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25. April 2018, 14:51 Uhr

Antisemitismus

Lasst die Kippa uns Juden!

Ein Kommentar von Armin Langer

Nach dem antisemitischen Angriff in Berlin gibt es eine Welle der Empörung. Das ist gut so - aber die Kippa taugt nicht als Symbol für die deutsche Solidarität.

Vergangene Woche war ein junger israelischer Araber mit einer Kippa in Berlin unterwegs, um eine "Erfahrung" zu machen: Ist es sicher, mit einer Kippa in der deutschen Hauptstadt herumzulaufen? Diesen Ansatz finde ich an sich fragwürdig. Man kann nicht anhand von Erfahrungen aus einem Spaziergang auf Zusammenhänge schließen, so wie nach der Attacke im Prenzlauer Berg geschehen.

In Berlin gibt es einige jüdische Männer, die tagtäglich mit einer Kippa unterwegs sind. Wenn man wissen will, wie es sich anfühlt, mit dieser Kopfbedeckung in der Öffentlichkeit gesehen zu werden, sollte man mit ihnen ins Gespräch kommen. Dessen ungeachtet wurde der junge Araber Opfer eines antisemitischen Angriffs. Wegen der Kippa wurde er von einem anderen jungen Araber als Jude identifiziert, beschimpft und physisch angegriffen. Dass das Opfer kein Jude war, ändert nichts daran, dass der Angriff antisemitischer Natur war: Die Intention eines Täters zählt.

Video des Angriffs in Berlin: Israeli mit Gürtel verprügelt

Die Gewalttat wurde aufgezeichnet und tausendfach im Netz geteilt. Die schockierende Szene führte zu einer polarisierenden Debatte in allen Schichten der Gesellschaft. Eine Woche später ruft die jüdische Gemeinde zu Berlin die Berliner zu einer Solidaritätskundgebung auf: "Berlin trägt Kippa", heißt das Motto des geplanten Flashmobs. Unterstützer sind Zentralratspräsident Josef Schuster, vier nicht jüdische Funktionsträger der Stadt, Kirchenvertreter und Dutzende jüdische und nicht jüdische Vereine.

Die Kippa ist aber kein neutrales Stück Stoff

Die Teilnehmer werden ermutigt, Kippa zu tragen. Zahlreiche prominente Politiker mobilisieren zur Teilnahme, von den Grünen-Politikern Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir bis zum Linken-Bundestagsabgeordneten Stefan Liebich. Eine Initiative soll 10.000 Kippot in beliebten Parkanlagen von Berlin verteilen und die Stadtbewohner "herausfordern, sich selbst zu prüfen".

Diese partei- und gesellschaftsübergreifende Solidarität ist begrüßenswert. Die Kippa ist aber kein neutrales Stück Stoff, sie ist nicht das Symbol der deutschen Demokratie. Seit der späten Antike steht dieses Kleidungsstück für den Ausdruck des eigenen jüdischen Glaubens.

Anfangs trugen sie nur die Gelehrten, hauptsächlich zum Gebet. Das Tragen der Kippa verbreitete sich besonders im Mittelalter. Laut dem neuzeitlichen osteuropäischen Rabbiner Turei Zahav war dafür der eigentliche Grund die christliche Gewohnheit, aus Respekt den Hut zu ziehen. Wenn die Christen ihren Respekt mit der Abwesenheit einer Kopfbedeckung bekunden, dann tragen die Juden aus Trotz eine Kopfbedeckung, um ihren Respekt vor Gott auszudrücken.

Jüdische Gelehrte wie etwa der US-amerikanische Rabbiner Hershel Schachter raten Nichtjuden vom Tragen einer Kippa ab, selbst diejenigen, die sich in einem jüdischen Raum wie zum Beispiel einer Jeschiwa, wo die rabbinische Literatur studiert wird, befinden. Wer nicht jüdisch ist und die jüdische Religion achten will, trägt keine Kippa.

Man sollte dabei nicht nur den jüdisch-religiösen Aspekt in Betracht ziehen. Deutschland ist das Land des Holocausts, Deutschland ist das Land, das die Verantwortung für die Ermordung der sechs Millionen Juden und die Zerstörung des jüdischen Lebens in Europa trägt. Viele der Menschen, die an diesem Mittwoch in Berlin "aus Solidarität" mit einer Kippa flanieren werden, sind Nachkommen von Deutschen, die entweder aktiv oder passiv die Nazis unterstützt haben.

Kulturelle Aneignung

Besonders unter den Nachfolgern von Tätern ist es üblich, sich die kulturellen Merkmale von früher unterdrückten Minderheiten anzueignen und sie ihrer originären Bedeutung zu berauben. Dieser Prozess nennt sich kulturelle Aneignung, die in Deutschland zu wenig diskutiert wird, obwohl das Tragen der Kippa von Nichtjuden ein gutes Beispiel dafür ist. Durch eine Aktion wie "Berlin trägt Kippa" verliert die Kippa ihre jüdisch-religiöse Konnotation und wird zu einem neutralen, "deutschen" Symbol.

Auch in dieser Hinsicht könnten die Deutschen von den USA lernen: In dem Land, das von versklavten Schwarzen aufgebaut wurde und in dem bis in die Sechzigerjahre Segregation herrschte, wird es heute immer wieder problematisiert, wenn sich Weiße die schwarze Kultur aneignen und beispielsweise Dreadlocks oder afrikanische Volkstrachten tragen.

Ich finde es bewundernswert, wie schnell viele Aktionen initiiert wurden, die Antisemitismus in der Bundesrepublik verurteilen. Die vielen Solidaritätsbekundungen senden ein klares Zeichen, dass Antisemitismus in Deutschland keinen Platz hat. Aber bitte, lasst die Kippa uns Juden.

Man kann Solidarität zeigen, ohne sich als "Opfer" zu verkleiden. Kommt doch einfach so, wie ihr immer herumlauft: mit Kippot, Kopftüchern, Käppis oder einfach ohne Kopfbedeckung. Letztendlich soll jeder nach seiner Fasson selig werden.

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