S.P.O.N. - Der Kritiker Mein Feld soll sauber bleiben

Wenn die Berliner am 25. Mai über die Zukunft des Tempelhofer Feldes abstimmen, geht es um viel mehr als nur Wohnungsbau - nämlich um die Frage, wie eine Demokratie das richtige Maß aus Gemeinschaft und Egoismus finden kann.


Berlin, gefeiert, missverstanden, verlacht, Sehnsuchtsort der Nullerjahre, Schauplatz des Hedonismus, internationale Künstlerhauptstadt und Fluchtpunkt für israelische Start-up-Whizkids, spanische Krisenopfer und amerikanische NSA-Exilanten: Berlin ist wieder einmal ein ideologisches Schlachtfeld.

"Denn just in Berlin", schreibt der französische Soziologe Francesco Masci, "vollzieht sich heute die Assimilation der Gesellschaft an die absolute Kultur, gerade hier findet der Kampf um die Austreibung der Politik als einer legitimen Organisationsweise menschlicher Gemeinwesen sein Ende."

Das klingt kompliziert - die "absolute Kultur" ist in diesem Fall der Wust an Bildern, der sich vor die Wirklichkeit der Stadt schiebt: Eine Art pseudobürgerliche Selbstentmachtung, die, und das ist der Trick, wie Teilhabe wirkt.

Ganz konkret bedeutet es, dass die Menschen sich irren, wenn sie ihren Kiez mit der Welt verwechseln oder ihren Kleingarten, selbst wenn er so groß ist wie ein Flughafenfeld, schon für eine politische Utopie halten.

Denn es ist nur ein Teil des Kuchens, den sie sehen; der ganze Kuchen oder gar die Frage, wie der Kuchen gemacht wird oder was in ihm drin ist an Zutaten - interessiert sie nicht mehr.

Direkte gegen repräsentative Demokratie

Und deshalb ist die Frage, die die Berliner sich am 25. Mai selbst beantworten müssen und für die jetzt schon heftig Wahlkampf betrieben wird - heftiger jedenfalls als für die Europawahl, die am gleichen Tag stattfindet -, auch grundsätzlicher, als sie scheint, und über Berlin hinaus von Bedeutung.

Vordergründig geht es bei dem Volksentscheid über die Initiative "100% Tempelhofer Feld" darum, ob dort, wo früher mal die Rosinenbomber landeten und die Stadt vor dem Verhungern oder den Russen retteten und seit ein paar Jahren die Kitesurfer, viele Familien, Jogger, eben Berliner die riesige grüne Freifläche nutzen, ob dort neue, vielleicht sogar neuartige, vor allem aber bezahlbare Wohnungen gebaut werden sollen.

Die Bürgerinitiative sagt: Nein; der Senat sagt: 1700 Wohnungen für kleine und mittlere Einkommen.

Ein klassischer Fall also, so scheint es, von direkter Demokratie gegen repräsentative Demokratie: Bürger gegen Staat - oder doch Bürger gegen Bürger?

Denn das eigentliche Problem reicht ja tiefer und wird an diesem Berliner Beispiel besonders deutlich: Wie findet eine Demokratie, die Elemente der direkten Bürgerbeteiligung will, das richtige Maß aus Gemeinschaft und Egoismus, aus Interesse und Kompromiss?

Anders gesagt: Was macht man als Gesellschaft, wenn die Menschen allzu oft rufen: "Im Prinzip ja - aber ganz sicher nicht hier"?

In Stadtteilen wie Hellersdorf geht der Protest dann gegen Flüchtlingsheime, in Pankow geht es gegen Schulen: Was stört, soll weg.

Und das ist dann eben, im Zeichen der politischen Intervention, eine Absage an die Idee der Politik als gemeinschaftliche Gestaltungsmacht - so formuliert es Masci in seinem gerade erschienenen eindrucksvollen Querschläger-Essay "Die Ordnung herrscht in Berlin".

"In einem urbanen Milieu, das sich ganz und gar der Freizeitunterhaltung verschrieben hat, sind die fiktiven Subjektivitäten mit Ritualen und Praktiken beschäftigt, die nur die Freiheit zum Ziel haben."

Wobei diese Freiheit eine Illusion ist - die Vereinigung der gekränkten Egoismen zu einem Lebensstil ist im Grunde reaktionär, weil sie die Gestaltung verweigert und die Gesellschaft auf eine Gemeinschaft reduziert, "zufrieden mit seiner fiktiven Freiheit in den Ritzen des Wirklichen".

Ästhetischer und politischer Stillstand

Masci stellt die "absolute Kultur" der Politik gegenüber, er beschreibt die Kultur, die ja tatsächlich das ist, worauf sich in Berlin jeder einigen kann, als eine Art Ersatzbefriedigung für die gebildeten Stände - das Stadtschloss etwa ist demnach nicht weniger als der DDR-Palast zuvor eine ideologische Machtdemonstration, die die eigentliche Ohnmacht der Bürger nur kaschiert.

Berlin als emanzipatorischer Ort, so Masci, existiert nicht, denn hier "verbirgt sich nicht mehr länger die Erfahrung von etwas, das außerhalb des Möglichen liegt" - in Berlin "hat sich nicht mehr nur das Individuum, sondern eine ganze Stadt in ein Narrativ verrannt, das die Geschichte unter der unendlichen Stille der Kultur erstickt".

Zum Beispiel die "kritische Rekonstruktion" - ein anderes Teufelswort für den Stillstand Berlins, ästhetisch und politisch, die historische Mitte soll so wieder entstehen: Der Konservatismus unserer Epoche zeigt sich in solchen Ideen - aber eben auch in dem grundsätzlichen Widerstand gegen Veränderung, der allein auf Partikularinteressen beruht.

"Je weiter die Rekonstruktion der Stadt voranschreitet, desto mehr verliert Berlin an Konsistenz", schreibt Masci. Er schreibt aber auch: "Mit jeder neu bebauten Brache gibt die Stadt ein weiteres Stück ihrer Wirklichkeit auf."

Das ist die Spannung, in der sich Berlin befindet und die auch den Volksentscheid vom 25. Mai durchzieht: Die Stadt als fiktives Museum oder Museum der Fiktionen.

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insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
multi_io 25.04.2014
1.
Zitat von sysopWenn die Berliner am 25. Mai über die Zukunft des Tempelhofer Feldes abstimmen, geht es um viel mehr als nur Wohnungsbau - nämlich um die Frage, wie eine Demokratie das richtige Maß aus Gemeinschaft und Egoismus finden kann. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/berlin-und-das-tempelhofer-feld-kolumne-von-georg-diez-a-966096.html
Ich hab's ehrlich nicht ganz kapiert: Wäre für Diez jetzt die Bebauung oder die Nichtbebauung des Tempelhofer Felds Ausdruck des "Konservatismus unserer Epoche"?
blurps11 25.04.2014
2.
Möglicherweise durchschauen die Berliner das Versprechen von den "1.700 Wohnungen für kleine und mittlere Einkommen" auch einfach nur als die dreiste Lüge, die es zweifellos ist. Eine solche Erklärung wäre aber natürlich viel zu einfach und eine Kolumne kann man darüber auch nicht schreiben.
Freewolfgang 25.04.2014
3. Hä?
Wunderschön - ein intellektuelles Kreißen um? Richtig, um Nichts! Es gibt in Berlin viele freie Flächen, Tempelhof ist eine davon. Es geht um eine sinnvolle Nutzung, nicht mehr und nicht weniger. Was in Gottes Namen wird passieren, wenn irgendwann der neue Berliner Flughafen fertiggestellt sein wird, und Tegel geschlossen? Wird dann Georg Diez eine dreimal so lange, dreimal nichtssagendere Kolumne schreiben? Wobei man "nichtssagend" ja an und für sich nicht wirklich steigern kann...
multi_io 25.04.2014
4.
Zitat von FreewolfgangWunderschön - ein intellektuelles Kreißen um? Richtig, um Nichts! Es gibt in Berlin viele freie Flächen, Tempelhof ist eine davon. Es geht um eine sinnvolle Nutzung, nicht mehr und nicht weniger. Was in Gottes Namen wird passieren, wenn irgendwann der neue Berliner Flughafen fertiggestellt sein wird, und Tegel geschlossen? Wird dann Georg Diez eine dreimal so lange, dreimal nichtssagendere Kolumne schreiben? Wobei man "nichtssagend" ja an und für sich nicht wirklich steigern kann...
Der Hitzetod des Universums tritt ein?
ewt 25.04.2014
5. tja...
keiner weiß mehr, was Sache ist, ein Philosoph(?) wird zitiert, ein Artikel geschrieben, journalistisches perpetuum mobile der Selbstvergewisserung - eben typisch Dietzsches post-postmodernes Gesülze...
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