Berliner Clubkultur Auf dem Weg zur Entertainment-Maschine?

Immer mehr alternative Clubs werden in Berlin durch aggressive Stadtplanung verdrängt. Unternehmer und Untergrund sind sich jedoch einig: Berlin braucht den subkulturellen Nährboden dringend - nicht zuletzt als Standort-Anreiz.

Von Gunnar Luetzow


Zwischen dem schicken neuen Mitte-Standard am Hackeschen Markt und dem halb abrissreifen, halb phantasievollen Zustand des "Eimer" am oberen Ende der Rosenthaler Straße und dem Habitus seiner subkulturellen Nutzer liegen Welten: Hier in Dolce und Gabbana zu Kruder und Dorfmeister loungen, dort in Arbeitsklamotten zu Drum and Bass abgehen; auf der einen Seite die Dotcom-Jünger mit ihren i-Macs, auf der anderen die "elektronautischen Interflieger" inmitten ihrer selbstgeschweißten Stahlschrottkunst.

Wie viele andere Clubs von der Schließung bedroht: Subkultur-Stätte "Maria am Ostbahnhof"
Christoph Eckelt

Wie viele andere Clubs von der Schließung bedroht: Subkultur-Stätte "Maria am Ostbahnhof"

Doch als wäre die Gegend südlich der Torstraße noch nicht glatt genug, wäre einer der letzten Off-Off-Orte Berlins unlängst beinahe vom Stadtplan verschwunden: In der Nacht vom 27. auf 28. Juni statteten 16 behelmte Beamte der Berliner Bereitschaftspolizei und zwei Fahnder des Berliner Landeskriminalamtes dem "Eimer" während der "After Sozialamt Lounge" einen überfallartigen Besuch im Auftrag des Bezirksamtes/Wirtschaftsamtes Mitte-Tiergarten ab. Sie fanden allerdings alles andere als das vermutete "Gewerbe mit Absicht der Gewinnerzielung" vor: Von den anwesenden sechs Besuchern gaben zwar zwei zu, fünf Mark Eintritt bezahlt zu haben, aber die dürften wohl nicht einmal annähernd die Kosten der aus London eingeflogenen Underground-Band decken, die zu einer öffentlichen Aufnahme-Session in den "Eimer" gekommen war.

Obwohl erst im April bei einer Begehung durch das zuständige Bauamt eine Erlaubnis für die Anwesenheit von bis zu 50 Personen erteilt worden war, entdeckte ein Mitarbeiter des Stromversorgers Bewag rechtzeitig Brandgefahr. Mit dieser Begründung wurde nicht nur der Strom abgestellt, sondern auch von der Hausverwaltung Bewoge ein neues Schloss angebracht.

Die elf über Jahre hinweg geduldeten Nutzer dieses weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannten und denkmalgeschützten Ortes, die normalerweise einzeln hätten herausgeklagt werden müssen, standen daraufhin nun vor der Tür und mussten beim Wiederbetreten mit einer Anzeige wegen Hausfriedensbruchs rechnen. Aktuell heißt es seitens der Wohnungsbaugesellschaft Mitte, dass man weiter über einen Nutzungsvertrag verhandele, und dass die Nutzer auch seit kurzem wieder Zutritt hätten.

Doch selbst wenn es den "Eimer"-Leuten gelänge, mit der WBM einen Vertrag auszuhandeln, würde das keine langfristige Nutzung sichern, denn auch andere Interessen sind im Spiel: So hat die Cubus Liegenschaften GmbH sich nicht nur durch ein abgeschlossenes Investitionsvorrangsverfahren und den Erwerb der Rechte der Alteigentümer den "Eimer" gesichert, sondern auch die bisher unbebauten Nebengrundstücke erworben, um dort einen Wohn- und Gewerbekomplex zu errichten.

Der "Eimer" ist jedoch nicht der einzige bedrohte Berliner Club: Die "Maria am Ostbahnhof" muss Ende Oktober schließen, "Pfefferbank" und "Subground" sind ebenfalls noch vor Jahresende dran, "Ostgut", "Deli" und "WMF" stehen auch schon auf der Liste, das "103" ist bereits Geschichte.

Auch wenn in Berlin Untergrund und Unternehmer ansonsten wenig miteinander zu tun haben - in einem Punkt ist man sich einig: Sollte das drohende große Clubsterben Wirklichkeit werden, verspielt die gebeutelte Stadt vollends ihre Zukunft. Marc Wohlrabe, Sprecher der Berliner "Club-Commission", Herausgeber des "Flyer" und Initiator der "Berlin-Beta", erklärt: "Die Frage ist, wie sehr in Zukunft Clubs noch kulturelle Anstöße geben können. Durch die fortschreitende Sanierung und Verteuerung der Immobilien sind immer mehr Clubmacher gezwungen, die künstlerische Arbeit zu Lasten einer perfekten Entertainment-Maschine in den Hintergrund treten zu lassen, damit das Ganze überhaupt finanziert werden kann. Die Stadt muss sich fragen, ob sie Veranstaltungsorte haben will, die ausschließlich auf seichten Fun angelegt sind - oder geht es ihr auch um Orte, die avantgardistischer und stärker inhaltlich arbeiten wie beispielsweise "Maria", "WMF", "Ostgut" und "Tresor"?"

Darüber hinaus verweist Wohlrabe auf die Bedeutung der Clubszene als weicher Standortfaktor: "Unternehmen, die in den letzten Jahren nach Berlin gekommen sind, kommen hierher, weil junge Leute gerne hier leben. Und die schätzen die Stadt nicht, weil wir hier drei Opern haben und hochsubventionierte Musicaltheater, sondern weil hier in den letzten zehn Jahren experimentelle Orte entstanden sind, die auch über Berlin hinaus Trends gesetzt haben. Deswegen kommen doch jetzt die Internet- und Medienunternehmen. Wenn die Clubkultur stirbt, dann schneidet sich Berlin ins eigene Fleisch." Seine Forderung an die Stadt ist daher die Einrichtung eines Boards, das zwischen Liegenschaftsverwaltern, Investoren und Clubbetreibern vermittelt und befristete Zwischennutzungen derzeit leerstehender Gebäude ermöglicht. Diese Lösung ist so wünschenswert wie realistisch - um den Fortbestand des "Eimer" allerdings dürfte es weniger gut bestellt sein. Zwischen den 27 bis 29 Mark pro Quadratmeter, die nach Auskunft des "Eimer"-Sprechers Peter Rampazzo nach der Sanierung zu zahlen sein werden und der zusätzlich zu den Betriebskosten angebotenen symbolischen einen Mark als Miete für das gesamte Gebäude liegt ein ganzes Universum.

"Eimer im Exil" - Werkschau im Kunsthaus Tacheles: 13. und 14.7. ab 22.00 Uhr



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