Berliner Design-Festival: Traumwohnungen für alle!

Von Ingeborg Wiensowski

Schöne Möbel für alle! Auf dem 9. Berliner Design Festival zeigen professionelle Designer ihre Entwürfe - und die Besucher können sich ansehen, wie sie die "Hartz IV"-Möbel des Architekten Le Van Bo selbst bauen können. Die Anleitungen dafür gibt es kostenlos im Internet.

2003 startete das Berliner Design Festival klein und bescheiden in Geschäften, Manufakturen und Ateliers - heute ist die Ausstellungsfläche 14.000 Quadratmeter groß. Im Flughafen Tempelhof zeigen sowohl "neue Talente als auch etablierte Designer und Firmen" Möbel, Interior Accessoires, Leuchten, Industriedesign und "zukunftsweisende, multidisziplinäre Projekte".

Das hört sich schwer nach einer Möbelmesse an, aber immerhin nach einer, deren Aussteller von einer Jury ausgewählt worden sind. Ansonsten gibt es einen Länderschwerpunkt (Finnland), einen Themenschwerpunkt (Kopie versus Inspiration) und Talks, Diskussionen, Workshops. Zudem öffnen rund 50 Designer ihre Büros und Ateliers für Besucher; auf der Website von dmy-berlin findet man alle Adressen mit kurzen Beschreibungen etwas versteckt unter "Satelliten".

"Traumwohnung für alle"

Eines der Projekte ist eine "Hartz IV Wohnung" mit selbstgebauten Möbeln. Entworfen hat sie der Berliner Architekt Le Van Bo, der mit zwei Jahren als Flüchtlingskind aus Laos nach Deutschland gekommen ist. Er erinnere sich gut daran, wie es ist, mit wenig Geld zu leben, sagt er, und dass er von einer "Traumwohnung für alle" träume. Und da es mehr Menschen mit gutem Geschmack als mit viel Geld gebe, habe er Möbel zum Selberbauen entworfen.

Schöne Möbel aus gutem Material für alle, das war auch das Anliegen des Bauhauses, aber weil die Möbel der Bauhäusler heute so teuer sind, dass die meisten Menschen sie sich nicht mehr leisten können, habe er den Gedanken in seinen Vorschlägen wieder aufgegriffen. In seinem 24-Euro-Sessel zum Beispiel sei viel von Mies van der Rohe oder Gerrit Rietveld zu finden und auch von Erich Diekmann, dem Bauhaus-Tischler.

Zur kostenlosen Nutzung hat er seine Entwürfe ins Netz gestellt, mit ein paar Bedingungen. Für die Pläne seines Sessels muss man ein Foto des fertigen Sitzmöbels an ihn schicken, das er ins Netz stellt, für die Sofa-Bauanleitung soll man fünf Fragen beantworten, zum Beispiel die nach der Stadt, in der man baut.

Ein Selbstwert-Projekt

Ansonsten gibt es nur die Bedingung, dass man seine Möbel- Entwürfe selbst bauen muss. So einfach ist das aber nicht. Einen Hocker oder den "Piscator Tisch" kriegt man hin, aber für den "Kreuzberg 36 Küchenstuhl", das "SiWo-Sofa" für die Single-Wohnung und den 24-Euro-Sessel sollte man Handwerker-Erfahrung haben. Le Van Bo kam auf die Idee, als er einen Tischlerkurs in der Volkshochschule belegte. Es sei ein Hochgefühl gewesen, etwas selbst gebaut zu haben, das habe ihn stolz gemacht, sagt er. Dieses Gefühl wolle er Menschen vermitteln, die ein Erfolgserlebnis brauchen - als eine Art Selbstwert-Projekt.

Damit das ganze nicht in Frust umschlägt, sollte man sein Möbelstück unter Anleitung bauen, am besten in einem Volkshochschul-Wochenend-Kurs, den es zumindest in Berlin direkt für den Hartz-IV-Möbelbau gibt. Wer dort sein Möbel mit den eigenen Händen gebaut habe, der entsorge es so schnell nicht wieder, sagt Le Van Bo, und damit habe er dann auch noch etwas anderes erreicht - der Konsum- und Wegwerfgesellschaft etwas entgegen gesetzt.

Wie die Möbel in einer WBS 70-Standard-Einzimmerwohnung aussehen und wie man sie am besten auf den vorgeschriebenen 21 Quadratmetern platziert, zeigt Le Van Bo anlässlich des Festivals in der Open Design City im Betahaus. Ein komplettes Einrichtungs-Set für das eigene Appartement können die Besucher gleich vor Ort selbst bauen. Natürlich unter Anleitung.


DMY International Design Festival 2011. Berlin, ehemaliger Flughafen Tempelhof. 1.-5.6.;
Hartz IV Wohnung. Berlin. 1.-5.6., Open Design City, Betahaus.

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