Antisemitismus Lasst die Kippa uns Juden!

Nach dem antisemitischen Angriff in Berlin gibt es eine Welle der Empörung. Das ist gut so - aber die Kippa taugt nicht als Symbol für die deutsche Solidarität.

Juden in Berlin
imago/ snapshot

Juden in Berlin

Ein Kommentar von Armin Langer


Zum Autor
  • Katja Harbi
    Armin Langer, Jahrgang 1990, studierte Philosophie und jüdische Theologie in Budapest, Jerusalem und Potsdam. Er lebt als Publizist in Berlin, ist Autor des Buchs "Ein Jude in Neukölln".
  • Armin Langers Homepage (arminlanger.net)

Vergangene Woche war ein junger israelischer Araber mit einer Kippa in Berlin unterwegs, um eine "Erfahrung" zu machen: Ist es sicher, mit einer Kippa in der deutschen Hauptstadt herumzulaufen? Diesen Ansatz finde ich an sich fragwürdig. Man kann nicht anhand von Erfahrungen aus einem Spaziergang auf Zusammenhänge schließen, so wie nach der Attacke im Prenzlauer Berg geschehen.

In Berlin gibt es einige jüdische Männer, die tagtäglich mit einer Kippa unterwegs sind. Wenn man wissen will, wie es sich anfühlt, mit dieser Kopfbedeckung in der Öffentlichkeit gesehen zu werden, sollte man mit ihnen ins Gespräch kommen. Dessen ungeachtet wurde der junge Araber Opfer eines antisemitischen Angriffs. Wegen der Kippa wurde er von einem anderen jungen Araber als Jude identifiziert, beschimpft und physisch angegriffen. Dass das Opfer kein Jude war, ändert nichts daran, dass der Angriff antisemitischer Natur war: Die Intention eines Täters zählt.

Video des Angriffs in Berlin: Israeli mit Gürtel verprügelt

Facebook/privat/JFDA

Die Gewalttat wurde aufgezeichnet und tausendfach im Netz geteilt. Die schockierende Szene führte zu einer polarisierenden Debatte in allen Schichten der Gesellschaft. Eine Woche später ruft die jüdische Gemeinde zu Berlin die Berliner zu einer Solidaritätskundgebung auf: "Berlin trägt Kippa", heißt das Motto des geplanten Flashmobs. Unterstützer sind Zentralratspräsident Josef Schuster, vier nicht jüdische Funktionsträger der Stadt, Kirchenvertreter und Dutzende jüdische und nicht jüdische Vereine.

Die Kippa ist aber kein neutrales Stück Stoff

Die Teilnehmer werden ermutigt, Kippa zu tragen. Zahlreiche prominente Politiker mobilisieren zur Teilnahme, von den Grünen-Politikern Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir bis zum Linken-Bundestagsabgeordneten Stefan Liebich. Eine Initiative soll 10.000 Kippot in beliebten Parkanlagen von Berlin verteilen und die Stadtbewohner "herausfordern, sich selbst zu prüfen".

Diese partei- und gesellschaftsübergreifende Solidarität ist begrüßenswert. Die Kippa ist aber kein neutrales Stück Stoff, sie ist nicht das Symbol der deutschen Demokratie. Seit der späten Antike steht dieses Kleidungsstück für den Ausdruck des eigenen jüdischen Glaubens.

Anfangs trugen sie nur die Gelehrten, hauptsächlich zum Gebet. Das Tragen der Kippa verbreitete sich besonders im Mittelalter. Laut dem neuzeitlichen osteuropäischen Rabbiner Turei Zahav war dafür der eigentliche Grund die christliche Gewohnheit, aus Respekt den Hut zu ziehen. Wenn die Christen ihren Respekt mit der Abwesenheit einer Kopfbedeckung bekunden, dann tragen die Juden aus Trotz eine Kopfbedeckung, um ihren Respekt vor Gott auszudrücken.

Jüdische Gelehrte wie etwa der US-amerikanische Rabbiner Hershel Schachter raten Nichtjuden vom Tragen einer Kippa ab, selbst diejenigen, die sich in einem jüdischen Raum wie zum Beispiel einer Jeschiwa, wo die rabbinische Literatur studiert wird, befinden. Wer nicht jüdisch ist und die jüdische Religion achten will, trägt keine Kippa.

Man sollte dabei nicht nur den jüdisch-religiösen Aspekt in Betracht ziehen. Deutschland ist das Land des Holocausts, Deutschland ist das Land, das die Verantwortung für die Ermordung der sechs Millionen Juden und die Zerstörung des jüdischen Lebens in Europa trägt. Viele der Menschen, die an diesem Mittwoch in Berlin "aus Solidarität" mit einer Kippa flanieren werden, sind Nachkommen von Deutschen, die entweder aktiv oder passiv die Nazis unterstützt haben.

Kulturelle Aneignung

Besonders unter den Nachfolgern von Tätern ist es üblich, sich die kulturellen Merkmale von früher unterdrückten Minderheiten anzueignen und sie ihrer originären Bedeutung zu berauben. Dieser Prozess nennt sich kulturelle Aneignung, die in Deutschland zu wenig diskutiert wird, obwohl das Tragen der Kippa von Nichtjuden ein gutes Beispiel dafür ist. Durch eine Aktion wie "Berlin trägt Kippa" verliert die Kippa ihre jüdisch-religiöse Konnotation und wird zu einem neutralen, "deutschen" Symbol.

Auch in dieser Hinsicht könnten die Deutschen von den USA lernen: In dem Land, das von versklavten Schwarzen aufgebaut wurde und in dem bis in die Sechzigerjahre Segregation herrschte, wird es heute immer wieder problematisiert, wenn sich Weiße die schwarze Kultur aneignen und beispielsweise Dreadlocks oder afrikanische Volkstrachten tragen.

Ich finde es bewundernswert, wie schnell viele Aktionen initiiert wurden, die Antisemitismus in der Bundesrepublik verurteilen. Die vielen Solidaritätsbekundungen senden ein klares Zeichen, dass Antisemitismus in Deutschland keinen Platz hat. Aber bitte, lasst die Kippa uns Juden.

Man kann Solidarität zeigen, ohne sich als "Opfer" zu verkleiden. Kommt doch einfach so, wie ihr immer herumlauft: mit Kippot, Kopftüchern, Käppis oder einfach ohne Kopfbedeckung. Letztendlich soll jeder nach seiner Fasson selig werden.

insgesamt 94 Beiträge
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Seite 1
norgejenta 25.04.2018
1. Im grossen und ganzen..
gebe ich diesem Artikel mit Sicherheit recht. Allerdings hab ich da mit einigen Begriffen Probleme. Ich bin natürlich der Nachfolger eines Deutschen der damals gelebt hat. Ob dieser jetzt aktiv oder passiv die Nazis unterstützt hat entzieht sich meiner Kenntnis. Wie in sovielen Familien wurde auch in meiner nicht darüber geredet. Da mein Grossvater im zweiten Weltkrieg gekämpft hat , hat wer wohl mindestens das Naziregime passiv unterstützt. Der Begriff "Nachfolger von Tätern" ist bisschen daneben. Ein Nachfolger ist jemand der von seinem Vorgänger die selbe Position bezieht.. und ich beziehe die ausdrücklich nicht..
anwi0001 25.04.2018
2. Stimme zu
Bis zu den Repräsentanten unseres Staates scheint sich diese Ansicht noch nicht herumgesprochen zu haben: Sind sie hierzulande in jüdischen Einrichtungen zu Gast oder besuchen sie beispielsweise Yad Vashem oder die Knesset, tragen sie immer Kippa. Zwar kann man es durchaus auch als Zeichen des Respekts werten, aber es ist doch etwas anderes, als sich z. B. beim Besuch einer Moschee die Schuhe auszuziehen oder bei budhistischen Tempeln nicht die Türschwelle zu berühren.
fundador 25.04.2018
3. Das habe ich mich auch schon gefragt,
ob man als Nicht-Jude überhaupt die Kippa tragen "darf". Dass sie erfunden wurde, um die "christliche" Sitte, den Hut zu lüften, zu konterkarieren, macht einerseits deutlich, wie absurd manche religiöse Sitten sind. So weit ich weiß, lüftet man den Hut als ferne Reminiszenz des Mittelalters, weil die Ritter im Turnier vor dem Kampf das Visier zu heben pflegten, um ihr Gesicht zu zeigen. Eigentlich hat das also nur bedingt mit dem Christentum zu tun. Danke für die Aufklärung! Andererseits finde ich es genauso absurd, eine Geste der Solidarität als "kulturelle Aneignung" abzulehnen. Wenn man jetzt Judensterne ausgegeben hätte, könnte ich das noch verstehen, aber wenn persische Männer sich z.B. das Kopftuch anziehen, um gegen die Kopftuchpflicht im Iran zu protestieren - ist das dann auch "kulturelle Aneignung"? Die PC nimmt heutzutage schon groteske Formen an.
rockogranata 25.04.2018
4. Ich stimme nicht zu.
Als Jude habe ich gelernt, dass ich den Nachfahren die Verfehlungen ihrer Vorfahren nicht anlasten darf, sondern Menschen unvoreingenommen entgegen treten muss. Ihren Pauschalvorwurf an Deutsche als Nachfahren der Nazis ist unhaltbar. Kippot haben zudem keinerlei Bezug zur Halacha, sondern sind ein traditionell (statt religiös) geprägtes Symbol. Ich freue mich über die Anteilnahme der Nichtjuden und ich bin gerührt von jedem Nichtjuden, der sich auf unsere Seite stellt, unabhängig on seiner Herkunft oder Religion. Mit solchen Texten schaden Sie uns und unserer Sache. Absonderung hat uns sicher nicht beschützt. Ob jemand gerecht ist, ist nicht Sache seiner Religion, wie Sie in Ihren Studien sicherlich auch gelernt haben.
ChristianKnows 25.04.2018
5. Kulturelle Aneignung?
"Viele der Menschen, die an diesem Mittwoch in Berlin "aus Solidarität" mit einer Kippa flanieren werden, sind Nachkommen von Deutschen, die entweder aktiv oder passiv die Nazis unterstützt haben." Ist es nicht umso schöner, dass genau von diesen Menschen der Respekt gezollt wird? Und ja, das sehr wohl aus Solidarität! Ich denke man muss sich nun wirklich keine Sorgen machen, dass die Kippa zur Modeerscheinung wird. Der Vergleich hinkt und ich finde die Aktion sinnvoll, da es die Solidarität deutlich zum Ausdruck bringt.
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