Berlinale on Ice Bringt Spikes mit!

Die Hauptstadt gleicht einem winterlichen Bootcamp, die Berlinale empfiehlt ihren Besuchern fürsorglich festes Schuhwerk. Reinhard Mohr fragt sich, was hinter dem eisigen Ausnahmezustand steckt: Setzt Bürgermeister Wowereit etwa auf den Slogan "Superglatt, aber sexy"?


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Berlinale-Wetter: Superglatt, aber sexy!
Berlin - Schon immer waren die Berliner Filmfestspiele, traditionell im Wintermonat Februar platziert, nichts für Warmduscher und Weicheier. Vier, manchmal fünf Filme am Tag, eimerweise Kaffee, wenig Schlaf, Unmengen an Alkohol (und Zigaretten), durchgeweichte Sandwiches und immer wieder Anstehen in der Kälte. Jeder hustende Sitznachbar wird da zum großen Risiko, und wenn dann noch die Filme schlecht waren, blieb als Hoffnungsschimmer eines besseren Lebens allenfalls der kurz erhaschte Blick auf einen coolen Hollywood-Star. Die anschließende Grippe hat das meist nicht verhindert.

Pünktlich zum 60. Jubiläum der Berlinale jedoch beliebte es der Vorsehung - in Zusammenarbeit von Natur und Berliner Senat -, sich eine noch härtere Herausforderung auszudenken. In ganz Berlin hat sich in den vergangenen Wochen eine furchterregende Melange aus Schnee, Eis, Matsch, Ruß und Kohlenmonoxid ausgebreitet, die sich mit jedem Tag eisiger Kälte weiter verfestigt. Neunmal dichter als normaler Schnee, so berichten Experten, ist dieser glasierte Überzug, der die Bürgersteige der Stadt zu einer betonharten und gemeingefährlichen Eisfläche macht. Die Macher der Berlinale empfehlen den Besuchern auf ihrer Homepage fürsorglich "festes Schuhwerk" und "angemessene Winterkleidung".

Längst sind die Krankenhäuser voll mit Patienten, die sich die Sprung- und Handgelenke gebrochen haben, den Oberschenkelhals, die Schulter oder die Hüfte. Die Chirurgen der Stadt sind im Dauereinsatz, und die Notarztwagen sausen pausenlos durch die Straßen, begleitet vom herzerweichenden Quietschen der zahllosen durchdrehenden Autoreifen beim Versuch, aus der vom Eis umschlossenen Parklücke herauszukommen.

Berlin gleicht einer Expeditionslandschaft

Wer sich dann immer noch nach draußen wagt, ist inzwischen kaum schlechter ausgerüstet als Reinhold Messner bei der dramatischen Erstbesteigung des Nanga Parbat. Schwerste Bergschuhe mit jahrelanger Alpinerfahrung werden da mit Skihandschuhen und rutschfester Oberbekleidung kombiniert, und das Vermummungsgebot ist de facto aufgehoben.

Die mutigen Einzelkämpfer auf den Berliner Rutschbahnen schauen sich bei kurzem Blickkontakt oft sprachlos in die Augen, so als könnten sie nicht glauben, was ihnen da widerfährt. Jeder Schritt will präzise gesetzt sein wie beim Aufstieg in der Eigernordwand, und dennoch kann in jedem Sekundenbruchteil der Ernstfall eintreten - der Sturz.

So ist die ganze Stadt eine einzige Expeditionslandschaft ohne Gefahrenzulage und Schlechtwettergeld, ein winterliches Bootcamp für Metropolenbewohner. Jeder Weg muss exakt geplant, überflüssige Erledigungen wie Weinkauf und Q-Tip-Nachschub müssen verschoben werden.

Berlin wäre aber nicht Berlin ("Be Berlin!"), wenn strafverschärfend nicht noch ein hübscher kleiner Warnstreik dazu käme: An diesem Dienstag etwa streiken die tapferen Kollegen der Berliner Verkehrsbetriebe, nachdem die S-Bahn auch ohne Streik schon zur Dauerkatastrophe geworden ist. Der akute Ausfall von U-Bahn- und Busverbindungen fordert nun eine noch härtere Marschplanung. Hier und da werden schon Biwaks im Tiergarten erwogen, und dem Vernehmen nach sollen sich erste Seilschaften gebildet haben. In den Sportgeschäften sind derweil die flexibel montierbaren Spikes-Sohlen ausverkauft.

Sind die 68er schuld?

Unterdessen beginnt, im Debattenland Deutschland unvermeidlich, die Ursachenforschung: Hätte man nicht voraussehen können, dass der Winter Eis und Schnee mit sich bringt, zuweilen sogar mehrere Wochen lang? Hat uns die Diskussion über die Klimaerwärmung und die Allgegenwart von Heizpilzen vergessen lassen, dass die Natur immer noch macht, was sie will, trotz Kachelmann & Söhne? Am wichtigsten aber: Warum räumt niemand mehr den Schnee vor den Häusern weg? Nach grober Schätzung sind es nicht einmal zehn Prozent der Hauseigentümer, die ihrer einschlägigen Pflicht nachkommen.

Sind die 68er schuld, die Schneeräumen immer schon als Abgrund eines faschistoiden Spießertums, als Unkultur eines verspäteten Nazi-Blockwartwesens demaskiert haben? Oder der rot-rote Senat unter Klaus Wowereit, von dem man in diesen Tagen auch nichts hört und sieht - bis zur feierlichen Eröffnung der Berlinale, versteht sich? Fehlt er also doch, der gute alte Abschnittsbevollmächtigte aus seligen DDR-Zeiten, der immerhin für Ordnung rund ums Haus gesorgt hat?

Aber womöglich ist der eisige Ausnahmezustand wieder nur eine geniale Werbung für die deutsche Hauptstadt. Berlinale on Ice - superglatt, aber sexy!

Soll uns Cannes mit seinen blöden Palmen doch gestohlen bleiben und erst recht Venedig, diese Ansammlung singender Gondolieri! Berlin und seine Berlinale dagegen sind der Gipfel: der Mount Everest unter den Filmfestivals der Welt. Der Rest ist die richtige Ausrüstung.

It's all about being prepared!

Völker der Welt, Besucher der Berlinale: Schaut auf diese Stadt! Bringt Steigeisen mit und Spikes, Kletterschuhe und Haken, Mützen und Helme - und Ihr werdet ein unvergessliches Erlebnis haben.

Versprochen! Just be Berlin!



insgesamt 24 Beiträge
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Ernst49 09.02.2010
1. Aufs Glatteis führen
Wir sollen aufs Glatteis geführt werden. Und wir lassen uns das gefallen!
Frank Wagner, 09.02.2010
2. Irre
Hier in Potsdam siehts genau so aus..und witzig finde ich das gar nicht mehr. Offenbar gibts keine Streu- und Räumpflicht. Bereits der Weg zum Auto ..runde 30 Meter..ist lebensgefährlich glatt. Einkaufen und ähnliches erst recht, die Fußwege bestehen teilweise dutzende Meter weit nur noch aus spiegelblankem Eis, das kaum noch weg zu kriegen ist. Wäre ja auch zu einfach gewesen den Matsch wegzuschieben als es getaut hat. Besonders lustig sind die Deppen, die versuchen die Sache mit Granualt "abzustumpfen". Dann rollt und rutscht das Zeug gleich noch mal so gut. Man man man
peeka, 09.02.2010
3. Das Vermummungsgebot...
...ist also de facto aufgehoben? Da ist Möhrchen wohl doch die Burkadiskussion ins Oderstübchen gezogen.
cybernic 09.02.2010
4. Da fehlt der Zwang zur Kehrwoche !
Also hier im Schwabenländle (Stuttgart) klappt das mit dem Schnee- und Eisräumen ganz hervorragend. Die sonst allseits so verhasste Kehrwochenpflicht führt zu einer recht verletzungsarmen Fortbewegung in diesen Wochen. "Let's Putz!" - der Wahlspruch unseres allseits geschätzten Oberbürgermeisters - führt zu einer weitaus geringeren Belastung der Krankenkassen und zu anhaltender Produktivität durch ausbleibenden Krankenstand. So dient der Süden unserer Republik einmal mehr als Stützpfeiler des ansonsten maroden und durch die hohe Berliner Arbeitslosenquote eh schon schwer belasteten Sozialsystems.
Rochus 09.02.2010
5. Tja, die Hauptstädter, wenn's Spikes nicht auf Hartz4 gibt,
Zitat von sysopDie Hauptstadt gleicht einem winterlichen Bootcamp, die Berlinale empfiehlt ihren Besuchern fürsorglich festes Schuhwerk. Reinhard Mohr fragt sich, was hinter dem eisigen Ausnahmezustand steckt: Setzt Bürgermeister Wowereit etwa auf den Slogan "Superglatt, aber sexy"? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,676793,00.html
können die nicht mal Winter. Schaut Euch mal die taffen Hamburger an http://marotte.de/AlsterGefroren/slides/Eistraum.html
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