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15. Februar 2013, 15:40 Uhr

S.P.O.N. - Der Kritiker

In deutschen Adern Eiswasser

Eine Kolumne von Georg Diez

Kalt wird es, wenn Deutsche sich an Kunst versuchen, das zeigt sich wieder auf der Berlinale. In den Beiträgen des Gastgeberlandes werden Langeweile als Triumph der höheren Kunst und schlechte Laune als tieferer Sinn gefeiert. In solchen Werken wohnt die Angst einer traumatisierten Generation.

Es ist ja immer wieder ein Rätsel, warum Deutsche so sind, wie sie sind, und warum sie tun, was sie tun. Von außen schauen sie meistens ganz normal aus, aber in ihren Adern fließt Eiswasser.

Auf der Berlinale war das mal wieder zu sehen. Da macht ein Regisseur wie Thomas Arslan, der in Deutschland und in der Türkei aufgewachsen ist, einen Film wie "Gold" über deutsche Auswanderer in Amerika am Ende des 19. Jahrhunderts - und selbst in diese Fremde und Weite nimmt er die Düsternis, die Depression und die Kälte eines Berliner Februarmorgens mit.

Nicht verstanden, nicht gemocht

Sie sind verhärmt und ausgezehrt und leer, die Schauspieler, deren Ritt durch die Berge auf der Suche nach Gold eher wirkt wie die Strafexpedition einer deutschen Stadttheatertruppe - und verfolgt werden sie auch noch von einem grausamen Regie- und Drehbuchgott, der ihnen keinen eigenen Willen lässt und ihnen keine Freiheit gönnt und sie gnadenlos seine Gedanken entlang patrouillieren lässt, Hügel auf, Hügel ab, spannungslos bis zur Selbstentleibung: Das ist das alte deutsche Spiel von Langeweile als Triumph der höheren Kunst, das ist das alte deutsche Missverständnis, dass schlechte Laune schon tiefer Sinn ist, das ist der alte deutsche Künstlerstolz, dass es auf jeden Fall besser ist, wenn man nicht verstanden und nicht gemocht wird.

Warum ist das so? Quentin Tarantino hat in "Django Unchained" gerade gezeigt, wie man Vergangenheit und Gegenwart, Gewalt und Poesie, Musik, Mythos und Landschaft, Gesichter, Blut und Biografien verschmilzt und daraus ein extrem heutiges Kunstwerk schafft - was das Scheitern von "Gold" besonders offensichtlich und traurig macht. Aber in diesem Scheitern kann man sich dann natürlich wieder, als Regisseur und auch als Branche, irrsinnig bequem einrichten, kann sich unverstanden fühlen, kann ideologische Debatten starten und sich auch nächstes Jahr wieder von der Degeto Geld holen und sich von der Berlinale einladen lassen.

Man kann sich ärgern, dass diesen "besonderen" Film wieder nur 20.000 Zuschauer im Kino sehen wollten, kann sich wundern, dass auch im Fernsehen später nur wenige einschalten, kann laut fragen "Ja wollt ihr denn lieber nur dieses Til-Schweiger-Kino?!" - und gar nicht merken, wie tief man damit selbst im deutschen Denksumpf steckt: Es gibt nur Gut oder Böse, es gibt nur Kultur oder Schmutz, es gibt nur Qualität oder Quote, das ist immer noch das Mantra eines Landes, das den Schock, die Tat, das Unheil von 33/45 nicht verwunden hat.

Die Enkelkinder der Schulddeutschen

Wie auch? Es sind ja vor allem die Enkelkinder der Schulddeutschen, die jetzt Filme machen, Theater machen, Bücher schreiben und Bilder malen: Lauter Eiswasserdeutsche, denen die Angst eingepflanzt wurde, weil sie den Kältetod ihrer eigenen Eltern erlebten - davon erzählt Oskar Roehler in seinem so autobiografisch eindrucksvollen wie herzhaft missglückten Film "Quellen des Lebens", ein Epos, das durch Größe und Länge etwas bezwingen will, das sich nicht bezwingen lässt: den eigenen, den deutschen Dämon.

Roehler erzählt sein Leben, mehr oder weniger, der eine Großvater ist Nazi, der andere Bonze, die Mutter eine linke Schriftstellerin und Megäre, der Vater ein linker Schlappschwanz und Macho, Roehler zeigt sich hier stellvertretend für all die anderen hilflosen Wesen seiner Generation, die in einem Netz von Verstrickungen zappeln, die nicht mal ihre eigenen sind, die sich frei wähnen, nur weil sie jung sind, und die doch ahnen, dass die Bande von Schuld und Schweigen in ihnen Verwüstungen angerichtet haben, für die sie keine Worte finden.

Und deshalb schweigen sie, schweigen wie ihre Großeltern. Und deshalb halten sie den Kopf immer schön unten, so wie ihre Großeltern gelernt hatten, den Kopf immer schön unten zu halten. Und deshalb simulieren sie Kunst, so wie ihre Großeltern Leben simuliert haben.

Sturz in die tiefen Löcher der Drehbücher

Roehlers "Quellen des Lebens" ist ein Film, der im Scheitern gelungen ist - was so viel angenehmer und aufregender ist als etwa der andere deutsche Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale, "Layla Fourie", der so gezwungen wirkt, so sehr auf Gelingen getrimmt, dass er scheitern muss: Und zwar auf eine Art und Weise, die symptomatisch ist, weil die Regisseurin Pia Marais, Tochter einer Schwedin und eines Südafrikaners, eigentlich an einem ganz anderen Ort, Südafrika, mit einer ganz anderen Story, alleinerziehende Mutter und Autounfall, die gleiche Geschichte erzählt wie "Gold".

Es ist die Geschichte vom Triumph einer Ästhetik der Leere und der Langeweile, es ist die Geschichte der Angst vor den Explosionen des Emotionalen, es ist die Geschichte von künstlerischer Selbstgerechtigkeit, weil in diesem Film die Bilder einen Kosmos und eine Welt vorgaukeln, die echt sein könnte, und die hanebüchenen Twists der Handlung doch nur zeigen, dass das schlimmste Schicksal, das deutsche Regisseure für ihre Figuren parat haben, möglicherweise ein Sturz in die tiefen Löcher ihrer Drehbücher ist.

Vor der Berlinale wurde darüber diskutiert, ob "Layla Fourie" nun ein deutscher Film ist, nur weil deutsches Geld darin steckt und Pia Marais in Berlin Film studiert hat - wenn man den Film gesehen hat, kann man sagen: Dieser Film ist so deutsch wie die Kälte, die in ihm steckt. Er ist so deutsch wie die Kunstanstrengung, die aus ihm spricht. Er ist so deutsch wie die Willkür, mit der Menschen in eine Geschichte gezwängt werden, die nicht ihre ist, immer noch nicht, wie auch.

Warum also ist das alles so? Warum diese Sprachlosigkeit, diese Ödnis, diese Erstarrung und Erschöpfung? Eine mögliche, abseitige Antwort hat auf der Berlinale ausgerechnet ein Film gegeben, der von zwei Kindern und ihrer Mutter erzählt, den Musikern Martha und Rufus Wainwright und der vor ein paar Jahren früh verstorbenen kanadischen Folksängerin Kate McGarrigle, ein Konzertfilm, der in den Liedern das Leben von Kate McGarrigle aufscheinen lässt - und sehr schön zeigt, was das Singen alles sein kann: Wie man aufeinander hört, wie man einander und die Welt wahrnimmt, wie man aus dieser Wahrnehmung Musik und Text formt, die wieder auf die Welt zielen, weil sie von Bäumen im Herbst handeln und doch die Liebe meinen.

"Sing Me The Songs That Say I Love You" heißt dieser Film, der auch von den Anfängen der Kunst erzählt, vom Schreiben als Weltzugang etwa, und er ist natürlich überhaupt nicht mit all den anderen Filmen zu vergleichen, von denen hier die Rede war. Aber trotzdem. Irgendwo in diesem Film und vor allem in diesen Songs steckt etwas, das in diesem Land fehlt, das den deutschen Filmen oft fehlt, den deutschen Romanen, vielleicht sogar dem deutschen Theater und der deutschen Kunst. Ein Ton, eine Wachheit, eine Poetologie des Alltäglichen, ein Gespür für Genauigkeit, eine Selbstreflexion, die sich nicht dafür schämt, dass sie bis an den Rand des Narzissmus geht, eine Direktheit der Sprache und auch der Empfindungen, die aus dem Verständnis entsteht, wie interessant das Leben ist, das man beschreiben kann.

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