Berlin-Debatte "Lettre"-Chef äußert sich zu Sarrazin-Eklat

Thilo Sarrazins Berlin-Schelte in "Lettre International" sorgte für reichlich Medienwirbel und Empörung. Nun hat sich der Leiter des Blatts über den Skandal geäußert. Auf den Ex-Senator ist er nach wie vor gut zu sprechen: Er hält ihn für eine Mischung aus Ekel Alfred und Eisbär Knut.

Thilo Sarrazin: "Knorzige Figur"
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Thilo Sarrazin: "Knorzige Figur"


Hamburg/Berlin - Frank Berberich, Gründer und leitender Redakteur von "Lettre international", hat sich zu dem umstrittenen Interview mit dem früheren Berliner Finanzsenator und jetzigen Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin geäußert. Sarrazin hatte sich darin unter anderem über in Berlin lebende Türken und Araber beschwert: "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert."

Er habe die Sprengkraft von Sarrazins Aussagen nicht geahnt, sagte Berberich dem in Berlin erscheinenden Online-Medienmagazin "V.i.S.d.P.": "Das Interview war ja nur ein Text von insgesamt 40." Das übergreifende Thema des Heftes sei die "fatale Selbstmythologisierung Berlins" gewesen. Man habe das Gespräch "auf Seite 197 positioniert, ohne jeden Hinweis im Editorial oder auf der Titelseite". Das Interview sei nicht als "sensationalistischer Aufmacher" angelegt gewesen, sondern als "Hintergrundtext zu Wirtschaft, Finanzen und Verwaltung Berlins". "Lettre International" gilt als Intellektuellenblatt mit Schwerpunkt auf Essays und hintergründigen Nachdenkstücken.

Zu den heftigen Reaktionen auf die Veröffentlichung sagte Berberich: "Ich halte sie zum Teil für albern. Die Skandalisierung wurde vor allem von Medien inszeniert, die damit Geld verdienen wollten." Dabei nannte er im besonderen die in Berlin erscheinenden Boulevardtitel des Axel-Springer-Verlags.

Er habe Sarrazin nach Abschrift des Gesprächs auf einige heikle Stellen hingewiesen: "Ich habe gefragt, ob er die zugespitzten Aussagen noch einmal überdenken möchte." Doch weder Sarrazin noch Bundesbankpräsident Axel Weber, "der das Interview wohl gelesen hatte", hätten Entschärfungswünsche geäußert.

Zum gewaltigen Echo, dass die Aussagen Sarrazins in Berlin fanden, meinte Berberich: "Es gab seit 1989 wahrlich selten Situationen, in denen die Leute beim Bäcker, beim Blumenladen, in der Kneipe oder der U-Bahn so lebendig diskutierten."

Er selbst glaube übrigens, dass Sarrazin in der Hauptstadt "alles andere als verhasst" sei: "Er hat Züge von Ekel Alfred, aber auch von Knut, dem Eisbären. Eine gut informierte, rebellische und knorzige Figur, die der Stadt mit ihren unangepassten Einreden nur Gutes will."

sha

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