Berliner Dokumentar Forum: Glotzt nicht so authentisch!

Von Wolfgang Höbel

Noch nie war das Dokumentarische im Film, in der Literatur und Kunst so populär wie heute - und noch nie war so fragwürdig, was "echt" und "evident" ist. Prominente Kunstschaffende und Fachleute wollen mit dem Berlin Documentary Forum neue Klarheit erringen - schaffen aber eher fröhliche Verwirrung.

Berlin Documentary Forum: Tote in Fantasy-Uniform Fotos
Ronald Feldman Fine Arts

Das großteils junge Publikum lachte laut heraus im großen Saal des Berliner Hauses der Kulturen der Welt, als dem Dokumentarfilmer der Geduldsfaden riss. "Haut ab, ihr Saububen!", schimpfte der Filmemacher Michael Mrakitsch da im süddeutschen Singsang, weil ihm in der ostafrikanischen Stadt Dschibuti immer wieder Kinder vor die Kamera liefen, gleich zu Beginn des 1973 entstandenden Films "Djibouti oder Die Gewehre sind nicht geladen - nur nachts". Die Szene offenbarte aufs Schönste, dass auf Erkundung gehende Dokumentarfilmer auch mit vermeintlich neutralem Blick nicht einfach draufhalten können auf die Welt, sondern gestaltend (und in diesem Fall laut schimpfend) eingreifen, um sich und denen, die ihre Filme ansehen, ein eigenes Bild zu zimmern von der Wirklichkeit.

Wie subjektiv Dokumentarfilmer oft vorgehen, mag seit Michael Moores und Al Gores Kinoerfolgen jedem schlaueren Kinobesucher klar sein. "Aber die Erwartungen an das Dokumentarische, scheinbar objektives, wahres Wissen zu vermitteln, sind geblieben", sagt Hila Peleg. Warum das so ist, das will die Ausstellungs- und Filmemacherin mit dem ersten Berlin Documentary Forum erhellen, das noch bis Sonntag im Haus der Kulturen der Welt Filme Performances, Vorträge und Diskussionsrunden präsentiert: Unter anderem treten hier gleich zwei ehemalige Chefs der Kasseler Documenta, Okwui Enwezor und Catherine David, als Kuratoren mit je einer eigenen Veranstaltungsreihe an.

Peleg, die in Tel Aviv aufgewachsen ist und in Berlin lebt, hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, die "wachsende Bedeutung von dokumentarischen Praktiken in Bildender Kunst, Performance, Literatur und Film" zu belegen.

Na gut, im Zeitalter von Facebook und Photoshop sind wir es gewohnt, dass Künstler ihr eigenes Leben als never ending Bastelarbeit und ewiges Projekt begreifen und mit Bildverfremdung und scheinbarer Unmittelbarkeit spielen, der libanesische Performancekünstler Rabih Mroue aber lud am Mittwochabend zu einer verblüffenden Reise in die Styling-Welt arabischer Märtyrer ein. Mroue projiziert Poster aus Beirut an die Wand, die beispielsweise an Straßenlaternen hängen und kommunistische oder radikalislamische Heldengestalten zeigen. Wie ein Kriminologe spürt er Details auf wie jenes, dass alle Toten-Porträts einer Kämpfergemeinschaft am Computer in dieselbe Fantasy-Uniform eingepasst wurden. "Ich glaube, das hat etwas zu bedeuten", sagt Mroue, der in eleganten Sätzen formuliert und süffisant lächelnd auf der Bühne an einem Tisch und vor seinem Computer sitzt, "aber was?"

Auf Antworten ist niemand scharf

Gut, dass wir nachgefragt haben! Möglicherweise offenbart Mroues sehr vergnüglicher Auftritt eine kleine Schwäche dieses Festivals, die von den Machern als Stärke verkauft wird. Hier werden fortwährend "Fragen aufgeworfen", Gedanken "zur Diskussion gestellt" und "Spannungsfelder ausgemessen". Fragen sind es, die alle interessieren. Auf Antworten dagegen scheint niemand besonders scharf zu sein.

Natürlich ist das insgesamt ein Stilprinzip der zeitgenössischen Kunstwelt, dass stets "hinterfragt" und "untersucht", aber kaum je zu Ende gedacht und ausformuliert wird. Und doch bleibt zumindest beim Start des Documentary Forum in Berlin allzu vieles im Ungefähren, erscheint das ungehemmte Aneinandervorbeireden als prägender Eindruck der ersten Panels. "Ob es eine Krise des Dokumentarischen gibt, interessiert uns nicht", sagt der ungeheuer smarte Okwui Enwezor zum Beispiel in einer Diskussionsrunde, "und wir reden auch nicht über eine Krise der Bilder. Wir reden über die Bedingungen, unter denen wir eine Darstellung als dokumentarisch wahrnehmen." Sehr verklausuliert, aber auch sehr klug benannte Enwezor da in seiner Lektion über die "Rules of Evidence" die Spielregeln der Evidenz, Glanz und Gloria des Festivals: Hier wird Forschungsarbeit betrieben, ohne auf Ergebnisse besonders erpicht zu sein.

Umso dankbarer ist man für die raren Momente der Konkretion, wenn Enwezor sich beispielsweise in seinem Programmtext über Robert Capas berühmtes Foto aus dem Spanischen Bürgerkrieg äußert, dass einen tödlich getroffenen Milizionär zeigt: "Alle modernen Debatten der dokumentarischen Fotografie werden in diesem Bild vorweggenommen", behauptet Enwezor

Der aus München stammende und in Brüssel lebende Filmemacher Florian Schneider präsentiert als einer von Enwezors Kuratoren-Kollegen drei Filme des fast vergessenen Fernseh-Dokumentaristen Michael Mrakitsch, der im März im Alter von 80 Jahren starb. Der wurde einst von der "Süddeutschen Zeitung" als "Dostojewski des Dokumentarfilms" gerühmt, in Berlin laufen unter anderem seine sogenannten Irrenhausprotokolle "Drinnen ist es wie draußen, nur anders" von 1983. In seiner Einführung in die Arbeiten Mrakitschs wies Schneider auf das Nervtötende, Abstoßende, Erschreckende dieser Filme hin, das scheinbar allen heutigen Moden im Filmgeschäft zuwiderläuft, und verstieg sich zu der schönen These: "Schlechte Filme sehen immer gleich aus. Gute dagegen wirken mit jedem Mal, die wir sie sehen, verschieden."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Ich fordere handfeste Ergebnisse!
olegkatzig 09.06.2010
Herr Höbel, ich teile Ihre Kritik, dass das fachübergreifende Forum zu unterschiedlichen Formen des Dokumentarischen keine handfesten Erkenntnisse geliefert hat. Es ist schrecklich ermüdend und anstrengend sich zu diesen komplizierten Diskussionen, Performances, Screenings und Theaterstücken eigene Gedanken machen zu müssen. Warum kann nicht einfach in einem Satz erklärt werden, wie kollektive Schuld im Holocaust in Kunst und Film verhandelt wird? Ist das so schwer? Sie könnten das, da bin ich mir sicher. Da lobe ich, wenn jemand schreibt, wie es ist und ich nicht selber denken muss, das tut ja bekanntlich weh. Ich will einfach wie in der Grundschule Merksätze aufschreiben. Spiegelonline hat es einfach drauf und produziert eindeutige Wahrheiten und Ergebnisse; Respekt. Wozu bitte schön immer diese Perspektivenvielfalt?
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