Berliner "Goya"-Club Bussi-Bussi im Tanzpalast

Berlins Nachtleben ist legendär - doch eine gediegene Nobeldisko fehlte bisher im Vergnügungssortiment. In der kommenden Woche öffnet das 2600 Quadratmeter große "Goya" seine Pforten. Doch passen "Aktionärslounge" und "Handtäschchen-Halter" in die herbe Hauptstadt?


Berlin - Noch wird gebohrt, gehämmert und geschleift. Wuchtige Marmorplatten werden an Wänden befestigt, Holz-Tresen erhalten den Feinschliff und überall liegt feiner Staub in der Luft. Truppen von Handwerkern haben das Sagen, wo am Donnerstag kommender Woche eine von drei großen Eröffnungsfeiern steigen soll.

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Edelclub "Goya": Ein Tempel für Berlins Schickeria

Es riecht nach Mörtel, Holzspänen und Bauschutt. Nur die Lichtanlage, die getestet wird und die die teils noch unverputzten Wände in sattes Blau, Grün und Rot taucht, deutet bereits auf die baldige Funktion des großen Saales hin. Hier soll eine noble Diskothek entstehen. Schon jetzt rahmen dort, wo seit den siebziger Jahren der rechteckige, düstere Tanzsaal des "Metropol"-Theaters war, geschwungene Balustraden und Säulen das Parkett ein.

Die Hauptstadt, bisher eher bekannt für Techno-Schuppen und frugal ausgestattete Bars, soll einen üppigen Tanzpalast bekommen, in dem Luxus groß geschrieben wird. Auf 2600 Quadratmetern finden dann Tapas-Bar, Küche, Diskothek, eine sogenannte Aktionärslounge und Cocktail-Bars Platz. Noch verbergen sich die schwarzen Lederhocker unter Plastikfolien, zur Eröffnung soll dann aber der 100-Meter-Cocktailtresen errichtet sein - für die Damen geziert mit einem extra angefertigten Handtäschchen-Halter. "Ist das nicht sensationell?", schwärmt Pressesprecherin Alice Brauner begeistert.

Das riesige Gebäude am Schöneberger Nollendorfplatz beherbergte in den zwanziger Jahren das Neue Deutsche Schauspielhaus. Seit den Siebzigern diente der Komplex als Disko und Konzerthalle. Mit dem neuen Konzept soll nun weniger das Berliner Jungvolk als vor allem älteres Publikum angesprochen werden. Gutbetuchte Leute eben, die inzwischen eher Vernissagen besuchen als verrauchte Discotheken.

Disko für Erwachsene

So erklärt sich auch der Name: Bis vor kurzem war in Berlin eine große Ausstellung des spanischen Malers Francisco de Goya zu sehen, die Zehntausende anzog. Von solchen Massen träumt man nun auch im "Goya". Dazu sollen am frühen Abend baskische Speisen unter dem Namen "txoko" (sprich: tschoko) bei einer Art Massen-Candlelight-Dinner verabreicht werden. Der kulinarische Spaß wird für 35 Euro, der Disco-Eintritt für 10 Euro zu haben sein.

In einer knappen Woche sollen sich vor dem imposanten Portal im neoklassizistischen Stil lange Schlangen reihen: die Gästeliste für die Eröffnungsfeier sei ausgereizt, betont Brauner. Und das, obwohl 1500 Gäste in den neuen Edel-Club passen.

Viele der Premierengäste dürften aber nicht nur durch Neugier, sondern vor allem mit ihren Geldbeutel mit dem Goya verbunden sein. Zehn Millionen Euro schwer ist das Projekt von Initiator und Barbetreiber Peter Glückstein. Finanziert wird es hauptsächlich über den Verkauf von Wertpapieren. Rund 2500 Aktionäre brachten der Goya AG bisher 7,75 Millionen Euro ein. Die verbleibenden 2000 Euro kamen durch Firmensponsoring zusammen. 150 Aktienpakete zu 3960 Euro sind noch zu haben. Wer zahlt, erhält lebenslangen freien Eintritt, Zugang zur "Aktionärsebene" im Club - und die Dividende des Amüsiervolks (12 Prozent wurden den Shareholdern versprochen).

Liberale Türpolitik

Wenn alle 2500 Aktionäre ihr Recht auf freien Eintritt inklusive Begleitung wahrnehmen, dürfte es eng werden am 1. Dezember. Einlass in die Diskothek soll dennoch so gut wie jeder erhalten. "Wir wollen keine restriktive, sondern eine integrative Türpolitik durchführen", sagt die Pressesprecherin, die sich vor Jahren in Peter Glücksteins "Bar am Lützowplatz" als Türsteherin übte. Heißt: Turnschuhe und Jeans sollen erlaubt sein. Schließlich seien auch Studenten und Friseurinnen unter den Aktionären, betont Brauner, Tochter des Berliner Filmproduzenten Artur Brauner. Die gelernte Journalistin will im Goya "die Stimmung, nicht die Optik."

Die Fragen nach Deutschlands Promis, die zumindest bei der Eröffnung vor Ort sein werden, gehen der Pressesprecherin und den Machern indes "tierisch auf die Nerven", so Brauner. Das klingt wenig überzeugend, denn für die Finanzierung des Goya wurde vor allem mit Stars und Sternchen geworben. Unter den Aktionären befinden sich die Schauspieler Ralf Herforth und Rolf Zacher, TV-Moderatorin Kim Fisher sowie der Back-Unternehmer Heiner Kamps.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Ganz und gar begeistert gibt man sich bei der Berliner Szene-Konkurrenz. "Wenn das Goya ein Erfolg wird, gönne ich es den Betreibern", sagt Daniel Höferlin, seit einem Jahr Clubmanager des Felix-Clubrestaurants im noblen Adlon-Hotel. Smoking-Träger mit Zigarre, aber auch aufgebrezelte Partypeople tummeln sich unter der Woche gleich an mehreren Tagen in seinem Laden. "Consumer, die für Fashion ihr Geld ausgeben", benennt Höferlin seine Gäste im besten Neudeutsch. Vor wenigen Wochen räkelte sich sogar Pop-Sänger Robbie Williams auf seiner VIP-Couch.

Den exquisiten Spaß bietet Höferlin seiner Bussi-Bussi-Gesellschaft ebenfalls für zehn Euro Eintritt. "Mehr kann man in Berlin nicht nehmen", weiß der Clubmanager. Im Gegensatz zu München, wo etwa das P1 stets prominente Besucher und ein volles Haus vorweisen können, geben es in Berlin einfach "nicht so viele Millionäre", die das Geld locker sitzen haben.

Auch wohlhabendes Bürgertum trifft man in Berlin im Gegensatz zu anderen Großstädten nicht besonders oft. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Jahreseinkommen in der Hauptstadt liegt einer aktuellen Studie zufolge bei 16.169 Euro, in München dagegen bei 28.640 Euro, in Stuttgart bei 24.529 Euro, in Hamburg bei 22.588 Euro.

Kenner der Berliner Szene prognostizieren dem "Goya"-Projekt schlechte Chancen. "So noble Diskotheken halten sich hier in Berlin einfach nicht", meint ein Berliner Clubbetreiber. "Wir sind hier doch nicht in München." Andererseits zieht keine andere deutsche Stadt so viele Touristen an wie Berlin - und auch die nimmt das "Goya" als Kundschaft ins Visier.

Von all den Unken-Rufen, die auch auf die monatlichen Betriebskosten des Ladens in sechsstelliger Höhe abzielen, will sich Alice Brauner. nicht einschüchtern lassen. Schließlich habe der Club ein zweites Standbein als Veranstaltungsraum. Große Gala-Veranstaltungen und Talkshow-Übertragungen seien geplant, erzählt Brauner. Welche, will sie aber noch nicht verraten.



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