Berlin Provinzposse um Potter

Da hat Berlin einmal die Chance, sein Image als deutsche Kinohauptstadt zu beweisen, und dann das: Die Stadt verzettelt sich in einem zähen Behördenstreit. Auslöser ist ein riesiges Harry-Potter-Plakat.

Von Carolin Ströbele


Harry, überlebensgroß: Zumindest sein Hinterkopf ist auf dem Plakat zu sehen
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Harry, überlebensgroß: Zumindest sein Hinterkopf ist auf dem Plakat zu sehen

Berlin - Vom berühmtesten Zauberlehrling der Welt ist momentan noch nicht viel zu sehen: Nur einen dunklen Hinterkopf und den Ansatz der berühmten Potter-Nickelbrille erkennt man auf der Fassade des Forum-Hotels am Berliner Alexanderplatz. Man könnte meinen, Harry Potter habe gleich mal einen Zaubertrick ausprobiert und sich teilweise unsichtbar gemacht, um die Passanten zu foppen. In Wahrheit ist der halbe Zauberschüler das sichtbare Zeichen eines wochenlangen Streits zwischen dem Berliner Bausenat und dem Bezirksamt Berlin-Mitte.

Dabei hätte alles so schön sein können: Das Potter-Poster - laut Filmverleih Warner Bros. mit 1200 Quadratmetern das größte Filmplakat aller Zeiten - sollte auf dem Hotel-Hochhaus aufgezogen werden und dort insgesamt drei Wochen lang auf den Deutschland-Start des Harry-Potter-Films hinweisen. Das zuständige Bezirksamt Berlin-Mitte hielt von diesem Vorhaben jedoch wenig und verweigerte der Werbefirma bereits Mitte Oktober die Genehmigung. Ein Plakat dieser Größenordnung verunstalte das Gesamt-Ensemble des Alexanderplatzes und beeinträchtige nahe gelegene Denkmäler wie den Berliner Fernsehturm, hieß es zur Begründung.

Grünes Licht vom Senat

Anderer Meinung war offensichtlich die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung - sie gab den Werbern grünes Licht für die Aktion. Ihr Argument: Als zeitweilige Werbeanlage brauche das Plakat überhaupt keine Baugenehmigung. Mit dieser Rückendeckung machte sich die Firma Multicolor Anfang vergangener Woche ans Werk. Die Arbeiter hatten jedoch nicht einmal ein Sechstel der geplanten Fläche beklebt, als ihnen das Bezirksamt Mitte am vergangenen Freitag buchstäblich den Pinsel wieder aus der Hand nahm. Ein Baustopp wurde angeordnet, außerdem beschlagnahmte das Amt mit polizeilicher Unterstützung vorsichtshalber elf Rollen Plakat-Material.

Laut Bezirksamt ein Schandfleck für den Alexanderplatz: Das Filmplakat auf der Fassade des Forum-Hotels
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Laut Bezirksamt ein Schandfleck für den Alexanderplatz: Das Filmplakat auf der Fassade des Forum-Hotels

Zwei Eilanträge des Werbeunternehmens und des Forum-Hotels auf Fortsetzung der Arbeit wurden am vergangenen Montag vom Berliner Verwaltungsgericht abgeschmettert. Die Entscheidung des Bezirksamts sei rechtmäßig, hieß es. Der überlebensgroße Potter sei keine kurzfristige Werbeanlage, sondern eine Produktwerbung für den Film und damit genehmigungspflichtig. Da keine Baugenehmigung vorliege, sei die Klebeaktion zu Recht gestoppt worden.

"Kleinkariertes Verwaltungshandeln"

Dies muss der Punkt gewesen sein, an dem Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) endgültig der Kragen platzte. In seiner Funktion als Dienstaufsichtsleiter über die Bezirksbauämter wies er die Behörde in Mitte an, die Genehmigung zu erteilen. Als diese sich weiter taub stellte, erklärte Strieder den Fall Potter zum gesamtstädtischen Vorhaben und entzog dem störrischen Bezirksamt kurzerhand die Zuständigkeit.

Wenn sich Berlin als Filmmetropole präsentieren wolle, dürfe es dieses Bild nicht "durch kleinkariertes Verwaltungshandeln" wieder zunichte machen, begründete die Sprecherin des Berliner Bausenats, Petra Reets, die Entscheidung. Der Alexanderplatz sei "nicht nur ein Platz in Mitte", sondern "ein repräsentativer Platz für Berlin". Außerdem handle es sich bei Harry Potter um ein "massenkulturelles Phänomen". Die Romanfigur habe immerhin "Millionen Kinder wieder zum Lesen gebracht".

Am 22. November findet die Deutschlandpremiere von "Harry Potter und der Stein der Weisen" in Berlin statt. Ein Pilgerzug von Potter-Fans will vom Alexanderplatz aus in Richtung Premierenkino starten. Bis dahin wird der Zauberlehrling wohl auch in ganzer Gestalt auf seine Anhänger herabblicken.



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