprung. Es gibt keine objektiven Kriterien dafür. Der Betrachter muss am Bild hängenbleiben. Wir sehen ja täglich so viele Fotos. Nur das Bild ist gut, das einen fesselt. Aber ein außergewöhnliches Foto hat noch das "gewisse Etwas" mehr.

SPIEGEL ONLINE: Und was fesselt Sie?

Bösch: Das ist rein intuitiv. An gewissen Bildern bleibe ich einfach hängen, weil sie etwas haben, das speziell ist.

Das Interview wurde für das Fotoportal seenby geführt.



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crigs 22.01.2014
1. Optimierung
Herr Robert Bösch, machen Sie mehr mit Ihren Bildern. Positionieren Sie diese wertvollen, einmaligen, eindrücklichen Aufnahmen in Google Earth. Verlinken Sie diese mit Ihrer Hompage und ich bin sicher, Sie werden Anfragen aus der ganzen Welt bekommen, weitere Bilder zur Verfügung zu stellen. Erst kürzlich bin ich via Google Earth dem Kali Gandaki Fluss gefolgt und lernte die tiefste Schlucht unserer Erde kennen. Heute sagt mir der Name "Mustang" viel mehr, als noch vor einem Monat. Ich werde nach Ihren Bildern die Augen offen halten. Jedes Foto ist ein "festgehaltener Phasenübergang" in unserer Entwicklung. Herzlichen Dank für die Aufnahmen. Crigs
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