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Berliner Gallery Weekend Wohlfühl-Kunst mit Störfällen

Zum Gallery-Weekend in Berlin laden 44 Galerien den internationalen Kunst-Jet-Set ein und bieten mit Kunst und Cocktails eine Rundumversorgung der Sammler und der Szene. Auch Störfälle wie die Schau des umstrittenen Künstlers Santiago Sierra sind eingeplant.

In Deutschland führt der Feuerwehrmann das Ranking der beliebtesten Berufe an, ganz am Schluss kommt der Politiker. In Berlin rangiert vor dem Politiker auf jeden Fall ein Künstler, Galerist oder ein Museumschef, denn diese Berufssparte sorgt in der Hauptstadt für ein kostenloses Freizeit- und Bildungsprogramm, das seinesgleichen sucht: jedes Wochenende Ausstellungseröffnungen in Galerien (mit Freibier) und Museen. Jede Menge Kunst wird zudem, oft von Künstlern selbst, in temporär genutzten Räumen organisiert. Dazu gibt es private Ausstellungsräume wie die kleine Kunsthalle Koidl, für die der Unternehmer Roman Maria Koidl ein völlig verfallenes Umspannwerk von 1928 in Berlin Charlottenburg zu einer Kunsthalle umgebaut hat.

Vor sieben Jahren hat sich die Galerien-Szene zusammengetan, um ihre Kräfte zu bündeln - erfunden wurde das Gallery Weekend. Damals wurde von Galeristen ein Verein mit Vorstand gegründet, der bis heute entscheidet, wer als wirklich bedeutende Galerie im Frühjahr dabei sein darf, wenn Sammler und Kuratoren aus der ganzen Welt nach Berlin eingeladen werden.

Cocktails, Kunst und ausgesuchte Kollegen

Vom 29. April bis zum 1. Mai ist es wieder soweit: 44 Galerien, fünf davon sind zum ersten Mal dabei, eröffnen am Freitag ihre Ausstellungen, haben auch Sonntag auf, zahlen für die konzertierte Aktion je eine vierstellige Summe, laden ihre Gäste am Freitag zu Kleingruppen-Abendessen und am Samstag zum gemeinsamen Dinner an einem besonderen Ort ein.

Hauptsächlich geht es natürlich um die Kunst. Und die hat internationales Niveau: Max Hetzler zeigt den wohl wichtigsten deutschen Maler seiner Generation, Albert Oehlen, in der Buchmann Galerie stellt Tony Cragg aus, Sarah Morris zeigt neue Filme bei Capitain Petzel und Contemporary Fine Arts bringt Raymond Pettibon mit Anselm Reyle zusammen. Bei Zak Branicka sind die verschwindenden Zahlenbilder von Roman Opalka zu sehen, bei Nordenhake stellt der polnische Konzeptkünstler und Bildhauer Miroslaw Balka aus, der bis April letzen Jahres die große Halle in der Tate Modern bespielte. Klosterfelde zeigt endlich mal wieder John Bock, der auch im Schinkel Pavillon ausstellt und zwei Performances gibt.

Es gibt auch Kunst in neuen Räumen zu besichtigen, wie bei Esther Schipper, der Galerie Barbara Weiss oder bei BQ. Daniel Buchholz hat Nairy Baghramian neu im Programm, und Nina Canell, schwedische Neuberlinerin, stellt gleich in zwei Galerien aus (Konrad Fischer Galerie und Barbara Wien Wilma Lukatsch Galerie). Kitty Kraus, für den Preis der Nationalgalerie nominiert, ist bei Galerie Neu zu sehen, und die Galerie Bortolozzi, obwohl nicht im Gallery Weekend organisiert, zeigt Susan Philipsz, die zur documenta eingeladen ist.

Kunst im politischen Kontext

Für Diskussion wird die Ausstellung von Ai Weiwei bei neugerriemschneider sorgen, und für Zündstoff Santiago Sierra bei Koch Oberhuber Wolff. Sierra sieht soziale Gewalt nicht "als Abkehr von gesellschaftlicher Normalität, sondern als Ausdruck von Kapitalismus und Liberalismus", und das macht seine Kunst nicht leicht konsumierbar. So wird ihm vorgeworfen, er mache die Opfer sozialer Gewalt auch noch zu Opfern seiner Kunst, er führe sie vor und demütige sie. "Wir wollen zeigen, dass Sierra einen tieferliegenden, neuralgischen Punkt sozialer Konditionierung treffen will: eine moralistische Maskierung sozialer Repression," sagen die Galeristen.

Sie stellen mehrere Installationen des Spaniers aus, darunter eine brutal helle und laute, die den Besucher mit 20 Halogenstrahlern blendet und von Dieselmotoren angetrieben wird, deren Abgase mit einem Schlauch aus der Galerie geleitet werden. Es gibt zwei große Fotoarbeiten und ein damit zusammenhängendes Video. Auch eine neue Arbeit ist zu sehen: Nach Sierras Vorgabe steht in einer Ecke der Galerie ein Kriegsveteran, der unter Schuldkomplexen leidet. Zu ihm soll sich der Besucher irgendwie verhalten. Sierra gibt dazu klare Anweisungen: Es muss eine Person sein, die sich mit der Aktion identifiziert, sie soll sich nicht als Objekt fühlen, sie muss korrekt bezahlt werden. Schwer sei es nicht gewesen, solche Kriegsveteranen zu finden, sagt Alexander Koch, man habe mit Veteranenverbänden zusammengearbeitet und erfahren, dass nahezu jeder ausgeschiedene Soldat unter solchen Schuldgefühlen leide - und weder von der Gesellschaft noch von der Bundeswehr Hilfe oder Verständnis bekäme.

So gibt es gleich mehrere Männer, die in der Galerie "aus dem Schatten moralistischer Verdrängung und Verklärung treten", indem sie dort stehen. Es wird sicher spannend zu sehen, wie die Galerie Koch Oberhuber Wolf den Spagat zwischen Sierras Ausstellung und dem Event "Gallery Weekend" hinbekommt, der mit einem Empfangs-Cocktail in der italienischen Botschaft beginnt. Denn Sierra, so die Galerie, verweigere seinem Publikum "die Absolution durch eine kritische Kunst, die repressive Verhältnisse aufklärerisch denunzieren, aber nicht ändern kann". Und er unterbreche "auch den Selbstbetrug der Kunstszene, die gerne glaubt, über einen Ort zu verfügen, der über diese Verhältnisse erhaben sei".

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