Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gentrifizierung: Berlin schafft sich Stück für Stück ab

Von

Berliner "Wiesenburg": Im Herzen des Roten Wedding Fotos
Peter Wensierski/ DER SPIEGEL

Ein wildes Gelände in Berlin steht vor dem Aus - erneut. Spekulanten greifen nach der "Wiesenburg" im Wedding. Besuch an einem verträumten Ort mit bewegter Geschichte.

Mit den Männern, die neulich unangemeldet im Morgengrauen erschienen und Markierungen aufsprühten, begann die Übernahme. Zutritt verboten, weite Teile des Geländes und der Gebäude gesperrt ab dem 2. April.

Jahrzehntelang schlief das Soziotop "Wiesenburg" im Verborgenen. 7000 Quadratmeter im Herzen von Berlin-Wedding: ein verträumter Ort, den Menschen frei überlassen, eine bewohnbare Ruine, ein Geheimtipp. Bröckelnde Wände, wilder Wein fällt über leere Fensteröffnungen, eine Birke wurzelt in Treppenstufen, geheimnisvolle Türen.

Weil in manchen Räumen das Dach fehlt, scheint die Frühlingssonne durch knospende Bäumchen auf den Mauerkronen. Ein schwedischer Maler aus Stockholm hat hier sein Atelier, Tänzerinnen üben für ihre Auftritte, ein Künstler baut seine Holzskulpturen. Es gibt ein Musikstudio, einen Konzertraum und einen riesigen wilden Garten. Die Hauptstadt hat nur noch wenige Orte, die auf diese Art verzaubern.

Immobilienverwalter hatten das Gelände schon länger im Visier. Jetzt wurde es vom Berliner Trend erwischt, alles aufzuhübschen, zu ökonomisieren und von oben zu bespielen. Beängstigend für die Noch-Bewohner und Nutzer ist dabei das Tempo, das die Verantwortlichen in der Verwaltung einschlagen.

Umstrittene Eigentumsentwicklung

Erst vor wenigen Tagen schickten sie an den Bewohner Joachim Dumkow ein unmissverständliches Schreiben. Kernsatz: "Der Zutritt auf die markierten Flächen ist künftig nicht mehr möglich." Persönliche Gegenstände in diesen Gebäudeteilen seien nach dem 2. April nicht mehr zugänglich. "Mit freundlichen Grüßen degewo." Das kommunale Unternehmen ist die führende Wohnungsgesellschaft der Hauptstadt und mag seine genauen Pläne mit der Wiesenburg noch nicht verraten, jetzt ging es erst einmal um Verkehrssicherungspflichten und Vermeidung von Unfällen. Die Telefonnummer im Brief führt zu einer Hotline, wo man erst mal ein Band mit fröhlicher Musik hören muss.

Die Frage nach einem legitimen Eigentumsnachfolger für den Berliner Asyl-Verein ist formal geklärt, wenngleich bis heute umstritten. Nun gibt es Immobilienspekulanten, die ein Auge auf das Gelände geworfen haben. Anfang der Achtzigerjahre hat Dumkows Familie bereits erfolgreich Versuche abgewehrt, Hochhäuser auf dem Gelände zu errichten. Jetzt droht den Erben und Hütern dieses bedeutsamen Stücks der Berliner Geschichte die Vertreibung.

Joachim Dumkow, oder "Joe", wie ihn die Leute hier nennen, steht mit seinen struppigen Haaren, dem verschmitzten Grinsen und der Harry-Potter-Brille auf der Nase hinter dem Tresen seiner privaten Hausbar. "Besonders zynisch", sagt Dumkow, "finde ich das Motto der degewo im Briefkopf: Mehr Stadt. Mehr Leben."

Genau dafür hätten er und seine Freunde doch gesorgt, dass es auf dem Ruinengelände jede Menge Leben gibt. Dumkow dreht Videos, schreibt Texte und organisiert Kulturevents. Er lädt Freunde in sein Haus ein, führt Besucher über das historische Gelände. "Denn die Wiesenburg ist ein bedeutendes Kapitel Berliner Sozialgeschichte."

Wegweisend bei der Betreuung von Obdachlosen

Ihre Historie beginnt 1868. Damals herrschte in Berlin Wohnungsnot und Armut. Unterkünfte für die Gestrandeten der Industrialisierung, Obdachlosenasyle gab es nicht. Deshalb gründeten wohlhabende Bürger den Berliner Asyl-Verein. Der Plan war der Neubau eines Wohnheims für Arme.

Prominenteste Gründungsmitglieder: der Mediziner Rudolf Virchow, der Fabrikant August Borsig sowie der jüdische Damenmantelfabrikant und Sozialist Paul Singer, Mitbegründer der SPD. Der Verein eröffnete zunächst im Berliner Scheunenviertel, dort, wo heute die Volksbühne steht, ein erstes Asyl. Im Vorstand saßen viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde mit Nachnamen wie Hirschfeld, Aron oder Cohn.

Der Asyl-Neubau an der Weddinger Wiesenstraße wurde ab 1870 als "Wiesenburg" in ganz Berlin bekannt. Es lag im Herzen des "Roten Wedding" und war das größte und fortschrittlichste Asyl in ganz Deutschland. Es gab weder Verpflichtung zur Arbeit noch zur Teilnahme an Gebeten. Anders als in der Berliner Schrippenkirche wurde ein Betsaal bewusst ausgespart. Niemand musste sich ausweisen, bis 1910 hatte die Polizei kein Zutrittsrecht. Für Asylanten galt das Prinzip Anonymität.

Die "Wiesenburg" war nicht nur bei Obdachlosen beliebt, sondern auch bei Wanderarbeitern, Erntehelfern und Dienstmädchen. Rudolf Virchow setzte Hygiene als Gesundheitsvorsorge durch, noch heute stehen die Schornsteine, die einst das Badewasser für bis zu 1100 Bewohner erhitzten. Die Speisen stammten oft aus Spenden.

Das Gelände war wegweisend in der Betreuung von Obdachlosen. Bis 1914 bot man hier den Menschen kostenlose Unterkunft und täglich eine warme Mahlzeit. Neu war, dass die Asylsuchenden in der "Wiesenburg" nicht als öffentliches Ärgernis begriffen wurden, dem man durch Härte und Ausgrenzung abhelfen wollte. Hier galten die Ärmsten der Stadt als Menschen, die vor allem eines brauchten: Hilfe. Alljährlich übernachteten mehr als 300.000 Personen auf dem Gelände. Jeder durfte baden, duschen oder Kleider waschen. Es gab auch eine Bibliothek.

Eingesperrte Zwangsarbeiter im Kellersystem

Während der Weimarer Republik besuchten viele Literaten und Politiker die "Wiesenburg" für Milieustudien: Rosa Luxemburg, Hans Fallada, Carl von Ossietzky, Erich Kästner, Heinrich Zille. In manchen ihrer Texte und Geschichten spielt die "Wiesenburg" eine Rolle, etwa in Tucholskys "Im Asyl". 1930 drehte Fritz Lang den Film "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" auf dem Gelände. Einer der benutzten Filmscheinwerfer ist dort zurückgeblieben.

Bis 1933 diente es der jüdischen Gemeinde als Heim. Dann schlossen die Nazis das Asyl. Von nun an wurden hier rote Fahnen mit schwarzen Hakenkreuzen im weißen Kreis gedruckt. Die Reste der Färbebehälter kann man noch besichtigen. Insgesamt nächtigten über 2,4 Millionen Menschen in der "Wiesenburg". 1944/45 wurde sie durch Bombenangriffe weitgehend zerstört. Ein Hausmeister, der während der NS-Zeit auf dem Gelände lebte, berichtete von Zwangsarbeitern, die im umfangreichen Kellersystem des Asyls "wie die Tiere eingesperrt" gewesen seien - und dort offenbar ermordet wurden.

Joachim Dumkow ist auf dem Gelände aufgewachsen. Hier hat er jahrelang gespielt, kennt jeden einsturzgefährdeten Winkel, jeden losen Backstein, die meisten Geheimnisse des 6000-Quadratmeter-Kellers. Im villenartigen einstigen Verwaltungsgebäude wohnt er mit Freunden, seinem Bruder und seinen Eltern. Seine fast 80-jährige Mutter ist die Nachfahrin eines der jüdischen Stifter.

Kulisse für die "Blechtrommel"

Die Geschichte der "Wiesenburg" ist seit mehr als 60 Jahren eng mit seiner eigenen Familiengeschichte verbunden: Sein Großvater hat hier als "Asylhausknecht" gearbeitet, zuständig für Kohlen, Warmwasser und Einlass. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zogen seine Mutter und andere ausgebombte Familien in das einzige erhalten gebliebene Gebäude. Der Rest des Geländes blieb Kriegsruine.

Diese Atmosphäre nutzten in den Siebzigerjahren die Regisseure Volker Schlöndorff und Rainer Werner Fassbinder. Schlöndorff drehte hier Szenen der "Blechtrommel", Fassbinder Teile seines Films "Lili Marleen". 1978 wurde hier auch für Hans Falladas Buchverfilmung von "Ein Mann will nach oben" gedreht.

Dumkow hat die Ruine mit ihren verwunschenen Ecken Jahr für Jahr vom Schutt befreit und, wo es ging, befestigt. Er organisierte Ausstellungen, die sich mit der Geschichte des Ortes künstlerisch auseinandersetzten. Fotografen kommen mit ihren Models und machen im alten Gemäuer stundenlange Fotosessions.

An diesem Mittwoch empfängt die Wiesenburg noch einmal Gäste - auf eigene Gefahr.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: