Berliner Kunstszene Glamour für die Potse

Bezahlbar, runtergekommen und schön - für Galeristen sind das Gründe genug, um in die Potsdamer Straße zu ziehen. Wird die Schmuddelgegend jetzt die neue Mitte?

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Klosterfelde

Schon der Name ist Programm: Die "Neue Mitte" heißt die Kneipe in der Berliner Kurfürstenstraße 20 mit braunen Riffelglasscheiben, einem grünen Kunstrasenteppich vor der Tür und robusten beigen Gardinen. Es könnte nämlich sein, dass aus der "neuen Mitte" demnächst ein In-Treff für die Kunstszene wird. Denn die hat gerade die Gegend um die laute, alte, billige und zentrale Potsdamer Straße als neuen Standort entdeckt, zwischen Lützow- und Bülowstraße. Viel Leerstand, viele Billigläden, viele Immigranten - eine von der Stadtplanung vergessene Ungegend gegenüber vom glitzernden Potsdamer Platz. Mit viel Geschichte. Hier gab es Galerien und Verlage wie Rowohlt und Fischer. Hier lebten Fontane, Marlene Dietrich und Joseph Roth. Die schönste Kneipe der Straße mit guten Stullen, mit Fotos und Büchern ist nach dem "Radetzkymarsch"-Schriftsteller benannt - die Joseph Roth Diele.

Als erste Galeristin zog Giti Nourbakhsch vor drei Jahren in die Kurfürstenstraße, die Entscheidung dafür war eher ein Zufall. Sie hatte auf der Suche nach geeigneten Gewerberäumen einen Hof mit zweistöckiger Halle, einem Flachbau und einem Gebäude zum Wohnen entdeckt. Vorn ein großes Tor, dahinter der Hof mit großen Bäumen. Bezahlbar, runtergekommen - und schön, jedenfalls nachdem Nourbakhsch die Gebäude renoviert hatte. "Damals schüttelten die Kollegen den Kopf, dass ich so weit weg gehe, aber mir hat die Nähe zur Nationalgalerie gefallen, dass es ein schwarzer Punkt auf der Landkarte war, und weil ich eine andere Atmosphäre haben wollte als in Mitte." Die hat sie, aber am 25.9. werden die Besucher nicht wegen der Atmosphäre in die Kurfürstenstraße kommen, sondern wegen Tomma Abts' Ausstellungseröffnung.

Nach Giti Nourbakhsch kamen - auch durch reinen Zufall - Salome Sommer und Patricia Kohl, die im Nachbarhaus ihre erste Galerie gründeten. SOMMER & KOHL eröffneten am 26.1.2008 ihren rund 65 Quadratmeter großen Ausstellungsraum in einem damals fast leerstehenden Haus. Das hat sich geändert - über ihnen ist jetzt ein Werbe-Büro und bald eine zweite Galerie. Maribel Lopez, spanische Galeristin, zieht in die Kurfürstenstraße 13 und eröffnet am 18.9. ihre Galerie mit zeitgenössischer spanischer Kunst.

Schräg gegenüber, in einer ehemaligen Eckkneipe, ist seit kurzem die Tanya Leighton Galerie. Früher war die Britin Kuratorin im Filmdepartment des New Yorker Whitney Museums, daher ihr "cross-diziplinäres" internationales Programm in Zusammenarbeit mit Künstlern, Filmemachern und Kuratoren.

Auch Christine Heidemann ist Kuratorin und demnächst Galeristin in der Kurfürstenstraße. Zusammen mit Victor Gisler von der renommierten Züricher Galerie Mai 36 eröffnet sie in einem ehemaligen kolumbianischen Kaffeelager ihre "Reception". Schiefgehen kann nichts, denn beim Renovieren hat Heidemann über der Tür ein intarsiertes Kästchen mit Geld, Federn und Schmuck gefunden - ein Garant für zukünftiges Glück in den drei Räumen mit rund 80 Quadratmetern. Gislers prominente Künstlern werden hier nicht gezeigt, sondern die beiden wollen "eher nicht bekannte interessante Künstler" ausstellen, deren Werke ihnen "Spaß machen". Eröffnet wird mit Fotos, Collagen, Tier-Trophäen und Masken des in Tansania geborenen Düsseldorfers Jens Ullrich, der die Kurfürstenstraße lange kennt. Weil er am Ende der Straße im verglastem Schaufenster-Raum eines scheußlichen Neubaus sein Projekt "Center" organisiert, meist von außen sichtbare, große Malerei-Installationen.

Heidemanns erste Wahl war, wie bei ihren Kolleginnen, nicht die Potsdamer-Straße-Gegend, aber jetzt ist sie "total glücklich" mit ihrem Standort. Besonders auf ihre Kolleginnen freut sie sich, auf Cinzia Friedlaender "mit ihrem intelligenten Programm" zum Beispiel, die vor rund einem Jahr aus Köln kam und in einem Hof in der Potsdamer Straße 105 ihre erste Galerie eröffnete.

Und sie sagt, dass sich die Gegend "krass ändern" wird, "wie in allen Städten, wenn der Leerstand erstmal von Kreativen entdeckt wird". Erste Anzeichen sind schon da, in der Flottwellstraße steht das Bauschild für ein Eigentumswohnungen-Projekt - glatte langweilige Architektenplanung, die mit der Gegend absolut nichts zu tun hat.

Auch in der Potsdamer Straße wird gebaut, aus einem Parkhaus soll ein Hotel werden, obwohl es genug Hotels in der Gegend gibt. Luxuriös sind die nicht, und man muss sie kennen. Die "Villa Amadeus" z.B. liegt in einem gepflasterten Hinterhof, demnächst in neuer Nachbarschaft mit einem "Freien Museum" und der Galerie Eva Bracke gegenüber. Noch ist ihr großer Ausstellungsraum mit den elf Fenstern zum Hof eine Baustelle, aber am 19.9. wird eröffnet, mit großen Gemälden von Florin Kompatscher, "die nie in meine alten Räume reingepasst hätten", sagt Bracke. Und die Kosten? Sind nicht billig, aber bezahlbar.

In das großbürgerliche Haus nebenan, in dessen zwei Läden man entweder orientalisch einkaufen oder sich tätowieren lassen kann, zieht Klosterfelde ein, der einzige Galerist, der sich auf 200 Quadratmeter verkleinert und damit komplett umorganisieren muss. Eine riesengroße Halle hatte er in der Zimmerstraße - da ist jetzt eine Baustelle, und er musste raus. Und warum ausgerechnet in die "Potse"? Zentral, weil ihm der Wohnungsgrundriss gefallen habe und weil die vielen Räume eine Herausforderung für seine Künstler sind.

Klar ist wohl, dass die Gegend um die Potsdamer Straße "kommt". Nur ein paar Probleme gibt es noch: Wohin nach den Vernissagen? Wohin die Sammler in der Nähe einladen? Wird sich sicher bald ändern - vielleicht eröffnet ja bald das Grill Royal eine Dependance.



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