Berliner Boulevard-Theater Mit Waffelngewalt

Der Berliner Wedding gilt als Proll-Kiez mit vielen Problemen und wenig Zukunft. Zum Glück hat der Stadtteil eine herrliche Boulevard-Bühne: Im Primetime-Theater spielte man gestern einen Western zwischen Klamauk und Kritik.

Von Daniel Haas


In der Stadtteilfamilie Berlins sitzt der Wedding am Katzentisch, ein Stiefkind, auf das die schicken Bezirke wie Mitte oder Prenzlauer Berg herunter schauen. Hier, im Westen der Stadt, hält man sich mit Döner, Dosenbier und Arbeitsamtbesuchen schadlos, während die im schnieken Osten Galerien eröffnen und Latte Macchiato schlürfen.



So will es zumindest die Hauptstadtfolklore, die in ihre Klischees mindestens so vernarrt ist wie in deren Demontage. Der Schauspieler und Theaterleiter Oliver Tautorat ist so ein postmoderner Spaßmacher, der die Stereoytpen bestätigt und ihre Logik gleichzeitig mit Ironie und Scharfsinn hintertreibt. Sein Primetime Theater, ein kleine Weddinger Privatbühne, findet sich gegenüber dem Arbeitsamt, zwischen Automatencasino und Pfandleihaus, und lässt keine Zweifel darüber aufkommen, dass der Kiez zugleich Standort und Thema des Projektes ist.

Gestern gab es die Premiere von "Der Schatz im Plötzensee", nach der Theatersoap "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" die neue Produktion, in der wieder wild die Begriffe Klasse, Rasse und Geschlecht so lange durcheinander gewirbelt werden, bis sich die politische Inkorrektheit zur korrekten Form politischen Theaters aufgespielt hat.

Angriff der Prenzlonen

Denn das ist dieses wunderbare Trash-Spektakel: ein brüllwitzelnder Kommentar zu den Fragen des Frau-, Mann- und Schwulseins, zur Integrations-Misere und natürlich wie - jedes gute Drama - auch einer zu moralischen Kategorien wie Ehre, Anstand und Mut. Das Ganze wird serviert als Western-Travestie; es geht um einen Sheriff (Tautorat), der mit Indianern und schwulen Cowboys gemeinsame Sache macht, um einen Schatz zu heben. Hinzu kommen diverse Interessengruppen wie Witze erzählende Saloon-Schlampen, nihilistische Priester und zwanghafte Schurken.

Die indianischen Knallchargen heißen Prenzlonen, und jeder Weddinger freut sich, wie hier die Prenzlauer-Berg-Bewohner als therapeutisch-weichgespülte Schickis auftreten. Die Bewohner des Brokeback Mountains leben buchstäblich am andern Ufer und fürchten sich vor "Waffelngewalt", die Weddinger Cowboys heißen Murat, ihre Pferde GTI. Im Saloon wartet ein Dönerspieß auf Kunden, ab und zu kommt eine vermummte Hexe mit sächsischem Akzent vorbei. Am Ende gibt es ein türkisches Liebesheldenpaar mehr und einen schwarz gekleideten Bösewicht weniger.

Während sich auf den etablierten Hauptstadtbühnen die Bourgeoisie zwischen Tennessee Williams und Ibsen mühsam auf den ideologischen Prüfstand hievt, tänzelt man in der kleinen wohnzimmerartigen Bühne locker durch die habituellen Lager. Die feministische Squaw scheitert mit ihrer Verbrüderungsagenda beim schwulen Viehhüter; der Macho-Sheriff stolpert übers Selbstbewusstsein der Saloon-Frau, die kein Haus von ihm haben will, "weil ich schon eins habe!".

Identität und kulturelle Standpunkte sind eine fragile Sache, und wenn fünf Darsteller dreimal so viele Personen spielen, kann in jeder Figur auch schon ihr Counterpart enthalten sein. Constanze Behrends tritt als tuckige Ärztin, Cowboy-Domina und lesbische Hooligan auf, Tautorat als türkischer Gesetzeshüter und Indio-Therapeut mit gruppendynamischer Erfahrung. Vor dem Feind, dem stylischen Killer Blackhand (Martin Klemrath), der so geradewegs aus einer Mitte-Boutique kommen könnte, hält man aber zusammen.

So sieht das Selbstbewusstsein der Marginalisierten aus: ein heiterer Reigen aus Klischees und Kuriositäten, die die Liebe zum eigenen Kiez bewegt. Fernab von den großen, breit subventionierten Häusern wird im Primetime-Theater auf schmalem Grat zwischen Klamotte und Kunst balanciert. Manchmal ist es von den wortverspielten Albernheiten der Prenzlonen nur ein kleiner Schritt zum Diskurstheater René Polleschs oder den Aberwitzen Jonathan Meeses. Und dann ist man schon wieder mittendrin in der nächsten Klimbim-Nummer, dem nächsten Dick-und-Doof-Klamauk.

Der Wedding, sonst eher Kulisse für die Verfallsszenarien von Berliner Gangsta-Rappern, hat hier seine eigene Comedia dell'arte bekommen: Nonsens mit No-Nonsens-Attitüde, Quatsch, ohne verquatscht zu sein. Der Unterschichten-Look, aus Geldmangel zum Stilprinzip geworden, wird so zur ironiefähigen Ästhetik umgemünzt: Man spielt vor Fototapeten, weil’s billiger ist - und weil die bürgerlichen Träume sich bei den meisten sowieso in einem unverbauten Seeblick erschöpfen.

So gesehen wird tatsächlich ein Schatz gehoben: der der Selbstironie. Applaus!



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