Proteste gegen "Martyrmuseum" Dürfen Terroristen als Märtyrer gezeigt werden?

"Zutiefst schockierend": Weil in einer Kunstschau in Berlin die Bataclan-Terroristen als Märtyrer ausgestellt werden, protestiert die französische Botschaft. Die Empörung war absehbar - neu ist sie nicht.

Der Eingang zur Ausstellung über Märtyrer
DPA

Der Eingang zur Ausstellung über Märtyrer


Mit Befremden habe man erfahren, "dass eine Kunstinstallation (…...) einen der Täter des Terroranschlags im Bataclan vom 13. November 2015 als "Märtyrer" darstellt. Eine solche Sichtweise sei "zutiefst schockierend". Mit einem Statement hat die französische Botschaft auf die Kunstschau "Martyrmuseum" reagiert, die derzeit im Berliner Kunstquartier Bethanien zu besichtigen ist.

Die Ausstellung, die von dem dänischen Künstlerkollektiv "The Other Eye of The Tiger" entwickelt wurde, zeigt unter anderem Martin Luther King, Mohammed Atta, der eines der Flugzeuge in das World Trade Center steuerte, und Omar Ismael Mustafa, einen der Bataclan-Terroristen aus Paris. Unter anderem auch als Nachbildungen zu sehen: ein Ticket des Eagles-of-Death-Metal-Konzerts, bei dem 90 Menschen ermordet wurden, eine verbogene Computertastatur, bedeckt von grauer Asche, wie sie zwischen den Trümmern nach 9/11 hätte liegen können.

Wiedereröffnung des Pariser Musikklubs Bataclan (Archiv)
AFP

Wiedereröffnung des Pariser Musikklubs Bataclan (Archiv)

"Wir wollen möglichst viele Aspekte beleuchten, die einen Märtyrer ausmachen können. Und dazu gehört auch, die Dinge zu verstehen, die wir als böse erleben. Das ist etwas anderes, als zu sympathisieren", sagte einer der Organisatoren, Hendrik Grimbäck, bereits 2016 zu SPIEGEL ONLINE, als die Ausstellung erstmals in Kopenhagen eröffnet wurde.

Auf die Kritik nach dem Umzug nach Berlin reagierten die Künstler in einem Statement, darin heißt es unter anderem: "Die exemplarische Auswahl der ausgestellten Märtyrer diente dazu, aufzuzeigen, wie breit gefächert dieser Ausdruck über die Jahrhunderte hinweg genutzt wurde und wie wandelbar dieser im ideologischen wie geografischen Kontext zum Einsatz kam." Und an anderer Stelle : "(...) Motivationen und Taten werden in keiner Weise verherrlicht. Terroristen werden als Terroristen benannt, Geiseln als Geiseln, Mörder als Mörder."

"Wahnwitzig"

Das Künstlerkollektiv hat bereits Erfahrung mit der Empörung, die ihr Konzept regelmäßig auslöst - und ihnen zugleich Aufmerksamkeit sichert: Als die Schau im Sommer 2016 in Kopenhagen zum ersten Mal gezeigt wurde, gab es breite Proteste. Damals nannte unter anderem der dänische Kultusminister die Idee "wahnwitzig", ein Politiker der liberal-konservativen Regierungspartei erstattete Anzeige. Die Künstler selbst landeten auf den Titelseiten von Dänemarks größter Zeitung, internationale Medien - auch SPIEGEL ONLINE - berichteten.

Wer selbst nachforschte und die Ausstellung besuchte (lesen Sie hier eine ausführliche Besprechung), erlebe, dass gerade im Nebeneinander von unterschiedlichen Ausdeutungen des Märtyrer-Begriffs auch eine Qualität liegen konnte: Wer wird warum von wem zu einem Märtyrer ernannt, welche Bedeutung hat das Konzept des Sterbens für ein vermeintlich höheres Ziel in unterschiedlichen Gesellschaften? Solche Fragen stieß die Ausstellung beim Besucher an. Aber natürlich auch die, ob Terroristen als Märtyrer gezeigt werden dürfen. Oder ob - und wenn ja, warum - auf diese Weise das Gedenken an die, die bei ihren Anschlägen starben, unangemessen instrumentalisiert oder geschmälert wird.

Berliner haben noch bis morgen Zeit, sich selbst ein Urteil zu bilden, danach zieht die Ausstellung um nach Hamburg.


Das "Martyrmuseum" ist im Rahmen des Nordwind Festivals in Berlin bis zum 6. Dezember zu sehen, danach gastiert es in Hamburg im Kulturzentrum Kampnagel zwischen 8. und 16. Dezember.

eth



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