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Berliner Einheits-Denkmal: Ehrlich verschaukelt

Es ist vollbracht: Die deutsche Wiedervereinigung bekommt ein Denkmal. Zehn Millionen Euro soll die goldene Wippe kosten. Aber was will uns das Kunstwerk "Bürger in Bewegung" sagen? Immerhin: Es ist unfreiwillig realistisch, meint Stefan Kuzmany.

Einheitsprotz: Gedenken in Gold Fotos
DPA/ Milla&Partner

Ach ja, die deutsche Einheit. Es ist schön, dass wir sie haben. Deutschland einig Vaterland, das klingt gut und richtig, seit über 20 Jahren schon, obwohl kaum jemand so richtig daran glaubt, dass das Land tatsächlich zusammengewachsen ist. Tief ist nach wie vor die Kluft zwischen den Ostlern und den Westlern, kulturell, politisch, ökonomisch. Die Mauer aus Beton mag längst verschwunden sein - die vielzitierte Mauer in den Köpfen jedoch hat über die Jahre nur wenige Risse bekommen.

Damit der beklagenswerte Zustand der deutschen Einheit nicht allzu deprimierend auf den Gemütszustand des Volkes durchschlägt, muss das Jahrhundertereignis der Wiedervereinigung regelmäßig gebührend gefeiert werden, muss regelmäßig bekräftigt werden, was für eine tolle Sache das doch damals war und immer noch ist. Es ist ein wenig wie in einer nicht besonders glücklichen Ehe: Für die Kinder und die Nachbarn wird so getan, als sei alles in bester Ordnung. Na, wie läuft's bei euch? Wunderbar, keine Probleme! Schaut her, wir haben uns sogar einen neuen Couchtisch gekauft, aus Glas und mit Goldrand. Schön protzig, wir können es uns ja leisten.

Warum eigentlich "Wir sind ein Volk"?

Jetzt soll die deutsche Einheit also ein Denkmal bekommen. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat verkündet, dass die Suche nach einem geeigneten Entwurf nach jahrelangem Gezerre endlich ein Ende hat: Umgesetzt werden soll nun das Konzept der Stuttgarter Architekten Milla und Partner und der Berliner Künstlerin Sasha Waltz. Es handelt sich dabei um eine riesige güldene Schale, auf der, damit es auch ja niemand vergisst, die Worte "Wir sind das Volk" stehen werden, ergänzt noch mit der Präzisierung: "Wir sind ein Volk". Der Clou des Entwurfs ist seine Beweglichkeit: Versammeln sich genügend Menschen auf der einen Seite der Schale, neigt sie sich. Das Denkmal ist eine große Wippe. "Bürger in Bewegung" nennt sich das Einheitsmonument - womit wohl auch die Frage beantwortet wäre, warum das Verkehrsministerium an der Entscheidung beteiligt war. Sinnfreie Interaktivität liegt ja im Trend: Auch im Holocaust-Mahnmal kann man Verstecken spielen, ohne sich allzu viele Gedanken über seine Bedeutung machen zu müssen.

Man könnte nun fragen, warum angesichts einer prekären Haushaltslage zehn Millionen Euro für eine goldene Wippe ausgegeben werden sollen, während wenige Kilometer weiter in Schulklassen der Putz von den Wänden bröckelt.

Man könnte fragen, ob nicht das angemessene Denkmal der deutschen Einheit eine Mauer wäre. Eine Mauer, aus der jedes Jahr ein Stein entfernt wird, bis sie irgendwann verschwunden ist - in vielen Jahren erst. Das wäre realistisch.

Man könnte fragen, warum ausgerechnet der Slogan "Wir sind ein Volk" dort stehen soll, der ja nicht originär der DDR-Bürgerbewegung zuzuordnen ist, jedenfalls nicht im Sinne der Wiedervereinigung. "Wir sind ein Volk!" riefen die Demonstranten erstmals am 9. Oktober 1989 in Leipzig - nicht etwa, weil sie sich der Bundesrepublik anschließen wollten, sondern um zu verhindern, dass DDR-Bürger in Uniform auf DDR-Bürger auf der Straße schießen. Recht schnell wurde der Spruch dann von der CDU und der "Bild"-Zeitung aufgegriffen und verdrängte "Wir sind das Volk". Aus einer Bewegung zur Reform (und damit zum Erhalt) der DDR wurde eine Bewegung zur Abschaffung der DDR gemacht.

Eine gelungene Metapher für die Wiedervereinigung

Dennoch ist der Entwurf als gelungen zu bezeichnen. Denn, wenn auch wohl unfreiwillig, beantwortet das Denkmal alle Fragen auf geradezu erfrischende Art und Weise selbst.

Der Einsatz des Spruchs "Wir sind ein Volk" schreibt für kommende Generationen die wiederholte und offensichtliche Vereinnahmung der DDR-Bürgerbewegung für die Wiedervereinigung fest. Wenn die Kosten sich nach den geplanten zwei Jahren Bauzeit unweigerlich auf zwanzig Millionen verdoppelt haben werden, wird das an die Kosten der Wiedervereinigung gemahnen. Wenn nach erfolgter Fertigstellung im Wippbetrieb die ersten Denkmalsbesucher zermalmt werden, erinnert das an die vielen durch die Wende abgebrochenen Biografien - nicht von DDR-Funktionären, sondern von ganz normalen Ost-Arbeitnehmern, die im neuen System niemals Fuß fassen konnten. Und vielleicht fühlen die Denkmalsbesucher ähnlich wie die DDR-Bürgerrechtler beim Vollzug der Einheit: Sie werden verschaukelt.

So gesehen ist "Bürger in Bewegung" das ehrlichste Denkmal, das sich der Wiedervereinigung errichten lässt.

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insgesamt 157 Beiträge
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1. Etwas mehr...
emmelmann 14.04.2011
Ich hätte mir da etwas mehr erwatet. Etwas mehr zum inne halten, kolossaler, beeindruckender…
2. Notwendig
bunterepublik 14.04.2011
Das Denkmal ist notwendig. Und 10 Millionen Euro ist ja jetzt nicht die Welt. Und letztlich ist das Denkmal in seiner angedachten Form getreu dem Stile der Bundesrepublik erfreulich bescheiden. Ich find es super.
3. Laserlight love.
favela lynch 14.04.2011
Es ist grauenhaft und völlig frei von jedem künstlerischen Wert. Es ist Gimmick gewordener Konsens. Wir dürfen auch nicht vergessen, wer es zu verantworten hat. Eine Event-Agentur. Niederträchtiger kann man mit der großen historischen Leistung tatsächlich nicht umgehen. Absolut würdelos. Aber: Es spiegelt perfekt unsere Kultur des Minderwärtigen wieder. Show. Natürlich. Der Fall der Mauer war ja auch nur eine Show. Und ist nicht etwa der Krieg die größte Show von allen. Laserlight love.
4. geile Ödflächen
eiffe, 14.04.2011
mmmmh, ich liebe baumfreie betonierte Ödflächen. Da knallt im Sommer die Sonne so richtig schön drauf, im Winter weht der Wind volle Kanne. Wie man deutsche Städte so kennt wird dann auch alles mit Graffiti und Kaugummis vollgemüllt. Berlin zieht Dreck ja sowieso schon automatisch an. Und in 20 Jahren wird die Bausünde dann wieder teuer abgerissen. Naja, hauptsache die Baubranche ist beschäftigt.
5. fern jeglicher Realität
dieMegamaschine, 14.04.2011
Es ist nicht "unfreiwillig realistisch" sondern freiwillig unrealistisch. Das war keine Wiedervereinigung mit gleichberechtigten Partnern, sondern eine feindliche Übernahme, von der Sowjetunion abgekauft. Die DDR wurde der BRD angegliedert, das wird jetzt immer gern verschwiegen. Und ausgenommen, wie eine Weihnachtsgans. Siehe Treuhand. Und als neuer Absatzmarkt dazugewonnen. Wir Ostdeutsche haben ein Übel mit dem anderen Übel nur ausgetauscht. Mit so einem Denkmal soll der kritische Blick auf die jetzige Gesellschaft verstellt werden. Nicht mit mir. Und ich bin kein "Verlierer der Einheit". Ich will auch nicht die DDR zurück haben. Ich verschließe nur nicht die Augen vor der Realität, was leider viele immer noch tun.
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