Berliner Amtsdeutsch "Liebesumzug" statt "Love Parade"?

Berlins Innensenator hat eine neue Sprachregelung erlassen. Zum Schutz der deutschen Sprache müssen Berliner Staatsdiener künftig Fremdwörter vermeiden. Und dürfen neues Amtsdeutsch schaffen.

Von Holger Kulick


Der Duden wird wichtigste Verwaltungs-Suchmaschine: Was dürfen Beamte statt Callcenter sagen? Oder anstelle von E-Commerce?
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Berlin - Berlins Innensenator Eckart Werthebach mausert sich mehr und mehr zum Berliner Senator für politische Kultur. Nicht nur, weil er das Happening Love Parade immer noch als "politische Demonstration" in seiner Zuständigkeit behält - ohne dass er sich entscheiden kann, wann und wo die Raver diesmal laufen dürfen.

Der konservative Innensenator feiert auch noch einen anderen Erfolg. Im Berliner Senat hat Werthebach jetzt durchgesetzt, dass die Geschäftsordnung für die Berliner Verwaltung geändert wird - zum Schutz der deutschen Sprache. Die 140.000 Berliner Beamten werden angewiesen, auf Fremdwörter und vor allem Begriffe aus der englischen Sprache zu verzichten. Love Parade im Behördenbescheid heißt dann möglicherweise Liebesumzug.

Beamte sollen deutsche Sprache weiterentwickeln

Konkret geht es allerdings eher um Ausdrücke wie "Outsourcing" oder "Facility Management", die den Senator stören, die Begriffe Ausgliederung oder Gebäudemanagement gebe es doch schließlich auch. Mit seinem Reinheitsgebot der Verwaltungssprache will Werthebach offensichtlich die Globalisierung im Sprachgebrauch bremsen, denn "der Öffentliche Dienst trägt eine wichtige Verantwortung für den Bestand und die Weiterentwicklung der deutschen Sprache", begründet Werthebach seine Position. Sanktionen gegen widerborstige Beamte gebe es allerdings nicht.

Vorkämpfer für ein deutsches Sprachschutzgesetz: Berlins Innensenator Eckart Werthebach (CDU) macht ernst.
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Vorkämpfer für ein deutsches Sprachschutzgesetz: Berlins Innensenator Eckart Werthebach (CDU) macht ernst.

Wörtlich schreibt der neue Passus in Paragraf 49, Absatz 2 der Verwaltungsgeschäftsordnung den Staatsdienern vor:

"Fremdsprachliche Ausdrücke (auch aus dem angelsächsischen Sprachraum) sind grundsätzlich nur zu verwenden, soweit es aus fachlichen Gründen unumgänglich ist und die Verständlichkeit insbesondere gegenüber dem Bürger nicht beeinträchtigt wird. Die Verwendung fremdsprachlicher Ausdrücke scheidet insbesondere dann aus, wenn geeignete deutsche Wörter vorhanden sind oder solche bei neuen Sachverhalten aus vorhandenen Wortfeldern ohne besondere Schwierigkeiten gebildet werden können".

Amtsdeutsch wird nicht kritisiert

Mit der Schlussformulierung erteilt Werthebach praktisch einen Freibrief für Neuschöpfungen, wie es das Amtsdeutsch so liebt. "Dabei ist die Behördensprache das Problem" reagierte die Sprecherin des Berliner Stadtentwicklungssenators Peter Strieder in der Lokalpresse der Weltstadt. Auch die Wissenschaftsverwaltung lästerte, wie wichtig es doch sei, international unter www.science.berlin.de erreichbar zu sein und nicht unter dem weltweit ungeläufigeren Begriff Wissenschaft.

Schmökern statt surfen

Dabei stößt die Umgangssprache der Computergeneration offenbar auf besondere Abneigung im Innensenat. Werthebachs Sprecher Hartmut Rhein beklagte gegenüber SPIEGEL ONLINE, wie unsinnig es doch sei, Screen statt Bildschirm oder User statt Anwender zu sagen. In der Behördensprache käme es zwar nicht vor, aber auch "surfen" im Internet sei doch eigentlich überflüssig. "Schmökern" treffe das Herumlesen im Netz doch viel mehr...



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