Berliner Kunst-Biennale: Die Wirklichkeit spricht Körpersprache

Von Karin Schulze

Ob als Zeichnung, Video oder Installation: Bei der 6. Kunst-Biennale in Berlin steht der Körper im Mittelpunkt der Arbeiten. So wird die menschliche Natur wieder rätselhaft - der ideale Ansatz, um die Wirklichkeit zu erforschen.

Vorne ist der Eingang der Kunstwerke mit Brettern vernagelt, hinten im Hof gackern die Hühner und dazwischen durchbricht ein massiver Verhau aus rohem Bauholz die Decke des zentralen Ausstellungsraumes. Das fängt ja gut an.

Die 6. Berlin Biennale, die am Donnerstag eröffnet, rechnet selbst Kulturstaatsminister Bernd Neumann zu den "Leuchttürmen der Gegenwartskunst". Die Bundeskulturstiftung unterstützt sie mit 2,5 Millionen Euro. Seit ihrem Start 1998 präsentiert sie alle paar Jahre, wie sich das junge Kunstgeschehen von Berlin aus darstellt.

Dieses Mal muss man an ihrem zentralen Ort über eine Außentreppe in den Keller hinabsteigen und gelangt erst durch staubige Abseiten mit Luftschutzkellerflair in den großen Saal der Kunstwerke. Dort hinein hat Petrit Halilaj die Konturen seines Elternhauses gesetzt.

Das Gebäude, in dem er in einem Dorf im Kosovo aufwuchs, war im Krieg zerstört worden. Derzeit baut es seine Familie in Priština wieder auf. Halilaj lässt mit den ursprünglichen Verschalungshölzern die Umrisse des Hauses mächtig in den Raum wuchern und noch jenseits der Decke weiterwachsen. Gleich einer lebendigen Reminiszenz an die ländliche Szenerie seiner Kindheit laufen dazu in einer Ecke Hühner herum.

Mit seinem gewaltigen Erinnerungsgerüst und einigen filigraneren, aber ebenso versponnen-eigensinnigen Arbeiten ist der erst 24-jährige Künstler eine der Entdeckung dieser Biennale. Noch dazu passt Halilaj perfekt ins Konzept der Kuratorin Kathrin Rhomberg. Die Osteuropakennerin und ehemalige Leiterin des Kölner Kunstvereins hat ihre Schau "Was draußen wartet" genannt und nach Kunst gefahndet, die sich nicht auf formale oder ästhetische Reflexion kapriziert, nicht melancholisch den Rückzug in die Ateliers pflegt und sich auch nicht als dokumentarisches "Tagesschau"-Korrekturmedium begreift.

Realität? Yes, we can!

Sie hat vielmehr Arbeiten entdeckt, die sich von den Entwirklichungstendenzen unserer Zeit - der Fragmentierung der Identitäten und Weltbilder, der Flüchtigkeit von Beziehungen und Arbeitsverhältnissen - nicht bluffen lässt, sondern Kurs hält auf die Wirklichkeit, die registriert und zugleich erfunden werden muss. Realität? Yes, we can.

Dazu hat Rhomberg ihrer Biennale Konzentration und Reduktion verordnet. Lediglich 45 Künstler hat sie eingeladen, so dass Raum für einige umfassende Einzelpräsentationen bleibt. Eine davon ist dem Über-Realisten Adolph Menzel gewidmet, den Rhomberg für einen der eindrucksvollsten Künstler seines Genres hält.

Tatsächlich macht die kleine, von US-Kunsthistoriker Michael Fried in der Alten Nationalgalerie eingerichtete Schau deutlich, wie Menzel mit seinen Körperskizzen oder einer phantastischen Zeichnung von einem ungemachten, noch körperwarm wirkenden Bett ein enormes Gespür für die physische Dringlichkeit unserer Existenz entstehen lässt.

Auch in einer weiteren Einzelpräsentation in Kreuzberg, wo sich die Biennale auf vier Locations erstreckt, erweist sich der Körper und die an ihn gebundene lebensgeschichtliche Erfahrung als Leitfaden für den Zugriff auf die Realität.

Für seine "Weather Diaries" reist der US-Experimentalfilmer George Kuchar jedes Jahr den Tornados hinterher, die im Mai Oklahoma heimsuchen. Stets nistet er sich in billigen Motels ein, um die Zeit vor dem Sturm mit der Videokamera aufzuzeichnen. Was die Bilder aber vor allem zeigen, sind die alltäglichen und intimen Details seines Wartens. So drängen sich die banalen Seiten der menschlichen Natur vor die Betrachtung des erhabenen Naturspektakels - etwa, wenn der Strudel der Wasserspülung nach einem ergiebigen Toilettengang den nahenden Luftwirbel vorwegnimmt.

Kuchar wird in den Räumen einer Lagerhalle am Mehringdamm gezeigt. Zentrale Biennale-Herberge in Kreuzberg aber ist ein ehemaliges Kaufhaus am Oranienplatz. Hier ballen sich über 30 Arbeiten, bei denen videobasierte Zugriffe auf die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Konflikte dominieren.

Da ist zum Beispiel der Israeli Avi Mograbi, der seinen Kamerablick auf die Soldaten am Checkpoint zu den palästinensischen Territorien richtet. Gegen die waffenstarrende Abwehr des Militärs setzt er dokumentarische Hartnäckigkeit.

Oder Ruti Sela und Maayan Amir: In ihren Videos zeigen sie, wie sie junge Männer in Bartoiletten zu Sex animieren - eine Versuchsanordnung, in der die Kamera zum Akteur wird und gegen die sexuellen Machtverhältnisse agiert.

Beide Arbeiten legen das Biennale-Motto "What is waiting out there" in faszinierender Direktheit aus: Was draußen wartet, ist das, was sich drinnen, was sich am eigenen Leib ereignet.


6. Berlin Biennale. Vom 11. Juni bis zum 8. August in den Kunstwerken, der Alten Nationalgalerie, am Oranienplatz 17 und an drei weiteren Orten in Berlin-Kreuzberg

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