Berliner Ambitionen Die eingebildete Weltstadt

Berlin boomt und zieht immer mehr Touristen aus aller Welt an. Das verleitet seine Politiker zu einem folgenschweren Irrtum: Sie glauben, Berlin sei eine Weltstadt - heute und schon immer gewesen.

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Berlin von oben: Eine Geschichtslüge als Touristenattraktion
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Berlin von oben: Eine Geschichtslüge als Touristenattraktion


Michael Müller ist seit knapp vier Monaten Regierender Bürgermeister von Berlin, jetzt hat er verkünden lassen, wie er die Hauptstadt sieht und künftig in ihrem Zentrum präsentieren lassen will: "Welt.Stadt.Berlin" soll eine Ausstellung im Humboldt-Forum heißen, in dem Schloss-Imitat, das angeblich in vier Jahren im Zentrum der Hauptstadt eröffnet werden soll.

Die Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner wollte den Schloss-Nachbau nie haben, der Bundestag jedoch hat demokratisch anderes entschieden. Das Land Berlin, so ist es schon lange vereinbart, soll im Humboldt-Forum 4000 Quadratmeter bespielen, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz soll den Löwenanteil von 24.000 Quadratmetern bekommen, für Südsee-Boote und andere Objekte ihrer außereuropäischen Sammlungen.

Seit vielen Jahren war geplant, dass die Berliner Zentral- und Landesbibliothek die Berliner Fläche bestücken sollte. Die Bibliothekare konzipierten wacker eine Ausstellung namens "Welt der Sprachen". Diese Pläne, so entschied jetzt der Regierende Müller zur allgemeinen Überraschung, werden eingestampft. Stattdessen will Müller, der im Zweitamt Kultursenator ist, im Humboldt-Forum "erlebbar machen, was Berlin zur Weltstadt werden ließ".

Das Konzept entwickelt hat Tim Renner, der Berliner Staatssekretär für Kultur, ein vormaliger Musik-Manager, der eine gewisse Bekanntheit dafür erlangte, dass er die ost-teutonische Heavy-Metal-Rock-Band "Rammstein" entdeckt hat. Aus seiner Zeit im Musik-Business scheint sich der eingeborene Westberliner eine Neigung zu großmäuligen Public-Relation-Phrasen erhalten zu haben: "Auseinandersetzung mit der globalen Gegenwart und Geschichte in einer großen Inszenierung", heißt es über die geplante Schau, "mit einem kühnen Mix von künstlerischen und kulturhistorischen Objekten, Medien und expressiver Ausstellungsarchitektur".

Ein Einwand vorneweg: Bewohner von wirklichen Weltstädten haben es nicht nötig, ihre Heimat als Weltstädte zu rühmen. Weder in New York noch in Paris oder London gibt es an einem prominenten Ort eine Ausstellung, in der auf der Großartigkeit der Stadt herumgeritten würde.

Minderwertigkeitskomplexe und Größenwahn

Das größere und grundsätzliche Problem beim Konzept der geplanten Dauerausstellung mit wechselnden Elementen aber ist folgendes: Es basiert auf einer Geschichtslüge, denn Berlin war nie eine Weltstadt vom Range Londons oder New Yorks.

Berlin - wegen der späten Gründung des Deutschen Reiches eine zu spät gekommene Metropole - hat im eigenen Land nie die Dominanz von Paris und London erreicht. Auch deren Internationalität nicht. Der französische Literaturwissenschaftler Pierre Bertaux schrieb: "1927, neun Jahren nach dem Waffenstillstand war ich meines Wissens der erste französische Student seit dem Krieg in Berlin." Zu dieser Zeit - Berlin war in den "Goldenen Zwanzigern" angeblich eine kosmopolitische Metropole - betrug der Anteil von Ausländern an der Bevölkerung in Berlin zwei Prozent; und war in Dresden oder München höher.

Der Vergleich mit New York war immer absurd. 1936 kamen in Berlin auf hundert Einwohner ein Auto, in New York auf sechs Einwohner. Ein amerikanischer Reporter schrieb: "Die vergleichsweise kleine Zahl von Kraftwagen in Berlin hilft zu erklären, warum die meisten Straßen dörflich erscheinen."

Die Weltstadtlegende wurde gestrickt, nachdem 1945 alle Ambitionen unter Trümmern begraben waren, als das geteilte Berlin zu einer surrealen Sonderheit mutiert war. Auf beiden Seiten der Mauer befeuerten nun Minderwertigkeitskomplexe den Größenwahn.

"Ein ganz unangemessener Stolz"

Unmittelbar nachdem die Mauer 1989 gefallen war, fantasierten die lokalen Politiker schon wieder von der Weltstadt Berlin. Sie träumten von den Olympischen Spielen und führten die Stadt mit unrealistischen Wachstumsvisionen in die Pleite. Klaus Wowereits großes historisches Verdienst war es, als Regierender Bürgermeister mit dem Weltstadtwahn aufzuräumen. "Arm, aber sexy", hieß sein realistisches Bild der Stadt. Kaum aber ist Wowi im Ruhestand, haben Müller und Renner sich mit der alten Krankheit infiziert.

Schon aufgrund des begrenzten Raums kann die Schau "Welt.Stadt.Berlin" nur peinlich werden, der Zwang zu Vereinfachung, Klischee und Geschichtsklitterung ist übermächtig. So soll die "Narration" heißen: "Berlin ist Vielfalt, Neugier, Entdeckung und Austausch." Wo bleibt dabei wohl die Tatsache, dass in Berlin 1510 alle 38 Juden öffentlich auf einem mehrstöckigen Scheiterhaufen verbrannt worden sind? Wo bleibt Berlin als Stadt der Kleinbürger, dem Kaiser und Hitler treu ergeben? Oder West-Berlin als Heimstatt der Springer-Zeitungen, die opponierende Studenten als "FU-Chinesen" schmähten und Hausbesetzer als "Chaoten" oder "Anti-Berliner".

Es ist eigentlich ganz einfach: In Berlin sind weiterhin Realismus und Bescheidenheit gefordert, im lokalen Idiom: "Ham S'es nicht ein bisschen kleiner?" Das aber durchzusetzen wird nicht einfach, denn der Berliner Weltstadt-Wahn ist eine Krankheit mit langer Tradition. Schon in Meyers Konversationslexikon von 1874 heißt es: "Ein ganz unangemessener Stolz auf Berlin und seine Herrlichkeit ist dem Berliner eigentümlich."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
nofreemen 27.03.2015
1. warum nicht wenn es gut tut
Los Angeles ist das grösste Dorf der westlichen Welt und Berlin ist für Deutsche eine Weltstadt.
ironcock_mcsteele 27.03.2015
2. Beta-Stadt
Andere Weltstädte sind Zentrum des Handels und der Finanzen. Berlin ist nur politische Machtzentrale und die ist künstlich, kann man auch einem Dorf bei Köln übergeben. Für eine Beta-Stadt reicht es, an Deutschland einzige Alpha-Stadt Frankfurt wird Berlin nie rankommen http://en.wikipedia.org/wiki/Global_city
Mach999 27.03.2015
3.
Danke für diese klare Aussage. Ich liebe Berlin, ich lebe in Berlin, ich mag die Größe von Berlin, die Menschen, das Grüne, das Graue, den Dreck und die herausgeputzten Straßen, das riesige kulturelle Angebot, die Museen, die Theater, die Ausstellungen, die Konzerte, die kleinen und die großen Clubs, die Vernissagen und Partys in irgendwelchen Hinterhöfen. Ich will in keiner anderen Stadt leben. Aber als Weltstadt habe ich Berlin nie begriffen, und werde ich Berlin auch nie begreifen. Nichts ist peinlicher, als sich selbst zur Weltstadt hochzujubeln. Man ist es oder man ist es nicht; aber man macht sich nicht selbst dazu. Das ist provinziell.
fd2fd 27.03.2015
4. Einfache Lösung
Berlin muss einfach der Geldhahn zu gedreht werden. Dann ist die Stadt innerhalb weniger Minuten pleite und dort wo sie hingehört - auf den Boden der Tatsachen. Berlin gönnt sich auf Kosten aller anderen (Länder , Gemeinden) freie Kitaplätze, kostenloser ÖPNV für Geringverdiener, riesige Bahnhöfe und Flughäfen. Das muss endlich ein Ende haben. Berlin soll seine Schulden zurückzahlen und dann mit seinem eigenen Geld haushalten. Sämtliche Unterstützungen müssen abgeschafft werden, das gilt auch für andere Länder (Soli). Berlin aber kassiert über den Bund zusätzlich noch 'Hauptstadtförderung'
gekreuzigt 27.03.2015
5. Wie originell.
Berlin-Bashing. Wer das jetzt auch schon mitbekommen hat, arbeitet sicher bei einer wichtigen Illustrierten in D.
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