Berliner Bahnhofs-Architektur: Unsere Wurst soll länger werden

Hauptbahnhof Berlin: "Die Wurst ist abgebissen" Fotos
Getty Images

Gerhard Schröder hat das Glasdach über den Bahnsteigen des Berliner Hauptbahnhofs angeblich mit einer "abgebissenen Wurst" verglichen - nun fordert Architekt Meinhard von Gerkan: Bei der 2015 geplanten Bahnhofssperrung soll es seine ursprünglich geplante Länge erhalten.

Hamburg/Berlin - In einer an unwirtlichen Orten reichen Stadt wie Berlin ist der Berliner Hauptbahnhof einer der unwirtlichsten. Menschenfeindliche Innenarchitektur mit viel kaltem Beton, unnötig lange Wege, eine Unzahl deprimierender Geschäfte - und vor der Tür noch immer Flächen von steppenartig wirkendem Brachland, als ob man sich nicht in einer mitteleuropäischen Hauptstadt, sondern im kasachischen Astana befände.

2006 eröffnet, ist das Bauwerk in Teilen bereits nach sieben Jahren derart sanierungsbedürftig, dass die oberirdischen Gleise 2015 für knapp drei Monate gesperrt werden sollen. Wie die Bahn ankündigte, muss der Gleisunterbau für 25 Millionen Euro repariert werden. Das Unternehmen will Schwachstellen an der 1,2 Kilometer langen Brücke beheben, die durch den Bahnhof führt.

Diesen Umstand hat der Architekt des Berliner Hauptbahnhofs, Meinhard von Gerkan, nun für ein Plädoyer in eigener Sache genutzt: Er fordert, nun doch das Glasdach über den Bahnsteigen zu verlängern. Er würde es begrüßen, wenn das Dach während der angekündigten Bahnhofssperrung 2015 vollendet würde, teilte Gerkans Büro der Nachrichtenagentur dpa mit. "Nicht nur, dass die Glashülle als Schallschutz für die Umgebung unverzichtbar ist, auch die Proportionen des Berliner Hauptbahnhofs - immerhin die Visitenkarte der deutschen Hauptstadt - würden endlich stimmen."

Die Bahn hatte unter ihrem damaligen Chef Hartmut Mehdorn das von Gerkan geplante Glasdach gekappt, damit der Bahnhof rechtzeitig zur WM 2006 fertig wurde. Statt 450 Meter wurde es nur 320 Meter lang. Der Bundestag empfahl später, das Dach nachträglich zu verlängern, auch der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sprach sich dafür aus.

Nach einer Untersuchung des Bundesverkehrsministeriums aus dem Jahr 2008 würde die Verlängerung 53 Millionen Euro kosten. Gerkan hatte die Kosten auf unter 20 Millionen Euro beziffert. Er warf der Bahn seinerzeit vor, sein Bauwerk verstümmelt zu haben.

In einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung" schrieb Gerkan damals: "Allen Bemühungen meinerseits, Politiker in den höchsten Rängen zu bewegen, diesem Unwesen Einhalt zu gebieten, war kein Erfolg beschieden. Gerhard Schröder meinte: 'Mensch, Gerkan, die Wurst ist lang genug; ich sehe sie jeden Tag.'"

Allerdings habe Schröder sein Urteil revidiert - zwei Jahre später, bei seiner Kanzler-Abschiedsparty sagte er laut Gerkan: "Der Architekt hat recht, die Wurst ist abgebissen. Vorne und hinten."

sha/dpa

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