Berliner Bemerkungen Wie Le Pen Berlins Akademie der Künste aufmischte

Namhafte Künstler der Berliner Akademie der Künste warnen vor einem populistischen Rechtsrutsch in Europa. Aber mit ihrer Erklärung haben sie sich schwer getan.

Von Holger Kulick


Nur im zweiten Anlauf zu kritisieren getraut: Jean-Marie Le Pen
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Nur im zweiten Anlauf zu kritisieren getraut: Jean-Marie Le Pen

Berlin - Am vergangen Freitag wurde in Berlin Richtfest gefeiert. Die Akademie der Künste empfing die politische und kulturelle Prominenz der Berliner Republik nebst Bundesinnenminister um ihrem gläsernen Neubau am Brandenburger Tor den Richtkranz aufzusetzen. Nicht nur ein Kunstforum, sondern auch ein innovativer, streitbarer Debattenort für politische Kultur soll hier entstehen. Wie schwer sich die Akademie aber mit Streitbarem tut, bewies sie sogleich in ihrer nachfolgenden Mitgliederversammlung.

Dort wurde der Antrag gestellt, dass sich die Akademie auch mahnend in die Debatte um Frankreichs überraschenden Rechtsschwenk einschalten sollte. Denn in Europa gerieten demokratische Werte und Zusammenhalt in Gefahr. Aber die alten Männer der Akademie scheuten sich, mehrheitlich mit mindestens zwei Drittel ein solche Einmischung in die Tagespolitik zu betreiben.

Dennoch existiert inzwischen solch eine Erklärung, die aber nicht mit den Worten beginnt"Die Mitglieder der Akademie der Künste sehen..." oder "Die Akademie der Künste sieht...", sondern nur mit "Mitglieder der Akademie der Künste sehen...".

Unterschriftenliste statt Resolution

Denn ihrer müden Mitstreiter müde brachten mehrere Mitglieder eigenständig eine Erklärung zu Papier, die sie unter ihren Kollegen kursieren ließen, aber nicht mehr zur Abstimmung stellten. Darin sehen sie "in den Ereignissen der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl eine weitere Warnung vor dem drohenden Verlust des demokratischen Zusammenhalts Europas. Nach Österreich, Italien und Dänemark sind auch Deutschland, Belgien, der Schweiz, Holland, Ungarn und jetzt für uns alle sichtbar in Frankreich ernstzunehmende Kräfte am Werk, die auf das Herz der europäischen Demokratie zielen".

Insbesondere die Künstler Jochen Gerz und Klaus Staeck haben diese redliche Erklärung forciert, denn "vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts und den hier anstehenden Wahlentscheidungen" betrachten sie es "als Aufgabe der Akademie der Künste in Berlin, zu politischem Engagement aufzurufen, ohne dass Demokratie nicht lebensfähig ist." Schließlich sei "mit Gleichgültigkeit und Wahlabstinenz der Vormarsch des rechten Populismus in Europa nicht zu stoppen".

Aber dies formulierten die Künstler jetzt nur noch als Appell und Unterschriftenliste und siehe da, plötzlich erhielten sie wieder mehr Zuspruch, als zuvor auf dem offiziellen Teil ihrer intellektuellen Ständeversammlung.

Mitunterzeichner: Akademiepräsident György Konrad
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Mitunterzeichner: Akademiepräsident György Konrad

Spontan setzten mehr als 40 Akademiemitglieder ihre Unterschrift unter den Schlusssatz: "Wir solidarisieren uns mit den Künstlerinnen und Künstlern in Frankreich, die ihre Stimme gegen Le Pen erheben." Darunter sogar Akademiepräsident György Konrád. Daneben reicht die Liste der Unterstützer von Volker Braun bis Peter Zlonicky, über Rolf Hochhuth, Hartwig Ebersbach, Barbara Klemm, Matthias Flügge, Ruth Zechlin, Marwan, Peter Esterházy, Ivan Nagel, Rolf Szymanski, Dieter Appelt, Alsonso Hüppi und andere mehr, die auf diese Weise für eine neue Bereicherung von Berlins politischer Kultur sorgten. Nicht mit einer Erklärung der Akademie der Künste, sondern aus der Akademie. War das schon die Innovation?



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