Kultur

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Streit um China-Gastspiel

Schaubühne muss Dialog mit Publikum streichen

Seit Jahren gastiert die Berliner Schaubühne mit Henrik Ibsens "Volksfeind" an Theatern rund um die Welt. In Peking allerdings bekommt es das Ensemble schon am ersten Abend mit der Zensur zu tun.

Von , Peking

Montag, 10.09.2018   11:05 Uhr

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Henrik Ibsen dachte vermutlich nicht an das China des frühen 21. Jahrhunderts, als er 1882 "Ein Volksfeind" schrieb, sein Schauspiel über Wahrheit, Lüge und die Manipulierbarkeit der Masse. Tobias Veit, der Direktor der Berliner Schaubühne, ahnte, dass Ibsens Stück in China Eindruck machen würde, als er vor ein paar Tagen nach Peking aufbrach. Dass sein Ensemble schon am ersten Abend mit der chinesischen Zensur aneinandergeraten würde, sah er nicht voraus.

"Für das Recht des Einzelnen! Für die Freiheit!", ruft ein Zuschauer während der Vorstellung im Nationalen Zentrum für Darstellende Künste (NCPA) am vergangenen Freitag. Es ist die zweite von drei Aufführungen in Peking. Obwohl die Vorstellung nicht ausverkauft ist, sind seit Stunden keine Karten mehr erhältlich, leere Sitze sind mit Mitarbeitern des Theaters aufgefüllt, im Internet sind alle Einträge gelöscht, die über die Aufführung vom Vorabend gepostet wurden. Es liegt eine gedrückte und zugleich hochgespannte Stimmung über dem Saal.

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Seit sechs Jahren gastiert die Schaubühne mit Ibsens "Volksfeind" in Theatern rund um die Welt, von Melbourne bis Montreal, von São Paulo bis Singapur. Das Stück erzählt die Geschichte des Kurarztes Thomas Stockmann, der einen Umweltskandal entdeckt und daran gehindert wird, ihn öffentlich zu machen - von seinem Bruder, dem Stadtrat, dem Journalisten Hovstad, dem Verleger Aslaksen.

Dialog? Unerwünscht

Das Besondere an Thomas Ostermeiers Inszenierung aus dem Jahr 2012 ist eine Szene, in der die vierte Wand durchbrochen und das Theaterpublikum aufgefordert wird, für oder gegen Stockmann Stellung zu beziehen. "Es kommt bei jeder Aufführung zu einem Dialog zwischen den Schauspielern und dem Publikum", sagt Tobias Veit. So sei es in Moskau und Buenos Aires gewesen, so auch in New York, wo eine lange Debatte über die Aushöhlung der amerikanischen Demokratie folgte - 2014 schon, lange vor der Wahl von Donald Trump.

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In der ersten Vorstellung in Peking, berichtet Veit, habe das Publikum aber noch viel direkter reagiert. Auf Stockmanns Tirade, das ganze Land möge zugrunde gehen, das ganze Volk möge "ausgerottet" werden, habe ein Zuschauer geantwortet: "Hier werden auch Leute ausgerottet." Andere Zuschauer hätten sich offen über die Zensur beklagt, über die Verlogenheit der Presse, über die Vertuschung von Umweltverbrechen. "Wir waren geplättet", sagt Veit.

Noch in der Nacht wurde er ins NCPA zurückgerufen, dort warteten zwei Direktoren des Theaters und stellten ihn vor die Wahl: Entweder die Schaubühne verzichte auf den Dialog mit dem Publikum, oder die beiden noch folgenden Aufführungen stünden auf dem Spiel. "Wir redeten bis halb fünf Uhr früh", sagt Tobias Veit. "Der Ton war von einem unglaublichen Bemühen getragen, eine konsensuale Lösung zu finden."

Zynische Realität Chinas auf der Bühne

Die Leitung des Theaters schien überrascht davon, dass das Publikum in die Aufführung eingebunden wurde. Warum, sei ihm nicht klar, so Veit. Wie bei Dutzenden vorangegangener China-Gastspiele habe die Schaubühne die Veranstalter vorab ausführlich über das Stück informiert und ein Video geschickt. Hatten sich die Verantwortlichen das Video nicht angeschaut? Haben sie übersehen, welche Sprengkraft Ibsens Klassiker im heutigen China entfalten könnte?

Der "Schlammboden von Lüge und Betrug", den Stockmann in seiner norwegischen Kurstadt beklagt - ist das nicht genau die zynische Realität im Zensur- und Überwachungsstaat der Kommunistischen Partei? Erschüttert nicht alle paar Monate ein Umweltskandal das Land?

Das Ensemble der Schaubühne entschied sich, einen Kompromiss einzugehen und eine neue Szene zu entwickeln. In der zweiten Vorstellung am Freitag sagt Stockmann an der zensierten Stelle: "Hier sollte eigentlich ein Dialog mit Ihnen stattfinden." Er schaut tief in den aufgerissenen Mund des Verlegers Aslaksen und dreht sich um zum Publikum: "Aber der Herr Verleger hat keine Stimme mehr."

Dilemma des kritischen Künstlers

In der dritten Aufführung am Samstag stellen sich alle sechs Schauspieler ostentativ an die Bühnenrampe - und schweigen. "Wir wollten unser Publikum nicht einfach nach Hause schicken. Aber es war uns wichtig, kenntlich zu machen, dass hier etwas fehlt", sagt Direktor Tobias Veit. Die Alternative sei gewesen, "verbrannte Erde" zu hinterlassen und "in einen Skandal zu gehen", der dann aber nur in Deutschland hätte offen diskutiert werden können, nicht in China.

Es ist das grundsätzlich nicht aufzulösende Dilemma jedes kritischen Künstlers im Umgang mit der Zensur: Soll man sich beugen und das herrschende Regime davonkommen lassen? Oder verstummt man und sucht - ein Privileg, das in China meistens nur Ausländer haben - das Weite? Es sei gewesen, als hätten "Hühner und Enten miteinander gesprochen", beschrieb ein Besucher den Dialog zwischen den deutschen Schauspielern und ihrem chinesischem Publikum, in einem Post, der kurz darauf gelöscht wurde. Doch selbst ein so schräger Dialog sei nicht falsch, sondern enthülle die Wahrheit. "Wollt ihr Demokratie?" habe ein Schauspieler gefragt. "Das Publikum lachte."

Am Sonntag brach das Ensemble der Schaubühne zur Fortsetzung des Gastspiels ins ostchinesische Nanjing auf. Dort steht eine Debatte zwischen dem Schaubühnen-Dramaturgen Florian Borchmeyer und dem chinesischen Literaturprofessor Lü Xiaoping auf dem Programm. Was die beiden geplanten "Volksfeind"-Aufführungen angeht, schreibt Direktor Tobias Veit, hätten die Veranstalter "freundlich aber klar" darauf hingewiesen, "dass sie die offene Diskussion nicht wünschen".

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